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Bremerhavener Studie zeigt: Plastik-Müll dringt bis in die Arktis vor

Ein Schiff zieht ein Forschungsgerät durchs Meer.
Ein Katamaran wird für eine Untersuchung der Plastikverschmutzung im Arktischen Ozean an die Seite des Eisbrechers Polarstern gezogen.
Bild: Alfred-Wegener-Institut | Esther Horvath

Obwohl in der Arktis deutlich weniger Menschen leben, ist sie ähnlich stark mit Plastikmüll verschmutzt wie dichter besiedelte Regionen. Das zeigen Forschende des AWI und schlagen Alarm.

Die Arktis, eine weitgehend unberührte Wildnis – dieses Bild entspricht nicht mehr der Realität. Das sagen Forschende des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven. In ihrer nun erschienenen internationalen Übersichtsstudie zeigen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass sich Plastik bereits in allen Bereichen der Arktis findet: im Wasser, am Strand, am Meeresboden, im Schnee und im Eis. Und die Verschmutzung nimmt demnach weiter zu.

Gründe liegen vor Ort, reichen aber auch bis zu uns. Die Folgen der Verschmutzung mit kleinstem Mikroplastik können für Umwelt, Tier und auch Mensch verheerend sein. Denn das Plastik belastet nicht nur die Ökosysteme, sondern gelangt auch ins menschliche Blut und könnte sogar den Klimawandel befeuern.

Eine Frau im Laborkittel hält Tüten mit Plastikteilen in den Händen.
Melanie Bergmann vom Bremerhavener AWI sortiert Plastik-Müll, der in Spitzbergen gefunden wurde. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Esther Horvath
Zu welchem Ergebnis kommt die Studie des AWI?
Die Folgen der Plastikverschmutzung sind ernst. Schon heute kommen praktisch alle untersuchten Meeresbewohner – vom Plankton bis zum Pottwal – mit Plastikmüll und Mikroplastik in Berührung. Wie die aktuelle AWI-Studie zeigt, bleibt auch der hohe, abgelegene Norden nicht verschont.

Nicht nur der Klimawandel schlage in den nördlichen Breiten besonders hart zu, auch die Plastikflut habe den Arktischen Ozean rund um den Nordpol längst erreicht und steige weiter an. Die Studie hat herausgefunden, dass dort ähnlich viel Plastikmüll zu finden ist wie in anderen, viel stärker bewohnten Regionen der Welt.
Wie kommt das Plastik in die Arktis?
Über mehrere Wege: Plastik gelangt aus den arktischen Siedlungen in die Umwelt, etwa von offenen Mülldeponien. "Die Menschen, die dort leben, finden leider sehr häufig keine ausreichenden Müllentsorgungssysteme vor", sagt AWI-Biologin Melanie Bergmann. "Das heißt, es wird dann in Grönland einfach in Landdeponien oder wild entsorgt." So gelangt Müll ins Wasser oder im Schnee auf Gletscher.

Ein Großteil des Plastiks kommt aber ganz woanders her – aus Europa oder Asien. Denn Strömungen im Atlantik, in der Nordsee oder im Pazifik treiben den Müll tausende Kilometer weit in den Norden, wo er sich im Arktischen Ozean ergießt.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Fischerei, sagt Bergmann. Teilweise würden Netze absichtlich im Meer entsorgt. An einem Strand auf Spitzbergen stammte fast 100 Prozent des gefundenen Plastiks aus dieser Quelle.
Fast zwei Lkw- Ladungen pro Minuten gelangen weltweit in die Gewässer. Das entspricht fast zwei Lkw-Ladungen p r o Minute. 19 bis 23 Millionen T onnen Plastikmüll gelangen weltweit p r o Jahr v om Land in die Gewässe r .
Quelle: WWF und AWI
Welche Folgen hat Mikroplastik für Tiere und Menschen?
Zu den Auswirkungen speziell auf arktische Meeresorganismen existieren laut Bergmann noch wenige Studien. Viel spräche jedoch dafür, dass die Folgen ähnlich gravierend seien wie in besser untersuchten Regionen: "Auch in der Arktis verheddern sich viele Tiere – Eisbären, Robben, Rentiere und Meeresvögel – im Plastik und sterben." Sie seien mit dem extremen Klimawandel, der in der Arktis drei Mal schneller voranschreitet als im Rest der Welt, sowieso schon starkem Stress ausgesetzt, nun komme auch noch Plastik dazu.

Generell schadet Mikroplastik auch Menschen. Erst kürzlich konnten Forschende der Vrije Universiteit Amsterdam erstmals winzige Plastikpartikel im menschlichen Blutkreislauf nachweisen. Wie die Deutsche Welle berichtet, hatten in einer Studie 17 von 22 Versuchsteilnehmende Plastik im Blut. Außerdem zeigt demnach eine Studie der MedUni Wien, dass durchschnittlich pro Kopf und Woche fünf Gramm Plastik im menschlichen Magen-Darmtrakt landen – in etwa das Gewicht einer Kreditkarte.

Bergmann glaubt, dass diese Ergebnisse keine Eintagsfliege sind und diese Auswirkungen in der Arktis genau so ein Problem sind, wie an anderen Orten auch. "Wir haben nochmal betont, dass es eben auch den Menschen betrifft und nicht nur die Tierwelt."
Plastikteile mit Beschriftung liegen auf einem Tisch.
Von Teilen des in der Arktis gefundenen Mülls konnten die Forschen eine Herkunft bestimmen. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Esther Horvath
Gibt es auch Folgen für Klimawandel?
An der Stelle ist die Datenlage noch dünn. "Hier gibt es dringenden Forschungsbedarf", sagt die AWI-Expertin. "Denn erste Studien liefern Indizien dafür, dass eingeschlossenes Mikroplastik die Eigenschaften von Meereis und Schnee verändert." So könnten etwa dunkle Partikel im Eis dazu führen, dass es mehr Sonnenlicht absorbiert und schneller schmilzt. Das wiederum verstärkt die globale Erhitzung. Außerdem könnten Plastikteilchen in der Atmosphäre das Wetter und langfristig das Klima beeinflussen.
Was könnte helfen, um das Problem zu lösen?
Die im Februar auf der UN-Umweltkonferenz beschlossene Resolution für ein globales Plastikmüll-Abkommen ist laut Bergmann ein wichtiger erster Schritt. Insgesamt müsse die Plastikproduktion gebremst werden. "Mit Recycling allein kriegen wir das Problem nicht in den Griff, dass haben wissenschaftliche Studien bereits gezeigt", so die Forscherin.

Und in Bezug auf die Fischerei schlägt Bergmann vor, die Gebühren für alte Netze in den Häfen nicht mehr an die Menge zu koppeln. Das könnte den Anreiz nehmen, Netze illegal zu entsorgen. Zusätzlich müssten die Staaten rund um den Arktischen Ozean ihre Müllsysteme verbessern.

Autorinnen und Autoren

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 5. April 2022, 11 Uhr