Darum floh dieser Afghane aus seiner Heimat nach Bremen

Audio vom 17. August 2021
afghanischer Dolmetscher steht vor einem Jeep der Bundespolizei
Bild: Radio Bremen | privat
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Jahangir Gharibdost war Dolmetscher in Kunduz. Nach einem Bombenanschlag reiste er mit seiner Frau nach Bremen aus. Seine Familie blieb – mit schlimmen Folgen.

Vier Jahre lang half Jahangir Gharibdost Bundeswehr und Polizei dabei, afghanische Sicherheitskräfte auszubilden. Dabei wurde er persönlich von den Taliban bedroht und musste ihnen Schutzgeld bezahlen. Auch Anschläge wurden auf ihn verübt. Nach einem Bombenanschlag flüchtete er Ende 2013 mit seiner Frau nach Deutschland. Heute lebt der 33-Jährige in Bremen-Gröpelingen. Und er hält täglich Kontakt zu Bekannten in Afghanistan.

afghanischer Dolmetscher Jahangir Gharibdost
Der Dolmetscher Jahangir Gharibdost half der deutschen Bundeswehr und Bundespolizei in Afghanistan – bis er flüchten musste. Bild: Radio Bremen
Herr Gharibdost, was berichten Ihnen Freunde und Verwandte vor Ort über die aktuelle Lage?
Also, ich habe mit anderen Freunden den Flughafen Kabul kontaktiert. Da sind viele Leute, die sich an die amerikanischen Flugzeuge dranhängen. Zwei oder drei Leute sind da aus der Luft heruntergefallen. Viele andere haben es versucht, sich an die Maschinen drangehängt, an die Reifen, das Fahrwerk. Sie wollen nur gerettet werden. Egal wie, sie wollen raus aus Kabul, weil sie Angst vor den Taliban haben. Die Taliban sagen in den Medien, dass sie gar nichts machen. Aber in der Realität, wenn man sich die Videos und Bilder anschaut und hört, was die Kollegen und Freunde einem erzählen, dann machen die Taliban, was sie wollen. Sie töten alle, die für ausländische Organisationen und Regierungen gearbeitet haben.
Auch Sie werden in Ihrem Heimatland namentlich von den Taliban gesucht. Wie kam es zu Ihrer Flucht?
Das war 2013. Ich war abends gegen neun Uhr zuhause, als eine Bombe der Taliban im Eingang unseres Hauses explodierte. Damals wurde meine hochschwangere Frau verletzt. Sie verlor das Baby. Ich selbst war leicht verletzt, auch die Familie trug Verletzungen davon. Ein paar Tage später hat die Bundespolizei meine Frau und mich nach Deutschland geschickt. 2014, nachdem ich nach Bremen gekommen war, wurde mein Bruder von den Taliban getötet. Auch meine Schwester wurde von den Taliban getötet. Über einen Rechtsanwalt habe ich von Bremen aus versucht, meine Familie hierher zu holen. Seit acht Jahren habe ich dafür gekämpft. Leider hat es nicht geklappt. Der Innensenator und die Verwaltungsbehörden hier in Bremen haben immer gesagt: Afghanistan ist sicher, deine Familie darf nicht nach Deutschland kommen.
Sie haben ja selbst für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet: Was erwarten Sie jetzt von der deutschen Regierung?
Die Bundesregierung, das Außenministerium, das Auswärtige Amt, die wussten schon, was da passiert. Dass der Präsident das Land verlassen und die Taliban kommen würden, das wussten die schon vorher. Aber sie haben so lange gewartet, bis das in der Realität passiert. Letztendlich brauchen diese Ortskräfte notwendige Hilfe. Sie müssen gerettet werden, bevor die Taliban sie alle töten. Ohne die Hilfe der Ortskräfte, der Afghanen, wäre die Mission in Afghanistan nicht möglich gewesen.

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Der Politikwissenschaftler Michael Lüders während einer Schalte mit buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 17. August, 17:40 Uhr