Interview

Klimakonferenz: Bremerhavens AWI-Chefin schlägt Alarm

Eine Einigung bei der UN-Klimakonferenz in Madrid ist nicht absehbar. Die Direktorin des Alfred-Wegner-Instituts Antje Boetius fordert klare Kante.

Prof. Dr. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts.
Antje Boetius fordert deutlich mehr Taten und weniger Symbolpolitik für den Klimaschutz. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Kerstin Rolfes

Kurz vor Ende des Weltklimagipfels in Madrid ist der Frust unter Aktivisten wie Greta Thunberg und vielen Teilnehmern groß: Die Bemühungen, dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen, sind vielen zu halbherzig und der Dramatik der Lage nicht angemessen. Diese Meinung teilt auch Antje Boetius, Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Boetius verfolgt aufmerksam die Ergebnisse der Klimakonferenz, die zum Ziel hat, einerseits die 2015 beim Parisabkommen festgelegten Beiträge aller Nationen zum Klimaschutz möglichst ambitioniert zu aktualisieren und zweitens die Regeln zum weltweiten Handel mit CO2-Emissionszertifikaten zu setzen. Auch das Thema Ausgleich von Kosten der Schäden durch den Klimawandel sollte verhandelt werden.

Kurz vor dem Jahr 2020: Wie ernst ist denn die Lage in Sachen Klima?
Die weitere Zunahme der CO2 Emissionen seit Paris zeigen, dass bisher die Ziele für 2020 nicht erreicht wurden, und auch für die Ziele 2030 machen wissenschaftliche Analysen noch keine Hoffnung. Wir haben nur noch zwischen acht und zwölf Jahre, um das 1,5-Grad-Ziel zu halten. Dieses Gefühl der Eile, der Notwendigkeit, jetzt umzusteuern, das ist jetzt nochmal sehr gut rausgekommen. Wir haben mit unseren Zahlen vom AWI dazu beigetragen, auf diese Eile hinzuweisen, die jetzt geboten ist. Denn die Zahlen vom Meereis-Rückgang, der Gletscherschmelze, vom Verschwinden von dauerhaft schneebedeckten Flächen  – das alles ist wirklich alarmierend.
Hat sich denn schon was verbessert seit der UN-Klimakonferenz in Paris 2015?
Es gibt keinen Indikator, der sich verbessert hat. Sei es Verkehr, fossile Brennstoffe und die Nutzung derer – irgendetwas wo wir sehen, hier haben wir uns zusammengerissen. Da gibt es nichts. Es ist wirklich an der Zeit, ganz ehrlich zu sein und zu sagen, so viel Zeit haben wir noch, so viel CO2 muss weg und einen Plan zu machen, wie wir Schritt für Schritt ans Ziel kommen. Diese Ehrlichkeit wird uns Wissenschaftlern gerade vorgehalten: Ihr nehmt den Mut weg, ihr sollt das Klimapaket loben, ihr sollt den Kindern keine Angst machen. Ich bin der Meinung, wenn Wissenschaftler irgendeine Pflicht haben, ist es, sich der Wahrheit anzunähern. Und die ist: Auf diesem Pfad dürfen wir nicht bleiben.
Es passiert Ihnen zu wenig?
Diese Zahlen belegen: Um das große Ziel bis 2050 klimaneutral zu werden erreichen zu können, braucht es jetzt ein sehr ambitioniertes Maßnahmenpaket auf nationaler und internationaler Ebene, das unbedingt auch die soziale Ausgewogenheit in den Blick nehmen muss. Ich bin der Meinung, dass es jetzt gelingen muss, Schritte einzuleiten, dass der Trend wenigstens stimmt und wir in die richtige Richtung gehen. Da weiß ich auch nicht, warum wir es nicht mit einem besseren Klimapaket geschafft haben. Hoffentlich passiert da was. Aber die ehrliche Antwort ist: Es sind nur noch zehn Jahre oder wir schießen über die 1,5 Grad ordentlich hinaus. Und das ist so ungerecht und führt zu solchen Schäden und Verlusten von Landschaften und Arten. Ich sehe ich einfach nicht ein, dass wir uns das antun.
Was muss sich jetzt konkret verbessern?
Das leben uns andere Länder schon längst vor. Wir sind das Land der Dichter, Denker und Erfinder. Wir haben doch das Wissen, die Techniken – wir haben so viel, um genau dieses Wissen einzusetzen und zu planen, wie man vorankommt mit Technik, Menschen, Kommunikation, sozialer Ausgewogenheit. Ich verstehe nicht, wieso das nicht möglich ist. Es gibt genug Vorschläge.
Sind Klimagipfel noch sinnvoll?
Solche Veranstaltungen sind derzeitig notwendig, weil wir uns immer wieder dran erinnern müssen, dass es möglich ist, zu überprüfen, was die einzelnen Nationen und die Welt insgesamt geschafft hat, um den Pariser Klimazielen näher zu kommen. Es ist auch für uns Wissenschaftler wichtig, auf solche Zeiträume hinzuarbeiten. Zum Beispiel ist jetzt gerade das neue Budget des Global Carbon Projects rausgekommen, wo aufgeschrieben ist, wo wir jedes Jahr mit den globalen Emissionen stehen. Es ist pünktlich vor der Konferenz ein Bericht der UN und der Weltmeteorologischen Konferenz rausgekommen. Wenn man da hinschaut ist es doch erschreckend, dass seit den Pariser Klimazielen nichts Großes geleistet wurde und wir leider immer noch auf dem falschen Pfad sind. Wir sind nicht auf dem richtigen Pfad, die globale Erwärmung auf 1.5 Grad zu begrenzen.

Autor

  • Dirk Bliedtner

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 13. Dezember 2019, 10:45 Uhr