Wo die Bremer Stadtmusikanten eigentlich ankamen und 6 weitere Sagen

Wie das Teufelsmoor bei Bremen zu seinem Namen kam

Bild: DPA | Sina Schuldt

Regionale Sagen bringen uns etwas über unser Zuhause bei. Wussten Sie, wo die Bremer Stadtmusikanten wirklich ankamen? Und dass Irrlichter nicht immer böse sind?

Die Wirklichkeit, wie wir sie kennen: In diesen Geschichten hört sie auf. Und es beginnt: die Welt der Fantasie – voller Hexen, Geister und magischer Wesen. Geheimnisvoll, schauerlich, mystisch. Seit Jahrhunderten inspirieren sumpfige Moore, tiefe Seen und verwunschene Hügel Menschen. Zahlreiche Sagen sind so entstanden. Von Generation zu Generation wurden sie weitergetragen, bis in unsere heutige Zeit.

Zwei, die zahlreiche Sagen aus dem Teufelsmoor und dem Landkreis Rotenburg (Wümme) aufgeschrieben haben, sind Wilko Jäger und Almut Quehl. Jäger kommt gebürtig aus Bremen-Vegesack. Geboren wurde er 1939. Er befasst sich intensiv mit Heimatgeschichte und hat mehrere Bücher und Schriften herausgegeben. Aber auch Heimatvereine sammeln Mythen aus der Region – wir haben sieben zusammengestellt.

1 Rotenburg: Das Ross vom Bullensee

Die Illustration eines schwarzen galoppierenden Pferdes.
Der Sage nach war es ein galoppierendes Pferd, welches dem jungen Mann einen Schreck einjagte und ihm so seine Stimme wiedergab. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

In Kirchwalsede verlieben sich ein junger Bauer und eine junge Frau ineinander. Doch der Mann verliert durch einen Sturz seine Stimme. Er ist stumm. Die Familie des Mädchens spricht sich ab diesem Zeitpunkt gegen eine Heirat der zwei aus. Vollkommen verzweifelt macht der Mann sich auf den Weg nach Rotenburg, wo ein Arzt wohnt. Als er am Bullensee vorbei läuft, sieht er dort einen schwarzen Hengst – gesattelt und gezäumt. Das Pferd wiehert, als warte es auf einen Reiter. Der junge Bauer schwingt sich in den Sattel und lässt sich zum Arzt tragen. Doch auch der Doktor kann ihm nicht helfen. Unsagbar traurig treibt der junge Mann das Pferd an und sie galoppieren davon – doch er verliert die Kontrolle über das schöne Tier. Voller Entsetzen merkt der Bauer, dass der Hengst direkt auf den Bullensee zu rennt. In letzter Sekunde hält er sich an einem Zweig fest und schreit auf. Mit diesem Schreck findet er seine Sprache wieder. Der Bauer hängt noch immer am Ast des Baumes, während das Pferd ins Wasser des Bullensees springt und verschwindet. Zurück im Dorf eilt der Mann zum Haus seiner Geliebten – jetzt haben die Eltern seiner Geliebten nichts mehr gegen die Hochzeit. Die beiden werden ein glückliches Paar.

2 Teufelsmoor: De rode Gerd

Niemand kennt seinen richtigen Namen. Niemand weiß, wo er herkommt. Rote Haare und schwarze Handschuh sind sein Markenzeichen. Von den einen gefürchtet, von den anderen bewundert: Der Rote Gerd – so nennt er sich – ist der Schmugglerkönig im Teufelsmoor. Die Königliche Regierung in Hannover hat die Zölle für Torf erhöht. Zum Leid der Moorbauern, die nun mehr bezahlen mussten. Der Rote Gerd hilft ihnen und schmuggelt für sie. Doch er zahlt einen hohen Preis: Die Regierung sucht den Schmuggler. Sich zu ergeben, kommt für ihn nicht in Frage. Aber was aus dem Roten Gerd geworden ist, weiß niemand so genau. Vielleicht wurde er verhaftet. Vielleicht ist er auf der Flucht gestorben. Seine Legende aber lebt weiter – bis heute.

Der Rote Gerd als Roman: Dieses Ehepaar hat die Sage aufgeschrieben

Bild: Radio Bremen

3 "Gräfin Emma und der Krüppel" – oder wie Bremen zur Bürgerweide kam

Auch die Stadt Bremen hat ihre Sagen und Geschichten. Eine handelt von einer adeligen Frau: Gräfin Emma von Lesum lebt um das Jahr 1000. Früh wird sie Witwe und zieht sich auf ein Gut in Lesum zurück. Sie unterstützt die Kirche in Bremen mit ihrem Vermögen. Die Legende besagt, die Gräfin sei von einer Delegation der Bremischen Bürgerschaft auf den Mangel von Weideflächen angesprochen worden. Die gütige Adelige will den Bürgern eine Wiese schenken – und zwar von der Fläche, die ein Mann in einer Stunde umrunden kann. Begleitet wird sie an diesem Tag von ihrem Schwager und Erben. Spöttisch schlägt der vor, sie solle doch lieber einen ganzen Tag veranschlagen. Die Gräfin überlegt und stimmt zu. Daraufhin besteht ihr Schwager darauf, den Menschen für diese Aufgabe auszusuchen – und wählt einen Mann ohne Beine. Mit dieser Aufgabe betraut, entwickelt der Mann jedoch ungeahnte Kräfte – und so soll Bremen zur Bürgerweide gekommen sein.

4 Der Riese Rik und der "Rote" Sand

Die Illustration des Leuchtturms "Roter Sand" vor Bremerhaven in der Nordsee.
Wo heute der Leuchtturm "Roter Sand" steht, soll einst ein Riese gelebt haben. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Einer Sage nach lebt einst ein gefräßiger Riese mit Namen Rik an der Unterweser. Damals soll es noch mehr Riesen gegeben haben. Keiner von ihnen war besonders nett. Daraufhin überlegt sich Rik, dass er ebenfalls Menschen erschrecken müsse. Gesagt, getan. Rik erpresst die Fischer. Sie müssen ihm immer etwas von ihrem Fang abgeben. So ist das Leben für den Riesen Rik bequem. Doch im Frühjahr geht es dem faulen Riesen an den Kragen. Schmelzwasser füllt die Weser und sie tobt durch ihr gefülltes Flussbett. Die Wassermassen schieben Eisschollen und Geröll mit sich. Der moppelige Riese ist mittlerweile schwerfällig und unbeholfen und kann sich nicht retten. Eine scharfkantige Eisscholle verletzt ihn schwer. Sein Blut färbt eine Sandbank – die heute Roter Sand heißt und auf der ein gleichnamiger Leuchtturm steht.

5 Die unbeerdigten Mädchen von Hetzwege

Die Zeichnung einer Hecke über der zwei kleine Lichter stehen.
Irrlichter sind nicht nur böse Sagengestalten. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Vor vielen Jahren sind in Hetzwege zwei Häuser abgebrannt. Bei den Feuern soll jeweils die Magd des Hauses ums Leben gekommen sein. Ihre verkohlten Knochen liegen an den Hecken. Niemand kümmert sich darum, sie zu beerdigen. Doch über den Hecken tauchen immer wieder zwei Lichter auf. Eines Abends läuft der Lehrer des Dorfes dort vorbei. Er sieht die Lichter und spricht mit ihnen: "Alle guten Geister loben Gott, den Herrn!" Worauf sie antworten: "Wir auch." Jetzt weiß er, dass es keine bösen Geister sind. Trotzdem setzen sich die Lichter ihm auf die Schulter und führen ihn ins Moor. Er versucht, sich zu befreien, und betet in seiner Angst: "Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein!" Da eilen die Lichter davon, rufen aber noch: "Beerdige unsere Knochen und wir belästigen dich nicht wieder!" Dann sind sie verschwunden. Gleich am nächsten Tag sorgt der Lehrer für ein ordentliches Begräbnis – und die Lichter sieht nie jemand wieder.

6 Warum die Bremer Stadtmusikanten eigentlich Achimer sind

In Achim wird die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten seit jeher anders von den Großmüttern erzählt. Denn den Omas zufolge hätten die Bremer Stadtmusikanten Achimer Stadtmusikanten heißen müssen: Schließlich haben sie es nie nach Bremen geschafft. Erst macht sich der Esel auf die Reise in Richtung Bremen, dann kommen Hund, Katze und Hahn dazu. Im Achimer Stadtpark angekommen, werden sie langsam müde, schleppen sich ein wenig weiter und finden das Haus, welches die Räuber übernommen haben. Der Rest ist Geschichte – die Achimer Bürger sind den Stadtmusikanten dankbar, dass sie die Räuber verjagt haben. So dankbar, dass sie ihnen sogar ein Denkmal setzen. Es ist in der Obernstraße im Giebel der ehemaligen Honigkuchenfabrik gegenüber des Amtsgerichts zu finden. Dort sieht man den Hund, die Katze und den Hahn. Nur der Esel fehlt – anstelle dessen ist eine Ente zu sehen. Der Grund dafür: Der Esel hat angeblich den Räuberschatz in einem Brunnen versteckt und keiner weiß in welchem. Darüber sind die Achimer so erbost, dass sie ihn nicht mit aufs Denkmal setzen.

7 Der Goldberg von Ritterhude

Die Illustration einer großen Anzahl von Goldmünzen.
Ein großer Goldschatz soll dem Ort seinen Namen gegeben haben. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Es dämmert schon, als ein Kutscher mit seinem Gespann von Bremen in Richtung Ritterhude unterwegs ist. Da der Weg bei zunehmender Dunkelheit nicht mehr gut zu erkennen ist, beschließt er, im Krug zu Hüderbeck zu übernachten. Bis zum Wirtshaus ist es nur noch ein kurzes Stück. Plötzlich sieht der Mann ganz in der Nähe auf einem Hügel ein flimmerndes Licht. Er stoppt seine Pferde, um nachzuschauen, was das seltsame Leuchten bedeutet. Er blickt in eine Glut, die wie ein Kohlefeuer aussieht. Doch so sehr er mit seinem Peitschenstil die glühenden Teilchen auseinander rakt, es nützt nichts. Sie erlöschen nicht, sondern glühen weiter wie bisher. Welches Geheimnis mag dahinter stecken? Im Wirtshaus angekommen, versorgt der Kutscher die Pferde und legt sich schlafen. Während der Nacht befällt ihn ein eigenartiger Traum. Er blickt auf ein brennendes Haus. Doch obwohl die Flammen hell lodern, greifen sie das Gebäude nicht an. Das Haus bleibt unversehrt. Der Kutscher ist nicht abergläubisch, sich jetzt aber sicher, dass der Traum Glück bedeutet. Da er ohnehin nicht wieder einschlafen kann, macht er sich vor Tagesanbruch auf, um den nahen Ort nochmals aufzusuchen. Wie überrascht ist er, als er feststellt, dass dort Goldklümpchen umher liegen. So viele er tragen kann, bringt der Kutscher in sein Gespann. Als er jedoch zurückkommt, um ein zweites Mal etwas von dem Goldschatz davonzutragen, zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen. Und statt des Edelmetalls findet der Kutscher nur Kohle und Asche. Seit dieser Begebenheit trägt der Hügel den Namen Goldberg.

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Dezember 2021, 19:30 Uhr