Ein ganz normales Bremer Pflegeheim? "Wo ist denn hier die Pflege?"

Bild: DPA | Sina Schuldt

Ein Pflegeheim der Orpea-Gruppe wird bei Kontrollen gut bewertet, aber Bewohner und ehemalige Pflegekräfte schildern problematische Zustände. Woran liegt das?

Norbert Kroker sitzt in seinem Zimmer. Es wirkt nicht besonders groß: Bett, Schreibtisch, Schrank, Fernseher, einige weitere Möbel. Eine Packung Kekse und eine Sauerkrautdose liegen auf dem Tisch. Es ist ein sonniger Julitag, das Licht dringt durch die Gardinen am Fenster. Kroker nimmt einen Prospekt demonstrativ in die Hand. "Lesen Sie hier: Was steht da oben?", fragt er. "Bestens versorgt in Ihrer Nähe." Zu sehen sind heitere Senioren, die von lächelnden Pflegekräften betreut werden. Darunter, handgeschrieben, offenbar von Kroker: "Das ist ein Witz!".

"Das ist ein blanker Hohn", sagt er. Kroker ist ein älterer Mann, 73 Jahre Leben hinter sich, eingeschränkte Beweglichkeit, aber lebhaften Blick. Er ist wütend. Über die Pflege, über den Ort, an dem er seinen Lebensabend nun verbringen soll. "Sie kassieren hier nur ab", sagt er. Von einer liebevollen Betreuung sei nichts zu spüren.

Bewohner: "Wo ist denn hier Pflege?"

Kroker zieht einen Fuß aus dem Pantoffel raus, die Socke aus. In der Mitte drückt ein verschmutzter Verband die rot entzündete Haut. "Ich möchte, dass der Arzt mal kommt. Es wird vielleicht ins Buch eingetragen, aber unternommen wird gar nichts", sagt er.

Das sei aber nicht das einzige Problem. Gut eine Stunde lang habe er mal in der Nacht auf ein Medikament gewartet, nachdem er geklingelt hatte. Die Pflegekräfte wechselten oft, kämen meistens von Zeitarbeitsfirmen. "Das hier ist ein Pflegeheim. Wo ist denn hier Pflege?", fragt er.

Das ist eine Frechheit.

Norbert Kroker
Norbert Kroker, Pflegeheim-Bewohner

Kroker redet lang und gern, wie ältere Menschen es oft tun. Wir können nicht jede seiner Aussagen unabhängig überprüfen. Einen Teil von Krokers Kritiken bestätigt jedoch die Bewohnerfürsprecherin des Haus am Sodenmattsee 1, Petra Block.

Lange Wartezeiten, wechselnde Besetzung

Es sei wahr, dass die Bewohner und Bewohnerinnen nachts oft lange warten müssten, sagt sie. Die Probleme hätten in den vergangenen vier Jahren angefangen. Heimleitungen hätten häufig gewechselt. "Und es wurde jedes Mal schlechter", sagt Block. Durch die Coronapandemie habe dann eine Zeit lang kaum jemand mehr die Möglichkeit gehabt, genauer hinzuschauen. Viele Pflegekräfte seien weggegangen, dafür seien neue gekommen, die oft wechselten. Manche Bewohner hätten es auch gemerkt. "Sie sagten: Es sind dauernd neue da."

Zeitarbeitskräfte können auch pflegen. Aber sie kennen die Bewohner und ihre Eigenheiten nicht.

Petra Block
Petra Block, Bewohnerfürsprecherin

Und doch ohne sie, die Zeitarbeitskräfte, könnte es kaum gehen. Sie lindern die Personalnot.

Zeitweise keine Pflegekraft auffindbar

Kürzlich soll sich die Situation zugespitzt haben – und zwar so sehr, dass die Heimaufsicht benachrichtigt wurde. Der Brief einer Angehörigen liegt buten un binnen vor. Demnach sei es an einem Samstagvormittag in einem Wohnbereich eine Zeit lang keine einzige Pflegekraft mehr auffindbar gewesen. Einige Bewohner hätten Angst bekommen, dass sich niemand mehr um sie kümmert, und im Flur um Hilfe gerufen. "Den Personalmangel haben die Bewohner schmerzhaft zu spüren bekommen", sagt die Fürsprecherin dazu.

So etwas darf nicht passieren.

Petra Block
Petra Block, Bewohnerfürsprecherin

Auch mit Medikamenten, die vergessen oder nicht zum richtigen Zeitpunkt eingenommen wurden, soll es Probleme gegeben haben. "Das eine oder andere Mal ist man damit lasch umgegangen", sagt Block. Die Situation vor Ort mache sie traurig, wütend.

Pflegekräfte zeigen sich überlastet

buten un binnen hat auch mit ehemaligen Mitarbeiterinnen gesprochen, die im Haus am Sodenmattsee 1 und einem weiteren Heim der Orpea-Gruppe gearbeitet haben. Sie reden von "katastrophaler Lage", Personalknappheit, Einsparungen, Überlastung. Keine von ihnen möchte öffentlich genannt werden, ihre Namen sind aber der Redaktion bekannt.

Eine empfängt uns in einem Familienhaus außerhalb Bremens. "Wie am Fließband", sagt sie über ihre letzte Zeit in dem Pflegeheim, in dem Kroker lebt. Für sie war der verstärkte Einsatz von Zeitarbeitsfirmen in den letzten Jahren besonders belastend. Denn die neuen Zeitarbeitskräfte hätten keine ausreichende Einarbeitung bekommen. Die Folge: 80 Prozent der Arbeit habe auf ihren Schultern gelegen. "Das war eine körperliche und psychische Belastung."

Das war nicht mehr das Haus, das ich vorher kannte.

Ehemalige Mitarbeiterin

In der Nachschicht müssten sie und eine weitere Pflegekraft das ganze Haus betreuen. Um die 80 Bewohner seien es zeitweise gewesen. Auch die Bezahlung sei in ihren Augen zu niedrig gewesen: um die 12,50 Euro pro Stunde, in der Nacht einen Zuschlag von 1,30 Euro.

Probleme mit den Medikamenten

Die Situation hatte offenbar auch für die Bewohner Folgen: "Als ich gekommen bin, standen manchmal die Medikamente von der Spätschicht, manchmal auch vom Morgen, noch auf den Nachtschränken", sagt sie. Unter dem ständigen Wechseln der Mitarbeiter würden die Bewohner ebenfalls leiden, manche wehrten sich dagegen, von Fremden gepflegt zu werden. Das bedeutete dann zusätzliche Arbeit für die nächste Schicht. Zudem seien mehrere Bewohner inzwischen pflegebedürftiger, doch, sie sagt, der Pflegegrad werde nicht erhöht.

Wir sind jetzt weg, aber die, die darunter leiden, sind die Bewohner.

Ehemalige Mitarbeiterin

Für die Frau, die inzwischen woanders arbeitet, läuft einiges schief in der Pflege. Die Bewohner in den Heimen zahlten schließlich viel Geld. Je nach Pflegegrad können schnell 2.000 Euro und mehr als Eigenanteil fällig werden, wie ein Blick in die Preisliste auf der Bremer AOK-Webseite verrät. In der Stimme der ehemaligen Mitarbeiterin schwingt eine gewisse Resignation mit, wenn sie über die Lage der Pflege spricht.

Mehrere Mitarbeiter sollen gekündigt haben

Carina N.* klingt hingegen noch aufgebracht. Auch sie hat in dem Heim gearbeitet und sagt, die Probleme hätten vor wenigen Jahren angefangen. Und zwar, mit einem Personalwechsel in der Hausleitung. Es habe neue Regeln gegeben. Viele, sagt sie, funktionierten nicht. Mehrere Mitarbeiter hätten gekündigt. Und die Unterbesetzung habe sich im Alltag bemerkbar gemacht.

Wir haben geguckt, wen wir duschen konnten, wenn nicht, haben wir das weggelassen. Wir konnten nicht alles machen. Das ging gar nicht.

Carina N.*, ehemalige Pflegekraft

Unternehmen: "Wir nehmen Beschwerden sehr ernst"

Zu den Vorwürfen von Bewohnern, Angehörigen und ehemaligen Mitarbeitern teilt ein Sprecher der Firma Senioren Wohnpark Weser (SWW), die das Pflegeheim betreut, mit:

Wer in unserer Seniorenresidenz lebt, muss sich auf gute Pflege und Betreuung in einer schönen Umgebung verlassen können. Wir nehmen jede Kritik sehr ernst. Wir arbeiten täglich an der Verbesserung unserer Qualität und haben Maßnahmen eingeleitet, unseren hohen Anspruch an Pflege und Betreuung mit einem erfahrenen Team nachhaltig zu erfüllen. Wir erfüllen den Personalschlüssel und arbeiten dabei auch mit Pflegefachkräften von Zeitarbeitsfirmen. Unser Ziel ist aber, den Anteil der eigenen Mitarbeiter immer mehr zu erhöhen.

Sprecher der Firma Senioren Wohnpark Weser

Heim im Qualitätsvergleich in der oberen Hälfte

Mit der Situation in dem Haus am Sodenmattsee 1 sind einige Menschen offenbar unzufrieden. Und doch: In dem Transparenzbericht der Qualitätsprüfung 2019 hat das Haus die Note 1,2 bekommen, leicht über dem Bremer Durchschnitt. Bei der externen Qualitätsprüfung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung/Verbandes der privaten Krankenversicherungen im Jahr 2021 hat das Heim in praktisch allen Bereichen das Ergebnis "keine oder geringe Qualitätsdefizite" erhalten.

Das Bremer Sozialressort bestätigt, dass das Haus in den vergangenen zwei Jahren immer wieder kontrolliert wurde. Im Jahr 2019 gab es drei Beschwerden, 2021 sind es bislang elf gewesen. Im Jahr 2020 gab es eine Beschwerde wegen Gewalt. Momentan herrscht ein Aufnahmestopp, da die Einrichtung offenbar Probleme hat, offene Stellen zu besetzen. Trotzdem wird das Heim, im Vergleich zu den anderen im Bundesland, im oberen Bereich eingestuft.

Fachkräftemangel betrifft offenbar viele Heime

"In der Zusammenarbeit mit der Wohn- und Betreuungsaufsicht zeigt sich die Einrichtung insgesamt kooperativ und arbeitet an der Behebung von Mängeln", sagt ein Sprecher des Sozialressorts. Der Fachkräftemangel ist jedoch ein Problem, von dem offenbar viele Heime betroffen sind. Nicht nur in Bremen, sondern im ganzen Bundesgebiet.

Die Situation, die Betroffene uns geschildert haben, steht in der Tat sinnbildlich für die Probleme, mit denen Pflegende und Gepflegte in Deutschland immer wieder konfrontiert werden: Personalknappheit, Überlastung, Einsparungen.

Pflegeforscher: "115.000 zusätzliche Stellen für eine fachgerechte Pflege"

Die Personalnot in der Pflege ist seit Jahren gut belegt. Heinz Rothgang, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Bremen, hat dies in den vergangenen Jahren untersucht. Das Ergebnis: "Für eine fachgerechte Pflege in den Pflegeheimen bräuchten wir in Deutschland etwa 115.000-120.000 zusätzliche Personen in Vollzeitstellen."

Die Folgen bekommen die Pflegekräfte zu spüren: Oft fühlten sie sich alleingelassen und gehetzt, sagt Rothgang. Und, wenn die Zeit nicht da ist, werden eventuell bestimmte Vorgänge weggelassen. Zum Beispiel bei der Kommunikation mit den Bewohnern oder bei der Hygiene.

Man hört immer wieder: "Ich bin allein auf der Station, so kann und will ich nicht pflegen. Wenn jemand klingelt, kann ich nicht hingehen, weil ich mit etwas anderem beschäftigt bin".

Heinz Rothgang
Heinz Rothgang, Pflegeforscher

Um das Problem zu lösen, wird teilweise verstärkt auf Zeitarbeitsfirmen zurückgegriffen. "Das ist aber eigentlich kein gutes Zeichen", sagt Rothgang. Die Zeitarbeitskräfte kennen das Haus und die Bewohner nicht. "Selbst wenn sie gute Pflegekräfte sind, fehlt natürlich was." Für die Bewohner sei ebenfalls nicht gut, immer neue Gesichter zu sehen. Und für das Heim sei es auch in der Regel teurer. "Das ist ein Anzeiger, dass etwas nicht in Ordnung ist. Was genau, das kann unterschiedlich sein."

Immer mehr Konzerne auf dem Markt

In den letzten 15 Jahren sind immer mehr Konzerne auf den Pflegemarkt gekommen. Könnte dies etwas Gutes bewirken oder wird es die Lage noch verschlimmern? Das muss nicht unbedingt schlecht sein, sagt Rothgang. Wenn dabei aber den Aktionären zu hohe Renditen versprochen würden, sei das nicht gut. "Alle Pflegeeinrichtungen brauchen Gewinne, allein schon um investieren zu können, aber keine Renditen im zweistelligen Prozentbereich."

Mehrere Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sehen prinzipiell ein Problem bei der Profit- und Gewinnmaximierung der großen Konzerne. "Es geht nur ums Geld", sagen sie. Dabei sollte es eigentlich darum gehen, ein gutes Umfeld und gute Bedingungen in den Einrichtungen zu schaffen. Für die Mitarbeiter, für die Bewohner. Damit der Fachkräftemangel gelindert werden kann. Und die Pflege wieder liebevoll wird.

*Name von der Redaktion geändert.

Das Geschäft mit der Pflege: Wenn Großkonzerne Bremer Heime kaufen

Bild: Radio Bremen

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Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 19. Oktober 2021, 7:10 Uhr