Interview

Eine Bremerin zum Tag der Muttersprache: "Kiswahili verbindet uns"

Vivian Lifa-Lange
Bild: Radio Bremen

Der Tag der Muttersprache soll seltenen Sprachen das Überleben sichern. Vivian Lifa-Lange wuchs mit Kiswahili auf. Dank ihres Engagements wird es auch in Bremen gesprochen.

Fünf bis zehn Millionen Menschen, vor allem in Ostafrika, haben Kiswahili als Muttersprache – und eine davon lebt in Bremen: Vivian Lifa-Lange. Geboren und aufgewachsen ist sie in Daressalam in Tansania, danach lebte sie eine Zeit lang in Kenia. Bis es dann vor elf Jahren mit ihrem Mann in dessen Heimat Bremen ging – für Lifa-Lange ein Umfeld, in dem sie Kiswahili (auch bekannt als Swahili, Kisuaheli oder Suaheli) kaum sprechen kann. Trotzdem – oder gerade deshalb – pflegt sie die Sprache weiter, gab unter anderem schon Sprachkurse. Ein Gespräch über Kiswahili – und die Bedeutung einer Muttersprache.

Frau Lifa-Lange, wie oft sprechen Sie eigentlich noch Kiswahili?
Jetzt im Moment: selten. Ab und zu spreche ich es mal mit meinen Kindern oder wenn ich Freunde und Familie anrufe. Das war vor Corona anders, weil ich da für alle, die hier in der Region Kiswahili sprechen wollten, einen Stammtisch organisiert habe.
Was war das für ein Stammtisch?
Ich habe mal bei einem Event ein paar Menschen getroffen, die Kiswahili sprechen. Das waren aber nicht Tansanier, sondern Deutsche, die mal in Tansania waren und dort die Sprache gelernt haben: zum Beispiel Studenten, Ärzte, auch ein Anwalt. Und die haben mir gesagt: Ach, ich habe so lange kein Kiswahili gesprochen, weil ich niemanden in Bremen kenne, der das auch spricht. So kam mir dann die Idee, dass man einen Stammtisch machen könnte. Wir haben uns dann einmal im Monat getroffen, tansanisch gekocht und über verschiedene Themen gesprochen.
Merken Sie beim Umgang mit Kiswahili und Deutsch manchmal, wenn Sprache an Grenzen stößt? Zum Beispiel, weil sich bestimmte Wörter oder Formulierungen nicht wörtlich übersetzen lassen?
Ja, sicher. In jeder Sprache ist das so, dass man sich mal nicht richtig ausdrücken kann, oder man findet die Formulierung nicht.

Vivian Lifa-Lange: So klingt Kiswahili

Bild: Radio Bremen
Wo fällt Ihnen das zum Beispiel auf?
Wir haben ein Wort, das heißt "pole". Das kann man sagen, wenn ein Kind hinfällt, wenn jemand von einem anstrengenden Arbeitstag erzählt oder auch wenn man sich entschuldigen möchte. Es drückt alles aus – man kann es in verschiedenen Situationen oder Gefühlen benutzen. Und dieses Wort kann man nicht auf Deutsch und Englisch übersetzen.
Aber Sprache ist ja mehr als nur Kommunikation. Nehmen Sie Kiswahili auch als Teil Ihrer Identität wahr?
Ja. Sie müssen sich vorstellen: In meinem Land, in Tansania, gibt es 120 Sprachen. Alle paar Hundert Kilometer wird eine neue Sprache gesprochen. Und Tansania ist vier Mal so groß wie Deutschland. Aber die Sprache, die alle beherrschen, ist Kiswahili. Kiswahili wird aber nicht nur in Tansania gesprochen, sondern auch in den Nachbarländern.

Das verbindet uns und bringt uns eine Identität, dass wir sagen können: Wir sind aus Ostafrika.

Vivian Lifa-Lange

Jedes Land hat einen anderen Dialekt, aber die Sprache ist vorhanden. Und sie wächst: In Südsudan wurde Kiswaheli auch als Sprache eingeführt. Auch in Südafrika sprechen es auch immer mehr Menschen.

Was treibt Sie an, Ihre Sprache weiterzugeben?
Ich habe gemerkt: Viele sehen Afrika als ein einziges Land statt als Kontinent. Und viele meinen, man spricht dort nur Englisch oder Französisch. Aber wir haben auch unsere eigene Sprache. Die wird von Millionen von Menschen gesprochen, sie wurde niedergeschrieben in Büchern, es gibt Filme – mittlerweile gibt es sogar Trickfilme für Kinder. Das ist meine Motivation.
Was ist besonders an der Sprache Kiswahili?
Es ist eine logische Sprache – ein bisschen wie Lego. Es passt alles ineinander. Sie hat auch viele Vokale und man kann sehr gut singen. Es gibt Leute, die können die Sprache nicht sprechen – aber singen können sie.
Was glauben Sie: Wie lange bräuchte ich, um Kiswahili zu lernen?
Wenn Sie direkt im Land wären: acht Monate. Ich kenne jemanden, der acht Monate da war und sich jetzt gut unterhalten kann. Wenn Sie nicht in Tansania sind, dauert es natürlich länger.
Und warum würden Sie mir empfehlen, das zu lernen?
Weil es interessant ist, das zu lernen, was nicht jeder kennt. Man muss ja nicht immer mit der Masse mitgehen, man kann auch aus der Masse rausstechen und etwas anderes lernen. Und Kiswahili ist eine tolle Sprache.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 21. Februar 2022, 12.40 Uhr