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Durch Corona-Explosion am Limit: Labore fürchten "Test-Triage"

Medizinisches Labor Bremen schlägt Alarm

Bild: DPA | Julian Stratenschulte

Die Infektionszahlen im Land Bremen explodieren – nun schlagen die Labore Alarm. Die Betreiber befürchten, auch bald priorisieren zu müssen.

Wie ist die Lage in Bremerhavener und Bremer Laboren?
Im Medizinischen Labor Bremen MLHB, dem größten im Bundesland, ist die Situation angespannt. "Unser Labor ist aktuell sehr belastet, seit Anfang der Woche sogar sehr extrem", sagt Andreas Sputtek, Facharzt für Laboratoriumsmedizin. Normalerweise kann das MLHB etwa 2.000 Proben am Tag abarbeiten. Zuletzt kämen aber mehr als 3.000 Proben täglich.

"Das liegt weit über unserer Kapazität." Im Fokus stünden vor allem PCR-Tests von Menschen, die ärztlich behandelt oder operiert werden. Aber das werde immer schwieriger, vor allem wenn jetzt noch 2G-Plus zum Beispiel in der Gastronomie komme. "Dann wissen wir gar nicht, wie wir das darstellen sollen." Mehr als 1.000 PCR-Tests täglich sind es im Medizinischen Versorgungszentrum Bremen LADR, auch an Wochenenden und Feiertagen. "Noch ist etwas Luft, aber nicht mehr viel", sagt Mariam Klouche, ärztliche Leiterin und Geschäftsführerin.

Auch aus dem Labor Dr. Schumacher MVZ in Bremerhaven kommen besorgte Töne, wo die PCR-Tests ebenfalls einen Großteil der Arbeit ausmachen. "Aktuell sind wir an der Grenze", sagt Laborleiter Hans-Albert Reins über die Auslastung: "bei ungefähr 95 Prozent." Einen genauen Überblick über die im Land Bremen ausgewerteten PCR-Tests gebe es übrigens nicht, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Die Labore seien privat und die Tests nicht meldepflichtig. "Nur ein kleiner Teil kommt vom Gesundheitsamt, die meisten werden aus Testzentren, Arztpraxen oder Krankenhäusern eingesandt", so Fuhrmann. "Die haben Verträge mit Laboren in ganz Deutschland."
Welche Rolle spielt Omikron in den Laboren?
Omikron sei hochinfektiös, betont Klouche. Derzeit habe ihr Labor bei den Tests eine Positiv-Rate von 35 Prozent, was enorm viel sei. Vor zwei Wochen seien es vielleicht zehn Prozent gewesen. Ihr Labor kümmert sich um alle vier Krankenhäuser der Gesundheit Nord und die Hälfte der niedergelassenen Ärzte im Raum Bremen. Somit spiegelten die Zahlen ihres Hauses die Situation gut wieder, so Klouche. In der Woche vor Weihnachten habe man eine Vervierfachung der Fälle gehabt und in der Woche danach hätte Omikron 75 Prozent der positiven Ergebnisse ausgemacht. Bei Reins in Bremerhaven liegt die Omikron-Rate sogar bei 80 Prozent. "Das ist wahnsinnig schnell", so der Laborleiter. Sein Haus untersucht die Proben nicht auf Coronaviren allgemein, sondern macht gleichzeitig auch eine Variantenbestimmung.

Jedoch gibt Klouche zu bedenken, dass eine Mutationsanalyse per PCR-Test maximal Hinweise liefern könne, aber keine Beweise liefern. Diese gebe es nur per Sequenzierung, was aber bis zu 14 Tage dauere und sehr teuer sei. "In Deutschland werden fünf bis zehn Prozent der positiven Ergebnisse sequenziert, nur bei dem Anteil kann man die Mutation sicher erkennen." Dies spiegele die gesamte Verbreitung wider. Große Teile der Erde sequenziere allerdings gar nicht. "Das ist eine sehr unglückliche Lage, denn es ist eine weltweite Pandemie", so Klouche.
Hans-Albert Reins in einem Corona-Labor
Laborleiter Hans-Albert Reins aus Bremerhaven. Bild: Radio Bremen | Sina Derezynski
Welche Rolle spielt das Verhalten der Menschen für die vielen PCR-Tests?
Viele Menschen sind leider sorglos und haben viele Kontakte, was wiederum zu vielen Warnmeldungen führt, sagt Infektionsepidemiologin Klouche. Das seien gesunde Leute, die zum Beispiel einen Weihnachtsbrunch mit vielen anderen machen. Wenn sich dann ein Teilnehmer als positiv herausstelle, müssten alle anderen getestet werden. Zudem wiegten sich viele in zu großer Sicherheit. "Wie bei Delta können sich Geimpfte in ähnlicher Weise mit der Omikron-Variante infizieren und das Virus weitergeben", sagt Klouche. Die Mutante infiziere Geimpfte genauso wie Ungeimpfte oder Genesene.

Es betrifft alle gleichermaßen, alle müssen also alle Maßnahmen mitmachen, sonst kriegen wir das nicht in den Griff.

Infektionsepidemiologin Mariam Klouche
Mensch in einem Corona-Labor
Auch in diesem Labor in Bremerhaven wird bis an die Kapazitätsgrenze gearbeitet. Bild: Hans-Albert Reins
Welche Entwicklung bringen die nächsten Wochen aus Sicht der Labore?
In den nächsten zwei Wochen wird Omikron die Delta-Variante verdrängt haben, glaubt Klouche. Und Reins befürchtet, es könnte sogar noch schneller gehen. Zudem würden laut Klouche andere Bundesländer bei den hohen Corona-Zahlen nachziehen. Doch sie denkt auch global: "Was in der Klimakrise gilt, gilt auch bei der Gesundheit: Wir müssen uns im privilegierten Europa bemühen, ärmere Länder zu unterstützen, um von dort Informationen zu bekommen." Man müsse an die Menschen appellieren, sich mit ungeschützten Kontakten und Reisen zurückzuhalten. Die Booster-Impfung könne helfen, weil sie mehr schützt. Aber das reiche nicht alleine.

Wenn es so weitergehe, komme es zur Überlastung bei der Testauswertung, glaubt Klouche. "Darum müssen wir priorisieren und zum Beispiel Krankenhauspatienten vorziehen. Die bekommen Ergebnisse tagesaktuell. Bei Kontaktpersonen dauert es 24 bis 48 Stunden." Auch Reins weiß nicht, wie lange er die 24 Stunden noch halten kann. "Weil wir jetzt jeden Tag eben im 100-Prozent-Bereich sind." Für Bremerhaven sieht der Laborleiter in den nächsten Tagen weiterhin stark steigende Inzidenzen bevorstehen. Seine größte Angst ist momentan, dass sich Mitarbeitende infizieren könnten. "Ich kann die Menschen eben nicht statt acht, neun, teilweise 10 Stunden, auf einmal 20 Stunden arbeiten lassen. Das funktioniert nicht!"

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Autoren

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor
  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Januar 2022, 19.30 Uhr