Interview

Bremer Professor über Afghanistan: "Diplomatie ist jetzt gefragt"

Taliban Kämpfer mit Fahnen auf einem Police Truck in Kabul
Blitzartig haben die Taliban am Sonntag die afghanische Hauptstadt eingenommen. Bild: DPA | Sputnik

Nach der Machtübernahme der Taliban am Hindukusch stellt sich die Frage, wie es in dem aufgewühlten Land weitergeht. Ein Bremer Politikwissenschaftler ordnet ein.

Es sind erschreckende Szenen, die sich am Flughafen von Kabul kurz nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan abspielen: Männer und Frauen rennen auf die Startbahnen, klettern auf Fluggastbrücken in der Hoffnung, einen Platz in einem der abfliegenden Flugzeuge zu ergattern. Mehrere Menschen sollen sich an rollende Flieger geklammert haben. Seit Sonntagabend kursieren Bilder und Videos in den sozialen Netzwerken, die die Verzweiflung und die Angst eines großen Teils der Bevölkerung veranschaulichen.

Doch wie konnte es zu einem so raschen Machtwechsel am Hindukusch kommen? Wie sollten sich Deutschland und der Westen den Islamisten gegenüber verhalten? Und welche Folgen könnte das für Deutschland und die europäischen Länder haben? Ein Bremer Politikwissenschaftler versucht, die chaotische Lage einzuordnen.

Prof. Schlichte, im Juni ging der US-Geheimdienst noch davon aus, dass es sechs bis zwölf Monate dauern würde, bis die Taliban das Land zurückerobern. Jetzt, Mitte August, sind sie schon da. Hat man die Lage falsch eingeschätzt?
Ja, ich glaube schon. Vor allem mit Blick darauf, wer oder was die Taliban eigentlich sind. Die Taliban sind eine Art fluiden Netzwerkes, das zwar einen harten ideologischen Kern hat, aber sonst überwiegend aus lokalen und oft sehr instabilen Allianzen besteht. Das erklärt auch den schnellen Vormarsch. Sie sind keine Armee, die sich über das Land in großer Zahl hinwegbewegt. Es sind eher schnell abgeschlossene Bündnisse mit den lokalen Machthabern, die sich jetzt den Taliban anschließen oder unterwerfen, weil sie die Zeichen der Zeit erkannt haben. Das ist keine Front, wie man sich vielleicht die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg vorstellt.
Hätte man das in 20 Jahren nicht erkennen sollen?
Doch, und ich glaube auch, dass das viele verstanden haben. Aber viele andere eben nicht. Das betrifft zum Beispiel die gesamte Berichterstattung: Es wurde immer von den Taliban gesprochen, die man sich als eine feste, begrenzte Organisation vorgestellt hat. Aber natürlich hätte auch die Bundeswehr über die Jahrzehnte lernen können, dass Politik und Krieg in Afghanistan anders funktionieren. Es sind vor allem lokale Machthaber, die entscheiden, wo Krieg geführt wird und wo geschossen wird. Im Grunde genommen hat der Krieg die ganze Zeit aus diesen vielen lokalen Situationen bestanden, wo alle versuchen, in der instabilen Lage ein kurzfristiges Bündnis hinzubekommen, um für die nächste Zeit etwas Ruhe zu haben. Das ist das, was die Politik in Afghanistan ausmacht: diese militärische Logik aus schnellen Bündnissen und Allianzen. Dieses Spiel hätte man, glaube ich, etwas besser verstehen können. Hinzu kommt, dass die lokalen Machthaber den Krieg für sich benutzt haben. Die Unterstützung aus dem Westen ist vor allem den lokalen Eliten zugutegekommen, die von den Zahlungen aus dem Westen abhängig geworden sind.
Genießen die Taliban auch einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung?
Ich kann das nur spekulativ beantworten. Aus der Erfahrung mit afghanischen Studierenden und wissenschaftlichen Publikationen kann ich sagen, dass das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Taliban sehr dynamisch ist. Natürlich sind die Taliban im Kern eine ruchlose ideologische Gruppe, wenn man so will, aber gleichzeitig sind sie eine Organisation, die lokale Bündnisse eingehen muss. Auch die Taliban werden es sich nicht leisten können, sich die gesamte Bevölkerung zum Feind zu machen. Sie müssen Kompromisse eingehen. Wie die ausfallen werden, wissen wir nicht, weil das von lokalen Verhältnissen und von der Stärke des Widerstands abhängt. Man darf aber auch nicht glauben, dass die gesamte Bevölkerung gegen die Taliban ist. In früheren Zeugenberichten sieht man, dass Teile der Bevölkerung für die anfängliche talibanische Herrschaft dankbar waren, weil sie ein Ende des Krieges bewirkt hat. Das könnte sich jetzt wiederholen.
In ihrem Feldzug haben die Taliban wenig Widerstand erfahren. Wie kommt das, nach so vielen Jahren, in denen die afghanischen Truppen vom Westen trainiert wurden?
Was die lokalen Machthaber betrifft, gilt auch für die afghanische Armee - die man übrigens dabei ausgebildet hat, Krieg zu führen, als hätte es in Afghanistan nicht schon genug Expertise gegeben: Wofür sollten sie kämpfen, mit welchen Aussichten? Jeder vernünftige Mensch hätte in dieser Situation genauso reagiert.
Sie sind auf militärische Interventionen und Staatsbildungsprozesse spezialisiert. War der militärische Einsatz der USA in Afghanistan vor 20 Jahren – und von seinen Verbündeten, darunter Deutschland – also ein Fehler?
Die Vorstellung, dass man mit militärischen Mitteln eine Gesellschaft oder ein politisches System einfach so umkrempeln kann, ist eine Illusion. Das Beispiel von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wird immer wieder genannt. Aber das war unter kulturell ähnlichen Bedingungen und in einer Gesellschaft, die eine funktionierende Verwaltung und ein staatliches Gewaltmonopol hatte, mit einer schnell wieder florierenden Industrie. Das sind alles Bedingungen, die es in Afghanistan nicht gibt. Die Bilder, die wir heute sehen, erinnern bis ins Detail an das Ende des Vietnam-Krieges. Die Intervention vor 20 Jahren haben schon damals viele als Fehler betrachtet, und ich würde mich auch dazu zählen.
Würden Sie sagen, dass der Westen in Afghanistan versagt hat?
Na ja, ich weiß nicht, ob "versagen" das richtige Wort ist. Eher desillusioniert. Man hat es vorher schon in anderen Feldern gesehen: Irak, oder bei den Entwicklungen in Libyen. Überall dort, wo man versucht hat von außen mit großen militärischen Einsätzen die Verhältnisse zu richten, ist es fehlgeschlagen. Das hat nur zu einer weiteren Welle der Militarisierung geführt. Die eigentliche politische Kunst würde darin bestehen, lokal politisch auszuhandeln. Das setzt aber voraus, dass man sich mit dem jeweiligen Kontext auskennt – und nicht nur mit der Waffe.
Wie wird jetzt der Westen sich den Taliban gegenüber verhalten müssen? Sie sind schließlich eine extremistische Gruppe, die in der Vergangenheit Frauen unterdrückt und Menschenrechte verletzt hat. Sollte man mit ihnen verhandeln?
Es wird ja verhandelt. Es war vielleicht am Anfang des Krieges der politische Hauptfehler, dass man die Taliban nicht in Verhandlungslösungen mit einbezogen hat. Wahrscheinlich aus dem Grund, dass man es der eigenen Bevölkerung im Westen nicht hätte verkaufen können. Aber die Taliban waren damals der mächtigste Akteur in Afghanistan. Man hätte sie in eine politische Lösung des Krieges einbauen müssen, aber man hat es nicht getan. Und man ist auch nicht in der Lage gewesen, sie militärisch zu besiegen. Jetzt wird verhandelt, seit vielen Jahren. Nicht nur die Deutschen, sondern auch die Amerikaner mithilfe der Golfstaaten tun das. Das ist sinnvoll, weil es die einzige Möglichkeit ist, um Schlimmeres zu verhindern. Aber die Lage hat sich jetzt geändert, denn keine Regierung wird bereit sein, erneut in Afghanistan zu intervenieren. Weil die Kosten dafür zu hoch sind.
Und wie sollte man dann jetzt verhandeln? Hat man noch überhaupt einen Hebel?
Man muss nicht immer mit negativen, militärischen Sanktionen drohen. Man kann auch positive Anreize setzen. Zum Beispiel sagen: "Wenn gewisse Standards eingehalten werden, sind wir bereit, Folgendes zu investieren oder auf folgenden Gebieten zu kooperieren." Jedoch: Wenn man eine politische Lösung erreichen will, muss man das auch mit denen machen, die vielleicht andere ethische Standards haben als man selbst. Das tut man aber in der internationalen Politik die ganze Zeit.
Wer wird durch die neue Situation an Einfluss in der Region gewinnen?
Von den Großmächten glaube ich keiner. Wer am stärksten von den Entwicklungen profitieren könnte, ist mit Sicherheit Pakistan. Weil das Rückzugsgebiet der Taliban über Jahrzehnte im Norden Pakistans gewesen ist. Pakistan wird in Zukunft an Einfluss in der Region gewinnen. Für westliche Regierungen ist es vielleicht zunächst nicht weiter relevant, jedoch stellen sich die Fragen von Flucht und Migration und der Entstehung islamistischer Zentren, in denen Gewalttäter ausgebildet werden. Ich persönlich bin der Meinung, dass Radikalisierung überall stattfinden kann. Doch das Problem könnte sein, dass Afghanistan und Pakistan zu einer Zone der Unsicherheit werden. Aber auch da ist jetzt die Diplomatie gefragt.

Stahmann: "Lage in Afghanistan ist unterschätzt worden"

Video vom 16. August 2021
Anja Stahmann bei einem Interview
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. August 2021, 19:30 Uhr