Tierärztliche Notdienste in der Krise

Stress in Bremer Tierkliniken – Tierärztliche Notdienste in der Krise

Bild: DPA | Zoonar/David Herraez Calzada

Ungeduldige Tierbesitzer, Übergriffigkeiten, Notfälle, die eigentlich keine sind: Die Tierärzte in Bremen sind am Limit. "Damit müsse jetzt Schluss sein", fordert die Tierklinik Sottrum.

Ein quälend hoher Ton, meine Hündin wimmert, drückt ihren Kopf auf den Boden. Guckt ängstlich zu mir. Ich versuche zu ertasten, wo der Schmerz herkommt: Berühre ihre Beine, ihren Rücken, ihren Nacken. Merke, dass sie am Hals schmerzhaft reagiert. Vor einigen Jahren hatte meine zweite Hündin ähnliche Symptome. Ihre Schmerzen waren so groß, dass ich einen mobilen Tierarzt anrief, um ihr Schmerzmittel zu geben, damit sie überhaupt transportfähig ist. In der Klinik dann die Diagnose: Bandscheibenvorfall.

Diesmal versuche ich es erst in Tierarztpraxen. Man könne mir einen Termin geben, in ein paar Tagen. "Sie haben keine Zeit für einen Notfall?", frage ich. Nein, man sei absolut ausgebucht. Ich solle mich doch an eine Tierklinik wenden. Also rufe ich in der Tierklinik Posthausen an. "Wir sind leider komplett belegt", wird mir dort geantwortet. Ob man sie wenigstens kurz begutachten und ihr Schmerzmittel geben könne, frage ich. "Schwierig", heißt es. Wenn ich niemanden in der Nähe finde, soll ich mich nochmal melden. Also rufe ich in der Tierklinik Sottrum an "Wir haben leider wirklich weder Platz noch Zeit. Vielleicht fragen Sie mal in Hannover nach", rät die Dame am Telefon mir.

Das ist für mich keine Option, zu viel Zeit geht dabei verloren, die für meine Hündin entscheidend sein könnte. Also rufe ich wieder in Posthausen an. "Ok, dann kommen Sie vorbei", sagt man mir. Dort angekommen geht es recht schnell, nach 20 Minuten wird mein Hund bereits untersucht. Es sei wohl eine Stauchung der Halswirbelsäule, altersbedingt könnte aber auch eine Spondylose (Wirbelsäulenathrose) Ursache der Schmerzen sein. Mit Schmerzmitteln fahre ich nach Hause. Und frage mich, was ich bei dem nächsten Notfall mache. Meine Hündin hat epileptische Anfälle. ich weiß: Wenn es so weit ist, dann muss es sehr schnell gehen. Was mache ich dann, wenn kein Platz ist?

Überlastete Notdienste in Tierkliniken

"Wir sind ausgelastet, im Notdienst teilweise überlastet", sagt Tim Bonin, Geschäftsleitung der Tierklinik Posthausen. Als Ursache sieht er mehrere Faktoren: Zum einen seien in der Corona-Situation deutlich mehr Haustiere angeschafft worden, zum anderen gebe es zurzeit ein großes Kliniksterben. "Wir gehören mit zu den letzten großen Institutionen. Mit 90 Mitarbeitende sind wir vergleichbar mit einem richtigen Krankenhaus." Tagsüber arbeiteten 20 bis 30 Tierärzte, am Wochenende etwa fünf, ergänzt um ebenso viele Tierarzthelferinnen und -helfer. "Das ist ein Betreuungsschlüssel, da kann die Humanmedizin nur von träumen. Aber wir haben sehr viele intensivmedizinische Patienten, da brauchen wir so viel Betreuung."

Ein weiteres Problem ist der Personalmangel: "Innerhalb der nächsten fünf Jahre müssen jeweils 25.000 Tierarzt- und Tierarzthelferstellen besetzt werden. Das ist ein riesiges Problem", so Bonin. Einerseits würden zu wenig neue Arbeitskräfte ausgebildet, andererseits habe es über Jahrzehnte hinweg eine viel zu geringe Bezahlung für einen akademischen Beruf mit einer hohen emotionalen Belastung gegeben. "Der Grund ist, dass die Kosten bei Tierärzten zu günstig sind im europäischen Vergleich. Entsprechend werden nicht die Umsätze gemacht, um die Fachkräfte angemessen zu bezahlen." Das ändere sich langsam, stoße aber auch auf Unmut bei den Tierbesitzern. Denn nur fünf Prozent der Tiere seien krankenversichert.

Tierklinik Sottrum berichtet von handgreiflichem Übergriff

Erst vor kurzem sorgte ein Fall der Klinik für Kleintiere Sottrum für Aufmerksamkeit: "Nach all den bundesweiten Horrorgeschichten hat es nun auch uns getroffen: Die notdiensthabende Tierärztin ist körperlich angegangen worden. Ist das der Anfang vom Ende? Wo führt uns die turbulente Notdienstsituation hin?", heißt es in dem Artikel, der auf der Website der Klinik veröffentlicht wurde. Trotz mehrfacher Anfragen war die Tierklinik für ein persönliches Gespräch nicht verfügbar.

Eine Katze sei am 27.12. gegen 22.00 Uhr aufgrund eines möglichen Fremdkörpers im Magen-Darm-Trakt vorgestellt worden, heißt es in dem Beitrag. Bereits nach 20 Minuten Wartezeit habe die Besitzerin das Personal wüst beschimpft. Am nächsten Tag wird die Katze nochmal zur Kontrolle vorgestellt, die Besitzerin diesmal freundlich. Dennoch wird ein Termin für ein Gespräch gemeinsam mit der Geschäftsführung vereinbart.

Wenige Tage später muss die Katze wegen einer zusätzlichen Nierenerkrankung stationär aufgenommen werden. "In all den Tagen erfolgten interne Gespräche und natürlich Gespräche mit der Besitzerin. Immer sehr vorsichtig, keiner möchte, dass sich der Vorfall wiederholt. Die Gesprächsform ist sachlich, bislang ist der Umgang vertretbar", heißt es. Bei einem späteren Kontrollbesuch sei die Besitzerin jedoch über den Behandlungstisch handgreiflich geworden. "Solche Situationen kannten wir früher nicht, so etwas ist in 20 Jahren an diesem Standort nicht vorgekommen. Mit zunehmend angespannter Notdienstsituation zeigen sich mehr Menschen, die ihr Benehmen schlichtweg nicht im Griff haben", ist die Einschätzung.

Wenn wir nicht riskieren wollen, dass Niedersachsen eine weitere Klinik im Notdienst verliert, muss sich etwas ändern.

Tierklinik Sottrum

Auch Tanja Kruse, Leiterin der Kleintierpraxis Kruse, kennt vergleichbare Situationen. Körperlich angegangen wurde sie noch nicht. "Die Leute haben Stress, weil es ihrem Tier schlecht geht. Dadurch werden Auseinandersetzungen oft persönlich", so die Tierärztin. "Wir merken, dass die Tierbesitzer insgesamt am Limit sind und eine gewisse Grundstresshaltung haben."

Die Sprechstunden seien insgesamt bedeutend voller, weil sich immer mehr Menschen Haustiere anschafften. "Zahlenmäßig sind die Praxen in Bremen nicht deutlich weniger geworden, aber es werden weniger oder kürzere Sprechstunden angeboten, sodass diese überfüllt sind", meint Kruse. Sie bietet, wie die meisten Tierarztpraxen, keinen Notdienst an. Hinzu komme, dass die Tierbesitzer oft die Erkrankung ihrer Tiere schlecht einschätzen könnten.

Besitzer können die Erkrankung ihrer Tiere nicht einschätzen

Das bestätigt auch Bonin: "Dreiviertel der Fälle im Notdienst sind nicht lebensbedrohlich. Es gibt viele Leute, die kommen mit einem Zeckenbiss am Wochenende und erwarten sofortige Behandlung." Einerseits seien die Besitzer sehr emotional, weil sie in Sorge sind. "Das äußert sich zum Beispiel, wenn die Leute glauben, dass sie einen Notfall haben und es das nicht ist. Im schlimmsten Fall sitzen sie drei Stunden und haben dafür wenig Verständnis", so der Tierarzt. Der andere Punkt sei, dass teilweise erwartet werde, im Notdienst jede spezifische Erkrankung durch einen Spezialisten behandeln zu lassen. "Das können wir schlichtweg nicht leisten. Das geht Krankenhäusern ja genauso."

Sein Eindruck deckt sich mit dem seiner Kollegen: Seit Corona seien die Nerven angespannter – vor allen Dingen bei den Besitzern. "Da kommen viele ungünstige Faktoren zusammen. Auch mangelndes Verständnis, dass der Notdienst sehr teuer ist", ergänzt der Geschäftsführer. "Es wäre sehr sinnvoll, eine Tierkrankenversicherung abzuschließen."

Polizei: Keine Zunahme an Übergriffen

Mittlerweile liegt der Fall der Tierklinik Sottrum bei der Polizei, eine Strafanzeigen wegen Körperverletzung und Beleidigung: "Jetzt wird das normale Ermittlungsverfahren betrieben, alle Beteiligten können dazu Stellung nehmen. Sowohl die Beschuldigte als auch die Geschädigte", erklärt Tim Kaiser, Polizeihauptkommissar und Leiter der Polizeistation Sottrum. "Wenn die Stellungnahmen vorliegen, wird das der Staatsanwaltschaft Verden übersandt. Wir tragen die Fakten zusammen, über die Strafbarkeit entscheidet die Staatsanwaltschaft."

Ein vergleichbarer Fall sei ihm nicht bekannt. "Vielleicht wurde es aber auch nicht angezeigt", räumt er ein. Die von den Tierärzten empfundene Verrohung der Gesellschaft, lasse sich zahlenmäßig nicht bestätigen. "Das ist Alltagskriminalität", so der Polizeikommissar.

Autorin

  • Johanna Ewald Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen | Das Regionalmagazin, 13. Januar, 19.30 Uhr