Interview

Das fordern angehende Abiturienten von Bremens Bildungssenatorin

Claudia Bogedan will wegen der Corona-Pandemie Abiturprüfungen verschieben. In einem offenen Brief üben Schülervertreter nun Kritik. Sie fühlen sich von der Politik übergangen.

Eine Schülerin sitzt vor dem Wohnzimmertisch auf dem Boden und brütet über Schulbüchern und macht sich Notizen.
Viele Bremer Schülerinnen und Schüler sprechen sich gegen eine Verschiebung der Abiturprüfungen aus. (Symbolbild) Bild: Imago | Panthermedia

Bremer Schulsprecher und Schulsprecherinnen und Schülervertreter haben in einem Online-Meeting über die mögliche Verschiebung des Abiturs 2021 in Bremen diskutiert. Eine solche Verschiebung lehnen sie ab und stellen in einem offenen Brief Forderungen an Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD): Demnach könnte man den Bewertungshorizont für ihre Prüfungen überarbeiten oder einzelne Prüfungsthemen streichen. Sollte es bei der Abiverschiebung bleiben, haben die Schüler auch einen Vorschlag.

Was wollt ihr als Abschlussjahrgänge der Bremer Bildungssenatorin in eurem offenen Brief sagen?
Marie Graffstedt: Wir fühlen uns übergangen. Frau Bogedan hat zwar mit dem Zentralen Elternbeirat gesprochen, aber nicht mit uns Schülern, den Lehrern oder unseren Schulleitungen.
Amely Broda: Die Zeit könnte besser genutzt werden: Wenn das Abitur um einen Monat verschoben wird, dann fragen wir uns: Reicht dieser eine Monat aus, um den Stoff zu wiederholen, den wir durch Corona nicht lernen konnten? Zwar soll der prüfungsrelevante Unterricht laut Beschlussvorlage um zwei Wochen verlängert werden, das bedeutet aber auch, dass mehr zeugnisrelevanter Unterricht stattfindet.
Janne Möller: Wir sind mit der Abiturverschiebung nicht zufrieden: Wir finden aber gut, dass die Bildungsbehörde versucht mit der Situation umzugehen und die dadurch entstandenen Nachteile auszugleichen. Eine Abiturverschiebung ist für uns aber nicht zielführend.
Was sind konkret eure Forderungen an die Bildugnssenatorin, die ihr im Brief formuliert habt?
Janne Möller: Wir wollen uns explizit auf die Prüfungsfächer vorbereiten und wünschen uns, dass nur prüfungsrelevanter Unterricht verlängert wird. Der normale Unterricht wird durch die Abiturverschiebung mit verlängert, der wirklich prüfungsvorbereitende Unterricht allerdings nur um wenige Unterrichtstage.
Aber wir sind da total offen, wir würden gerne mit der Bildungsbehörde in Diskurs treten, um zu besprechen, wie man ein möglichst faires Abitur schaffen kann.

Es ist klar, dass Politiker nicht in allen Themen voll drin sind, aber es ist schade, dass wir es den Politikern erklären müssen.

Eine Schülerin lächelt in die Kamera.
Marie Graffstedt, Schulsprecherin des Gymnasiums an der Hamburger Straße
Marie Graffstedt: Anstatt das Abitur zu verschieben, könnten wir uns vorstellen, dass der Erwartungshorizont in den Prüfungen angepasst wird. Dann könnten die Lehrer uns besser bewerten, weil diese wissen, was sie geschafft haben und was nicht. Oder: Prüfungsthemen streichen, wie es in Mathe schon der Fall ist.
Amely Broda: Es gibt verschiedene Meinungen, wie das Abitur corona-gerecht angepasst werden kann, auch aus der Bremer Schülerschaft. Bei mir am Technischen Bildungszentrum Mitte (TBZ) haben viele schon einen dualen Ausbildungsplatz, da würden die das Durchschnittsabi bevorzugen, andere wollen mit der Prüfungsnote noch ihren Schnitt verbessern.
Wenn es bei der Abiturverschiebung in Bremen bleibt, welche Folgen hat das für euch als Abschlussjahrgang?
Janne Möller: Wir befürchten, dass es Probleme mit den Universitäten geben könnte. Da gibt es Bewerbungsfristen, die wir nicht einhalten können, da Bremen als einziges Land jetzt diese Abiturverschiebung beschließen will.
Manche Schüler sind auch darauf angewiesen, vor dem Studium zu arbeiten. Die befürchten jetzt, dass sie sich das Studium nicht mehr leisten können
Marie Graffstedt: Durch die Abiverschiebung müssen auch Auslandaufenthalte oder Jobs verschoben werden – wie alles, was trotz der Corona-Situation geplant werden konnte.

Die Perspektiven, die wir uns geschaffen haben, werden uns durch die Abiverschiebung wieder genommen.

Eine Schülerin lächelt in die Kamera.
Marie Graffstedt, Schulsprecherin des Gymnasiums an der Hamburger Straße
Amely Broda: Bei uns am TBZ ist das oft so, dass wenn wir ein duales Studium anfangen wollen. Dafür brauchen wir ein Vorpraktikum und das wird schon durch Corona und jetzt auch durch die Abiverschiebung erschwert.

Das Problem bei allen Corona-Beschlüssen in der Bildung ist, dass sie die sozialen und ökonomischen Verhältnisse noch verschärfen. Menschen werden weiter benachteiligt, wenn das fortgesetzt wird.

Eine Schülerin lächelt in die Kamera.
Amely Broda, Delegierte des Technischen Bildungszentrums Mitte (TBZ)
Wenn ihr jetzt direkt mit Frau Bogedan sprechen könntet, was würdet ihr der Bildungssenatorin sagen?
Marie Graffstedt: Ich würde ihr sagen, dass es absolut nicht in Ordnung war, uns zu übergehen. Sie entscheidet über unsere Zukunft und einen Teil unseres Lebens und wir können nichts tun. Ich würde versuchen sie zu überzeugen, mehr auf uns Schüler einzugehen und ihr erläutern, warum wir gegen ihre Beschlüsse sind.

Wir sind die, die von Corona mit am meisten betroffen sind, weil uns so viele Möglichkeiten genommen werden. Wir haben nur diese eine Möglichkeit, das Abitur zu schreiben und das wird unseren Lebensweg nachhaltig bestimmen.

Eine Schülerin lächelt in die Kamera.
Amely Broda, Delegierte des Technischen Bildungszentrums Mitte (TBZ)
Janne Möller: Wir wollen, dass mit uns gemeinsam entschieden wird und nicht für uns. Es geht ja um unseren Abschluss. Es wäre auch schon ein Fortschritt, wenn man zumindest unsere Lehrkräfte und Schulleitungen fragen würden, wie es bei denen läuft. Wünschenswert wäre einfach eine gute Kommunikation zwischen Bildungsbehörde und den Schulen.
Wie läuft der prüfungsvorbereitende Unterricht momentan in euren Abschlussjahrgängen?
Janne Möller: Wir am alten Gymnasium haben jeden zweiten Tag Präsenzunterricht und die anderen Tage Distanzunterricht oder werden per Online-Konferenz zugeschaltet. Das wechselt wochenweise. Das läuft gerade ganz gut – wesentlich besser als im ersten Lockdown.

Viele Schüler und Schülerinnen sind psychisch durch dieses Entscheidungs-Hin-und-Her stark belastet: Wir wünschen, dass diese Belastung irgendwann aufhört. Wird das Abi jetzt noch verschoben, dann verlängert sich der eh schon hohe Stress.

Eine Schülerin lächelt in die Kamera.
Janne Möller, Schulsprecherin des Alten Gymnasiums
Amely Broda: Mein Schulalltag besteht aktuell aus Telefonkonferenzen. Viele Aufgaben werden werden nicht face-to-face in Video-Konferenzen aufgegeben, sondern schriftlich. E-Learning ist definitiv anstrengender als in die Schule zu gehen, allein weil die Schule ein Ort ist, an dem man Lernen kann und nicht so viele andere Einflüsse hat. Fünf Stunden in einer Telefonkonferenz zu sein fühlt sich wie ein langer Tag an.
Marie Graffstedt: Mir persönlich fällt es durch die Online-Konferenzen und das Unterrichtsstreaming recht leicht dem Unterricht zu folgen, aber ich habe noch Lern-Lücken aus dem letzten Jahr und bin mir nicht sicher, ob das für die Abiprüfungen reicht, um meinen Schnitt zu halten.

Schule in Bremen: Zwischen Präsenzunterricht und Homeschooling

Video vom 21. Januar 2021
Ein junges Mädchen sitzt an einem Tisch zu Hause und macht Hausaufgaben, vor ihr steht ein Laptop.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Marike Deitschun Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Januar 2021, 19:30 Uhr