Interview

Bremer Pharmakologe nennt schnelle Paxlovid-Zulassung "hanebüchen"

Symbolfoto einer Corona-Pille Paxlovid von Pfizer
Themenbild / Symbolfoto Corona-Pille Paxlovid von Pfizer. Anti-Covid-Pille: Regierung kauft eine Million Packungen. Corona-Pille von Pfizer reduziert Klinikrisiko.

Corona-Medikament Paxlovid soll im Januar einsatzbereit sein

Bild: DPA | Frank Hoermann / Sven Simon

Arzneimittelexperte Bernd Mühlbauer bezeichnet die Pläne Karl Lauterbachs, das Covid-19-Medikament in Deutschland schneller zuzulassen, als politischen Aktionismus.

Das Bundesgesundheitsministerium hat rund eine Million Packungen des Covid-19-Medikaments Paxlovid bestellt. Eine weitere Million ist reserviert. Allein für Bremerinnen und Bremer stünden somit vielleicht schon Ende Januar rund 10.000 Behandlungseinheiten zur Verfügung. Wir haben mit dem Bremer Pharmakologen Bernd Mühlbauer über das neue Medikament, die Pläne von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und den Vergleich zwischen Impfung und Tablette gesprochen.

Herr Mühlbauer, freut es Sie, dass allein im Land Bremen bald rund 10.000 Behandlungseinheiten des Covid-19-Medikaments Paxlovid zur Verfügung stehen werden?
Meine Antwort ist gedämpft positiv. Verabreicht wird Paxlovid ja erst dann, wenn bereits Symptome aufgetreten sind. Und für diese Menschen wird die bestellte Menge eine Weile lang reichen. Aber man muss natürlich ein bisschen vorsichtig sein, was die Effekte von Therapien betrifft. Denn in der Breite der Bevölkerung und im medizinischen Alltag sind diese meist schlechter als in klinischen Studien.
Der Hersteller Pfizer spricht davon, dass in 88 Prozent der Fälle die Gefahr einer Krankenhauseinweisung oder eines Todes gesenkt oder verhindert wird. Muss man solche Zahlen in der Realität also herunterrechnen?
Das muss man auf jeden Fall. Und was man bei diesen 88 Prozent besonders beachten muss, ist, dass wir von relativen Risiken reden. Gehen wir davon aus, dass von hundert Menschen, die sich infizieren, zehn so krank werden, dass sie ins Krankenhaus müssen, dann kann man das durch dieses Medikament vielleicht um Faktor 0,8 reduzieren. Dann müssen im Schnitt noch zwei ins Krankenhaus. Das ist schön, aber diese zwei sind da immer noch im Krankenhaus. Das heißt, ich traue solchen Medikamenten eine gewisse Effektivität zu, den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen. Aber der Effekt einer Impfung ist demgegenüber zahlenmäßig deutlich überlegen. Und da wähle ich doch für mich persönlich lieber die Variante, die mich gar nicht symptomatisch werden lässt und überhaupt das Risiko senkt, ins Krankenhaus zu kommen.
Was ist mit Menschen, die sich – auch wenn sie es wollen – nicht impfen lassen können?
Für diese Menschen ist das Medikament eine gute Nachricht. Das kann zum Beispiel für Menschen in hohem Alter oder für Tumorpatienten gelten, deren Behandlung eine Immunabwehr unterdrückt. Das gilt auch für Menschen mit chronischem Rheuma.

Aber wenn ich grundsätzlich durch eine Impfung verhindern kann, dass ich einen schweren Krankheitsverlauf nehme, dann ziehe ich selbstverständlich diese Variante vor. Anders formuliert: Es ist immer gut, ein Ersatzrad im Auto dabeizuhaben. Aber noch besser ist es, eine Reifentechnologie zu haben, die es sehr unwahrscheinlich macht, dass ich überhaupt am Straßenrand liegenbleibe.
Für Impfstoffe gilt in der Corona-Pandemie bislang folgendes Prozedere: Zunächst gibt die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) eine Empfehlung für eine Zulassung ab, erst dann wird darüber auch in Deutschland entschieden. Beim neuen Arzneimittel Paxlovid soll sich dies nun ändern. Nicht die EMA, sondern das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll eine nationale Zulassung vorbereiten, damit das Medikament noch vor der EMA-Zulassung in Deutschland genutzt werden kann. Gelten denn bei Impfstoffen strengere Vorschriften als bei Medikamenten?
Also ich finde das hanebüchen. Und ich würde das komplett ablehnen. Das bezichtigt ja sozusagen die EMA, also eine europäische Behörde, der Untätigkeit. Ich halte das für politischen Aktionismus, den ich ablehne. Man muss dazu auch wissen, dass die EMA hervorragend organisiert ist. Ihr wird von allen nationalen Behörden zugearbeitet – unter anderem auch vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Eigentlich ist das eine Ohrfeige auch für die nationalen Zulassungsinstitute, die eng mit der EMA zusammenarbeiten.
Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat der neuen Tablette bereits am 22. Dezember eine Notfallzulassung für Risikopatienten ab zwölf Jahren erteilt. Erwarten Sie das auch für Deutschland?
Hier müssen wir unterscheiden: Reden wir über Risikopatienten oder über Normalpatienten? Bei Normalpatienten, das gilt auch für Jugendliche, da würde ich die Anwendung strikt ablehnen. Auch deshalb, weil diese Population meist nicht schwer an diesem Virus erkrankt. Dementsprechend darf man sie nicht gegen irgendetwas schützen mit einem Medikament, über dessen Risiken die Daten noch gar nicht vorliegen können. Bei Risikopatienten sehe ich das ein bisschen anders. Ein Zwölfjähriger mit einem schweren Herzfehler, der ist natürlich ernster vom Virus bedroht. Da freue ich mich dann, dass es so eine Notfallzulassung gibt.
Ein Hinweisschild auf die Maskenpflicht wurde durchgestrichen
Das neue Medikament sollte Bernd Mühlbauer zufolge niemand zum Anlass nehmen, auf Impfungen oder andere Corona-Maßnahmen zu verzichten. (Symbolbild) Bild: Imago | Shotshop
Als Nebenwirkungen werden bislang vor allem Durchfall, Bluthochdruck und Muskelschmerzen genannt. Sind diese Risiken aus Ihrer Sicht überschaubar?
Kurzfristig sehen die Nebenwirkungen in den klinischen Studien sehr verträglich aus. Wir wissen aber noch nicht, was da möglicherweise in einem Jahr entdeckt wird, wenn wir genügend Daten gesammelt haben. Deshalb bin ich da immer etwas vorsichtig. Und deshalb handelt es sich ja auch zunächst noch um ein nicht ordentlich zugelassenes Medikament. Das gilt so ja auch für die Impfstoffe – auch sie sind bislang nicht ordentlich zugelassen. Das habe ich anfangs auch kritisiert. Inzwischen haben wir allerdings ein paar Milliarden Geimpfte. Und die Datenlage zeigt, so ganz gruselig sind die Nebenwirkungen nicht. Sie zeigt auch, dass die Impfung letztlich das einzig Wirkungsvolle ist, was wir zurzeit gegen diese Pandemie haben. Das muss man einfach so akzeptieren.
Paxlovid basiert auf einem Wirkstoff, der auch zur Behandlung von HIV-Patienten eingesetzt wird. Was musste der Hersteller anpassen, damit die drei Tabletten, die bei ersten Symptomen zweimal täglich eingenommen werden, auch bei Covid-19-Infektionen wirken?
An dem Medikament musste Pfizer im Grunde nichts machen. Der Wirkstoff adressiert den gleichen Mechanismus. Einfach formuliert geht es darum, wie ein Virus an der Zellmembran andockt und sich nach innen transportieren lässt, also eine Wirtszelle betritt. Und wie er sich dann von den zelleigenen Vermehrungsfabriken – Ribosomen nennen wir die – vermehrt. Das funktioniert beim HI-Virus so wie beim Coronavirus. Pfizer musste nur nochmal eine klinische Studie dazu durchführen.
Die US-Regierung hat für zehn Millionen Behandlungseinheiten von Paxlovid rund 5,3 Milliarden US-Dollar bezahlt. Das sind rund 500 Euro pro Einheit. Ist das ein Preis, der auch für die Lieferung nach Deutschland realistisch ist?
In Anlehnung an den amerikanischen Preis wird das Medikament auch in Europa zu ähnlichen Preisen eingekauft werden. Eine Impfung kostet einen Bruchteil davon. Und dann sind wir wieder beim Reserverad. Warum sollte ich mir ein goldenes Reserverad ans Auto zu schnallen, wenn ich für günstigeres Geld pannensichere Reifen fahren kann? Daher nochmal: Ich lehne das Medikament nicht ab. Ich warne aber davor, dass es ein Hype wird. Insbesondere habe ich Angst, dass es die Impfgegner noch mehr überzeugen wird, dass sie sich trotz Erkrankung vor einem schweren Verlauf schützen können. Das passt nicht zu den astronomischen Omikron-Fallzahlen, vor denen wir jetzt stehen.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 2. Januar 2021, 16 Uhr