PCR-Mangel? Hohe Dunkelziffer? Was die Bremer Inzidenz noch aussagt

Bild: DPA | Bernd Weißbrod

Die 7-Tage-Inzidenz basiert auf PCR-Tests – die sind aber Mangelware und werden bald neu priorisiert. Das könnte die Beurteilung der Corona-Lage schwieriger machen.

Omikron hat in der Stadt Bremen Anfang des Jahres zu immer neuen Höchstständen bei den täglichen Neuinfektionen und der 7-Tage-Inzidenz geführt. Während die Inzidenz-Werte in der Stadt aktuell zwischen 1.200 und 1.500 pendeln, überstieg die Bundesinzidenz am Donnerstag erstmals die 1.000er-Marke. 

7-Tage-Inzidenzen im Land Bremen

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Gleichzeitig klagen Labore teilweise über knappe Kapazitäten bei PCR-Tests – und gerade die sind die Grundlage für die Berechnung der 7-Tage-Inzidenzen. Bisher werden nur per PCR bestätigte Fälle in der Inzidenz mitgezählt. Schränkt der PCR-Mangel die Aussagekraft der 7-Tage-Inzidenz also ein? "Die Testkapazität ist ja nicht statisch und verändert sich derzeit nach oben, aber nicht so schnell wie die Corona-Ausbreitung“, sagt Hajo Zeeb, Epidemiologe an der Universität Bremen. "Was wir jetzt haben, ist eine zeitliche Dehnung, also positive Tests von heute werden erst morgen oder übermorgen in die Statistik eingehen." Von den PCR-Tests würden nun mehr positiv ausfallen, sagt Zeeb.

Positiv-Quote der PCR-Tests in Bremen steigt

In der Tat steige der Anteil der positiven PCR-Tests seit dem Jahreswechsel, heißt es aus dem Bremer Gesundheitsressort. Allerdings seien die Zahlen nur eingeschränkt aussagefähig, sagt Sprecher Lukas Fuhrmann.

Ein durchgeführter PCR-Test ist nicht meldepflichtig, sondern immer nur der Positiv-Befund. Deswegen ist es vollkommen unklar, wie viele PCR-Tests im Land Bremen durchgeführt werden.

Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts

Außerdem werden in Bremen auch Tests aus anderen Regionen untersucht – und umgekehrt. So werden beispielsweise viele Proben aus Bremer Schulen in einem Labor in Düsseldorf per PCR getestet.

Was bleibt sind die freiwilligen Angaben der Labore mit Sitz im Land Bremen, sagt Fuhrmann. Bei denen ist die Positiv-Rate der PCR-Tests von 22 Prozent in der Woche um Weihnachten auf 37 Prozent in der zweiten Januarwoche gestiegen. Gleichzeitig ist aber auch die Zahl der Tests von rund 15.500 auf 33.500 gestiegen, wobei davon auszugehen ist, dass um Weihnachten weniger getestet wurde. Zum Vergleich: Laut Robert Koch-Institut stieg die Positiv-Rate bundesweit im gleichen Zeitraum von 16,27 auf 24,42 Prozent.

Ob die Kapazitäten der Labore nun wirklich erschöpft seien und sich nicht mehr steigern ließen, sei aktuell nicht abschätzbar, sagt Fuhrmann. "Aber die Labore unternehmen ihr Möglichstes, um die Kapazitäten hochzufahren. Der limitierende Faktor ist da tatsächlich das Fachpersonal."

Priorisierung von PCR-Tests könnte Dunkelfeld erhöhen

Um die knappen PCR-Tests möglichst effektiv zu nutzen, wollen Bund und Länder sie in Zukunft gezielter verteilen: Künftig sollen nur noch Menschen mit einem besonders hohen Risiko einen kostenlosen PCR-Test bekommen und Personen, die mit diesen Gruppen arbeiten. Die Folge? "Die Dunkelziffer steigt sicher an, weil einerseits weniger potenziell positive Fälle PCR-getestet werden, zudem kann auch die ganze Diskussion dazu führen, dass weniger Menschen dann zum Testen mit PCR gehen, weil sie mit Verzögerung rechnen", sagt Hajo Zeeb. "Meine Schätzung ist, dass sie jetzt vielleicht bei Faktor 4 bis 5 liegt, gegenüber 2 noch bei Delta und vorher. Aber es ist sehr schwierig, hier nur annähernd richtig zu liegen."

7-Tage-Inzidenz ist nicht der einzige wichtige Faktor

Wie hoch die Dunkelziffer sein könnte, will man im Gesundheitsressort nicht kommentieren. Klar sei nur, dass es sie gibt und dass Bremen aktuell eine sehr hohe Inzidenz bei den Neuinfektionen hat, sagt Fuhrmann. Hinzu kommt die hohe Hospitalisierungsinzidenz. Am Donnerstag lag der Wert in der Stadt Bremen bei 17,83. Wovon 5,47 Punkte auf Patienten entfallen, die wegen einer Corona-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert wurden und 12,35 auf Menschen, die eigentlich wegen anderer Gründe in den Kliniken landen, dort aber bei den Regeltests als positiv auffallen. "Und daran sieht man schon die Situation, dass das Virus sich in Bremen weit ausgebreitet hat", sagt Fuhrmann. Deshalb richte die Politik die Corona-Maßnahmen auch nicht allein an der Inzidenz für Neuinfektionen aus.

Die 7-Tage-Inzidenz ist immer noch ein Wert, der eine hohe Bedeutung hat, gleichzeitig gucken wir nicht nur auf diesen.

Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts

Auch Hajo Zeeb betont, dass man aus den Neuinfektionen noch einen Trend erkennen könne, "aber nochmal bedeutsamer werden nun die Hospitalisierungszahlen und Intensivbettenbelegungen".

Da im Gesundheitsministerium des Bundes aber noch an den neuen Test-Plänen gearbeitet wird, bleibt vorerst alles beim Alten: Wer einen positiven Schnelltest, Symptome oder engen Kontakt zu Infizierten hat, hat grundsätzlich Anspruch auf einen kostenlosen PCR-Test. "Die Priorisierung der Tests liegt beim Bund", sagt Lukas Fuhrmann. Wann die neue Teststrategie vorliege, sei derzeit noch unklar.

Werden Schnelltests künftig bei der Inzidenz mitgezählt?

Dabei sind einige heikle Frage zu klären: Wie wird eine Corona-Infektion künftig offiziell bestätigt, wenn es nicht mehr genug PCR-Tests gibt? Reicht dafür ein qualifizierter Schnelltest? Und müssen die Schnelltest nicht auch bei der Berechnung der Inzidenzen für Neuinfektionen mitberücksichtigt werden? "Bisher zumindest werden positive Antigentest-Ergebnisse ja nicht einbezogen, und ich glaube kaum, dass das kurzfristig zu ändern ist", sagt Hajo Zeeb. Vom Robert Koch-Institut gibt es dazu auf Nachfrage noch keine Antwort: Diese Frage werde derzeit geprüft, sagt eine Sprecherin. Die Datengrundlage sollte dafür in der Theorie immerhin vorliegen: Zumindest an die lokalen Gesundheitsämter müssen positive Schnelltests schon jetzt gemeldet werden.

PCR zuerst für Risiko-Gruppen: Was das für die anderen Bremer bedeutet

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Januar 2022, 19:30 Uhr