Interview

Die AfD und die Medien: "Ein paradoxes Verhältnis"

Vorwürfe, Hausverbote, Diffamierungen: Immer wieder kommt es zu Eklats zwischen der AfD und Journalisten – auch in Bremen. Was macht das Verhältnis so angespannt?

Fernsehkameras von Medienvertretern auf einer Pressekonferenz
Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Journalisten und der AfD. Bild: Imago | photothek

Es ist keine seltene Meldung, die in Zeitungen und Internetportalen zu lesen ist: Es gab mal wieder irgendwo eine Reiberei zwischen der AfD und Medienvertretern. Vergangene Woche etwa in Brandenburg, als einem BILD-Journalisten bei einer Pressekonferenz der Landtagsfraktion Fragen untersagt wurden und daraufhin alle Journalisten den Saal verließen. Oder vor ein paar Tagen im bayerischen Erding, wo die ortsansässige AfD für alle Journalisten der Süddeutschen Zeitung ein Hausverbot ausgesprochen hat.

Auch in Bremen gab es einen Vorfall: In einem Facebookpost nannte die Bremer AfD einen Reporter von Radio Bremen namentlich, kritisierte seine Berichterstattung und bezeichnete ihn unter anderem fälschlicherweise als ANTIFA-Aktivist. Auch etliche Monate nach der Bundestagswahl scheint sich das Verhältnis AfD und Medien also immer noch nicht entspannt zu haben. Doch warum verhält sich die AfD so, wie sie sich verhält? Welche Motive, welche Strategien verstecken sich hinter derartigen Schritten? Und wie gehen Medien am besten damit um? Rechtsextremismus-Experte David Begrich äußert sich dazu im Interview.

Herr Begrich, nirgends kommt es zu so vielen Eklats zwischen Medien und Partei wie bei der AfD. Wie lässt sich deren Medienverhalten charakterisieren, und was macht es schwierig?
Das Verhältnis der AfD zu den Medien ist eben ein paradoxes. Auf der einen Seite will man sich der Medien bedienen, um reichweitenstark die eigenen Inhalte zu transportieren, auf der anderen Seite möchte man sich bestimmten Formen der Kritik, die ja auch von öffentlich-rechtlichen Medien an die AfD herangetragen werden, entledigen. Im Grunde muss man versuchen, sich die strategische Kommunikation der Partei unter zwei Aspekten genauer anzuschauen. Das eine ist: Welche Kernzielgruppe hat die AfD? Das sind in der Regel Menschen, die frustriert sind mit der Funktionsweise des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, und eine massive Kritik vorbringen an der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien. Diese beiden Aspekte werden immer und immer wieder miteinander vermengt und manifestieren sich dann in Begriffen wie dem der Lügenpresse. Und der zweite Aspekt, der eine Rolle spielt, ist die Polarisierung.

Am Ende der Kommunikationskette ist die AfD immer diejenige, die Opfer der Medien ist.

David Begrich, Rechtsextremismusforscher
Wie genau funktioniert die Polarisierung in diesem Schema?
Die strategische Kommunikation der AfD pendelt sozusagen ständig zwischen Polarisierung und Tabubruch, was dazu führt, dass sie eine unendliche Schleife an Aufmerksamkeit für sich erzeugt. Das sieht man beispielsweise ganz gut, wenn man sich einzelne Reden von Bernd Höcke samt der anschließenden Berichterstattung anguckt. Man kann dann beobachten, dass die Partei schon in gewisser Weise mit diesem Balanceakt spielt: Wie weit kann man gehen, bis ein vermeintlicher oder tatsächlicher Tabubruch dann auch politisch und medial thematisiert wird? Und jede Sanktion, jede Form des Widerspruchs aus dieser Richtung wird dann wiederum bei der Kernzielgruppe als Beleg dafür interpretiert, dass es in Deutschland eine eingeschränkte Meinungsfreiheit gäbe. Das heißt, das ist für die AfD in der strategischen Kommunikation so etwas wie ein strategisches Nullsummenspiel, denn am Ende der Kommunikationskette sind sie immer diejenigen, die die Opfer der Medien sind.
Nun kommt es eben auch dazu, dass Journalisten in Presseerklärungen persönlich angesprochen und diffamiert werden, wie jetzt kürzlich in Bremen geschehen. Ist das Wut über die Berichterstattung, oder was steckt hinter so einer Ansprechhaltung?
Das folgt so ein bisschen dem Muster, die öffentlich-rechtlichen Medien in ihrer Ausgewogenheit und Seriösität in Frage zu stellen. Diese und ähnliche Vorwürfe werden ja immer wieder vorgebracht, vor allem gegen Journalisten, die im investigativen Bereich recherchieren. Das ist ja gar keine neue Situation, die Sie da beschreiben, sondern für die AfD sozusagen Alltag – oder zumindest für einzelne Funktions- und Mandatsträger. Kritischer Berichterstattung zu entgegnen, indem man persönlich diffamierend wird, das ist ein Stück weit vielleicht auch eine Einschüchterungstaktik. Und ich glaube, dem kann man nur entgegentreten, indem man Kontinuität zeigt. Diese Kontinuität dann aber auch seinerseits nicht künstlich auflädt, mit pauschalen Urteilen oder Grundhaltungen. Da machen auch Medien immer wieder Fehler.
Wo Sie gerade von Fehlern seitens der Medien sprechen: Welche haben sich diese Ihrer Meinung nach noch geleistet?
Man muss ganz klar sagen: Es hat so etwas wie einen Normalisierungs- oder Gewöhnungseffekt in den Medien im Diskurs um die AfD gegeben. In dem Sinne, dass Aussagen von AfD-Funktionären, die früher für einen hammerharten Skandal gesorgt hätten, den Journalisten mittlerweile in gewisser Weise durchrutschen, weil es Alltag ist. Es ist Alltag, dass sich AfD-Funktionäre entsprechend äußern. Und es daher einen Abstumpfungseffekt gibt. Das halte ich für das politische Klima des Landes für nicht gut.

Man muss nicht immer gleich die Moralsirene anschmeißen, wenn da mal bestimmte Worte fallen. Aber es muss klar sein, wo die Grenze verläuft.

David Begrich, Rechtsextremismusforscher
Aber immer direkt medial auf Äußerungen einzugehen, ist das nicht ein Stück weit auch die Stöckchenspringerei, die sich die AfD in gewisser Weise erhofft?
Man muss nicht immer gleich die Moralsirene anschmeißen, wenn da mal bestimmte Worte fallen. Aber es muss klar sein, wo die Grenze verläuft. Wo die Grenze verläuft, das muss auch immer wieder diskutiert werden. Was nicht passieren darf, ist eine Normalisierung politischer Diskurse in der Öffentlichkeit. Da ist die Gefahr, die ich im Moment sehe, und da sind die Medien auch gefragt, immer wachsam zu bleiben. Solche Wortschöpfungen wie "Asylindustrie" erleben sonst Konjunktur, ohne genügend hinterfragt zu werden. Wenn man als Journalist derartige Begriffe aufgreift und selbst benutzt, dann muss man dazu auch selbst Kontexte liefern. Das scheint mir ein großes Manko in der Berichterstattung zu sein. Denn die Formate, die in der politischen Berichterstattung zur Verfügung stehen, erlauben es in ihren Eigenschaften eher selten, ebensolche Kontexte zu übermitteln.
Auch das Alter der Debatte zeigt ja, dass es wirklich nicht leicht ist, in einer Berichterstattung die Wogen zu glätten. Was wäre abschließend ihr Rat für die zukünftige Handhabung der AfD in den Medien?
Ich denke, man muss realisieren, dass man auf dem Feld, auf dem die AfD kommuniziert, also dem Populismus, nicht gewinnen kann. Und da sollte man auch nicht versuchen zu punkten. Man muss das Feld der inhaltlichen Auseinandersetzung sozusagen wechseln und die Frage stellen: Was ist das konkrete Politikangebot, was sind die Argumente... all das, was Journalisten in anderen Bereichen auch machen, bei der AfD genauso umzusetzen – mit dem Zusatz, dass man schauen muss: Was ist die Motivlage eines Mandats- und Funktionsträgers der AfD? Weil wir ja nunmal mittlerweile auch wissen, dass einige Personen aus einem offen rechtsextremen Kontext kommen. Und den muss man versuchen zu erschließen.

Rechtsestremismus-Experte David Begrich
Bild: Deutschlandfunk Kultur

Zur Person:
David Begrich arbeitet als Experte für Rechtsextremismus beim Verein Miteinander e.V. in Sachsen-Anhalt. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit der AfD als Partei sowie als Medienphänomen.

  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 17. Mai 2018, 23:20 Uhr