Trotz Pflanzenpracht fürchten Bremens Gärtner die milden Winter

Bild: DPA | Sina Schuldt

Laut Deutschem Wetterdienst sind die Winter in den vergangenen Jahren kürzer und auch wärmer geworden. Welche Folgen das hat, erklären zwei Experten mit grünem Daumen.

Kalendarisch beginnt der Frühling erst am 20. März. Darum scheren sich Flora und Fauna aber wenig. Ganz im Gegenteil: Seit Tagen strahlt die Sonne über Bremen und Bremerhaven bei teilweise zweistelligen Temperaturen. Erste Hummeln sind unterwegs und Knospen schmücken schon die Triebe der Apfelbäume.

Von Winter mit Schnee und Frost ist schon seit Langem keine Spur, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) bestätigt. Laut DWD sind die Wintermonate in Niedersachsen und Bremen deutlich wärmer und nasser ausgefallen als im langjährigen Durchschnitt. Frost und Schnee gab es so gut wie gar nicht.

Dafür fegte im Februar eine Serie von Orkanen über Norddeutschland und verursachte Sturmfluten und schwere Schäden. Gleichzeitig fielen in Niedersachsen 235 Liter Regen auf einen Quadratmeter. Das war etwa ein Drittel mehr als in der langjährigen Erfassung (177 Liter je Quadratmeter). In Bremen gingen ebenfalls 235 Liter Regen pro Quadratmeter nieder. Die Menge war sogar um die Hälfte höher als im Durchschnitt von 1961 bis 1990. Da fielen 165 Liter pro Quadratmeter.

Wetterexperten beobachten Veränderungen

Bundesweit wurden ersten Auswertungen der Ergebnisse der 2.000 Messstationen zufolge im Winter 2021/22 mittlere Temperaturen von 3,3 Grad gemessen. Damit gehöre der Winter in Deutschland zu den sieben wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Annika Brieber Meteorologin am Klimahaus Bremerhaven bestätigt diese Beobachtungen für das Land Bremen.

Wenn wir uns den durchschnittlichen Februar anschauen, dann ist da eine Steigerung um 4 Grad zu sehen.

Meteorologin Annika Brieber vom Klimahaus Bremerhaven im Interview
Annika Brieber, Meteorologin, Klimahaus Bremerhaven

Die Winter werden nicht nur milder, sondern auch kürzer. Das sei an sogenannten Zeigerpflanzen zu erkennen, die angeben, in welcher Jahreszeitenphase sich die Natur befindet.

Die gelben Blüten einer Zaubernuss
Mit fadenähnlichen Blüten sorgt die Zaubernuss im Winter für etwas Farbe im Garten. Bild: Radio Bremen | Sophie Schwarz

"Derzeit blüht die Zaubernuss, das ist auch normal. Auffällig ist allerdings, dass diese mittlerweile schon viel früher als üblich zu blühen beginnt“, sagt Hartmut Clemen vom Landesverband der Gartenfreunde Bremen. Das Lungenkraut hätte in den vergangenen Jahren ebenso sein Blühverhalten geändert. "Eigentlich ist die Blühzeit von März bis April, aktuell liegt sie aber bei Ende Januar, Anfang Februar. Auch Ziergehölz wie Sommerflieder bildet schon seit drei Wochen seine Blätter aus. Das ist viel zu früh", sagt er.

Die rosa farbenen Blüten eines Mandelbaums vor blauem Himmel
Ab März schmücken den Mandelbaum rosa Blüten. Bild: Radio Bremen | Sophie Schwarz

Und auch bei den Mandelbäumen habe er ein verändertes Blühverhalten beobachtet: Vor Jahren hätte sich die rosa Knospenpracht erst im Mai gezeigt, in den vergangenen Jahren beginnen diese Bäume schon im März mit ihrer Blüte. Dass Pflanzen deutlich früher austreiben, beobachtete auch Gärtnerin Antonia Hartwich: "Besonders deutlich ist das momentan an Obstbäumen zu sehen." Frostige Nächte seien noch bis Mai möglich, das könne zu Schäden an den Knospen führen und für Ernteausfälle sorgen, sagt die 34-Jährige.

Höhere Temperaturen und Luftfeuchtigkeit sorgen zudem dafür, dass sich Flechten und Moose eher ausbreiten. "Flechten schaden zwar nicht den Pflanzen, zeigen aber, dass sich das Habitat verändert", sagt Gartenfreund Clemen. Auch Schädlinge haben unter diesen milderen Bedingungen bessere Überlebenschanchen. Besonders Laubholzbockkäfer und Zünsler machen den Gärtnern zu schaffen. "Wir pflanzen in der Regel wegen des Zünslers schon keine Buchsbäume mehr, weil die unter den Schädlingen leiden. Stattdessen setzen wir auf Pflanzen wie Löffel-Illex.“

Durch die permanente Luftfeuchtigkeit, steigt zudem die Wahrscheinlichkeit für Pilzkrankheiten. "Temperaturen, Niederschläge, Luftfeuchtigkeit – es passt alles nicht mehr so wie wir es gewohnt waren“, sagt Clemen. Insgesamt leide die Vitalität der Pflanzenwelt, sagt er.

Betongärten werden es nicht richten.

Gärtnerin Antonia Hartwich
Antonia Hartwich, Gärtnerin

Ein Umdenken sei jetzt wichtig, sagt die Gärtnerin aus Stuhr, um das empfindliche Gleichgewicht der Natur nicht weiter zu stören. "Alles hängt miteinander zusammen, das Klima beeinflusst die Pflanzenwelt wie zum Beispiel Wälder. Aber Wälder beeinflussen auch das Klima, denn sie speichern CO2 und kühlen die Erde", sagt Hartwich.

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Februar 2022, 19.30 Uhr