Multiple Sklerose mit 22: Diese Bremerin will wieder Kunstrad fahren

Bild: DPA | Augenklick/Roth

Janina Mües macht Sport, nimmt an Meisterschaften teil. Doch auf einmal fällt sie immer hin. Die Diagnose ist ein Schock. Zum Welt-MS-Tag erzählt sie ihre Geschichte.

Beim Kunstradfahren fing alles an, wie Janina Mües erzählt. Die 22-Jährige redet leise, und anders als vier Wochen zuvor, merkt man kaum noch, dass ihr Mund die Worte nicht ganz klar ausspricht. Die junge Frau erinnert sich an ein Training Mitte Februar, da kann sie mit dem Rad auf einmal nicht mehr rechts herum fahren. "Da hatte ich Gleichgewichtsprobleme", sagt sie. Auch die Teamkolleginnen wundern sich.

Die erfahrene Sportlerin, die schon bei deutschen Meisterschaften startete, versucht, das Unerklärliche mit einem "schlechten Tag" abzutun. Und immer wieder stürzt sie, jedes Mal, wenn sie nach rechts fährt. Bis sie unglücklich aufkommt und sich das Band im Fußgelenk reißt. Was Janina Mües da noch nicht weiß, ist, dass ihre Gleichgewichtsprobleme erste Symptome einer Multiplen Sklerose (MS) sind. Eine Woche später hat sie den ersten schweren Schub.

Sprachstörungen und Lähmungen

Kunstradfahrerin Janina Mües
Janina Mües nahm an Deutschen Meisterschaften teil, das Kunstrad ist mehr als ein Hobby. Bild: Janina Mües

Der Verlauf sei typisch, sagt Professor Thomas Duning, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Bremen-Ost. Ein MS-Schub baut sich demnach langsam auf, Patientinnen und Patienten entwickeln über mehrere Tage erste Symptome. MS ist eine Erkrankung des Gehirns, eine Auto-Immunerkrankung, so der Mediziner weiter. "Dabei greift das Immunsystem körpereigenes Gewebe an, weil es fehlgeleitet ist. Bei einer MS passiert das typischerweise im Gehirn, die Nerven entzünden sich." Dadurch entsteht Narbengewebe, dann funktionieren diese Stellen nicht mehr.

Janina Mües studiert und wohnt in Bremerhaven. Weil Semesterferien sind, besucht sie eine Woche nachdem sie im Training immer wieder stürzte und sich verletzte ihre Eltern in Schwanewede. Dort wacht sie an einem Morgen auf und kann ihre rechte Hand nicht mehr bewegen. "Ich dachte, ich hätte drauf gelegen und sie wäre eingeschlafen", sagt sie. Weil es nicht besser wird, ruft sie ihre Mutter und merkt, dass sie nicht richtig sprechen kann. "Ich konnte die Wörter nicht aussprechen, die ich sagen wollte. Das war beängstigend." Sprachstörungen, Lähmungen – die Eltern befürchten einen Schlaganfall und rufen einen Krankenwagen.

Schnelle Diagnose soll Schäden vorbeugen

Janina Mües kommt ins Klinikum Bremen-Nord. Jetzt ist eine zügige Diagnose wichtig, wie Neurologe Duning sagt. "Denn sind die Nervenzellen einmal zerstört, ist es fast ausgeschlossen, dass sie sich erneuern." Das wollen die Behandler vermeiden und möglichst schnell mit der Therapie beginnen. Sofort kommt die Patientin ins MRT, dort wird eine Aufnahme von ihrem Kopf gemacht. "Das ging richtig schnell", erinnert sie sich.

Außerdem wird eine sogenannte Lumbalpunktion durchgeführt, bei der Gehirnwasser aus dem Rückenmark entnommen wird. Durch diese Methoden kann eine Entzündung im Gehirn nachgewiesen werden. Janina Mües erfährt nur einen Tag später sicher, dass sie Multiple Sklerose hat.

Das musste ich erst einmal verarbeiten. Es ist ja eine chronische Erkrankung, und das ist dann für immer so. Man kann sich in dem Moment gar nicht vorstellen, wie es sich auf das Leben auswirkt, wie es weiter geht. Ich war geschockt.

Janina Mües, MS-Erkrankte

Vor allem junge Frauen bekommen MS

Porträt von Prof. Dr. med. Thomas Duning
Thomas Duning ist Professor für Neurologie und Chefarzt der Neurologie im Klinikum Bremen-Ost. Bild: Klinikum Bremen Ost

Für den erfahrenen Neurologen Duning ist es keine Überraschung, dass eine junge sportliche Frau eine MS-Diagnose erhält. "Das ist eine typische Patientin für diese Erkrankung", sagt Duning. In der Gesamtbevölkerung sei MS im Vergleich zu anderen Volkskrankheiten wie Diabetes und Herzinfarkt zwar selten, aber sie sei eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. In Deutschland und auch in Bremen sind acht von 100.000 Menschen betroffen. "Auch Männer können MS bekommen, aber Frauen drei- bis fünfmal häufiger", so der Arzt. Vor allem im Alter von 20 bis 40 Jahren, "und gerade bei Frauen in den 20ern ist die Diagnose nicht selten".

Nachdem die MS feststeht, wird sofort therapiert, um die Entzündung so schnell wie möglich zu stoppen. Janina Mües bekommt Cortison. Weil das nicht so anschlägt wie erhofft, bekommt sie eine Blutwäsche, das Plasma wird ausgetauscht, wie sie weiter erzählt. "Das hat geschlaucht, das war ziemlich viel auf einmal", erinnert sich Mües.

Nach einer Woche spürt die Patientin erste Besserungen, sie wird entlassen. Aber die rechte Hand ist noch gelähmt, "ich konnte auch nicht rund laufen". Zudem fällt ihr das Sprechen und Schlucken schwer: "Ich konnte nicht so gut essen, oder habe mich beim Trinken oft verschluckt." An diesen Einschränkungen arbeitet sie mit einer Logopädin und einer Physiotherapeutin.

Große Behandlungsfortschritte in den letzten Jahren

In der Regel kommt die Krankheit laut Neurologe Duning mit der Akut-Therapie zur Ruhe. Wegen des chronischen Verlaufs komme es aber immer wieder zu neuen Schüben, zu akuten Entzündungen. Um die zu unterdrücken, werde dann, wie bei Janina Mües, hochdosiert Cortison gegeben. Das reicht aber immer nur für den Moment. "Man braucht auch eine dauerhafte Immuntherapie, damit das Immunsystem nicht so häufig neue Entzündungen entwickelt“, sagt der Arzt. Mües muss deshalb alle sechs Wochen zu ihrer Neurologin an den Tropf, durch den ihr ein MS-Medikament verabreicht wird, das neue Schübe aufhalten soll.

Es gibt keine Erkrankung, bei der sich die Therapie dynamischer entwickelt hat in der Neurologie, als bei der multiplen Sklerose.

Thomas Duning, Chefarzt Neurologie Klinikum Bremen-Ost

Wann ein neuer Schub kommt, lässt sich laut Duning nicht vorhersagen. "Es gibt MS-Kranke, die jahrelang keinen Schub haben. Bei anderen Verlaufsformen kommen alle zwei, drei Wochen neue Schübe." Obwohl die Erkrankung MS also nicht berechenbar ist, die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten haben sich in den letzten zehn Jahren – und vor allem in den letzten fünf Jahren – enorm weiter entwickelt, erklärt der Bremer Mediziner. "Es gibt keine Erkrankung, bei der sich die Therapie dynamischer entwickelt hat in der Neurologie, als bei der multiplen Sklerose."

Während man das Immunsystem früher grob unterdrückte und die Patienten dadurch anfälliger wurden für Infektionen, gebe es inzwischen eine große Auswahl an Mitteln, die das Immunsystem spezifisch unterdrücken. Dadurch kann man gezielter und individueller therapieren: "Wo liegen die Läsionen, wie viele sind es, wie alt ist die Patientin, will sie noch Kinder?" Diese Fragen können laut dem Mediziner heute in den Therapieplan einfließen.

An einem anderen, gewaltigen Fortschritt in der MS-Behandlung, wird gerade geforscht: Eine Impfung könnte das Erkrankungs-Risiko mindern.

Imfpung gegen MS?

Kunstradfahrerin Janina Mües
Janina Mües geht es heute wieder besser. Sie fährt auch wieder Kunstrad. Bild: Janina Mües

Die Ursachen für die MS sind nicht eindeutig. Doch einen möglicherweise richtungsweisender Befund haben US-Forscher erst im Januar veröffentlicht: Die Autoimmun-Erkrankung "Multiple Sklerose wird offenbar durch ein Virus ausgelöst, das Epstein-Barr-Virus. Bekannt ist es als Pfeiffersches Drüsenfieber, es gehört zur Familie der Herpes-Viren und 95 Prozent der Erwachsenen tragen es in sich. Schon länger hatte man den Zusammenhang vermutet, wie der Bremer Neurologe Duning erklärt. Jetzt dürfte klar sein: Wer kein Epstein-Barr hat, kann keine Multiple Sklerose bekommen. "Die Datenlange ist bestechend", so Duning. "Die Krankheitsgeschichten von Millionen Patienten wurden überprüft."

Natürlich erkranken nicht alle, die das Virus in sich tragen an MS. Andere Faktoren spielen eine Rolle. So tritt MS in Ländern um den Äquator herum seltener auf als in skandinavischen Ländern. Vermutet werden deshalb Zusammenhänge mit der Sonneneinstrahlung und einem Vitamin-D-Mangel. Und es muss eine Veranlagung vorliegen. Dennoch hat der Befund eine riesige Wirkung: Eine Impfung gegen das Epstein-Barr-Virus könnte das Risiko einer Erkrankung massiv senken.

"Dann fahre ich wieder rechts herum"

Daran arbeiten Forscher schon seit Jahrzehnten, weil das Virus wahrscheinlich auch zu Krebserkrankungen, vor allem Leukämie, führen kann, erklärt der Bremer Neurologe Duning. Aktuell laufen demnach Studien, Impfstoffe werden getestet. Doch noch ist die Datenlange zu dünn, um vorhersagen zu können, wann ein Impfstoff gegen Epstein-Barr vorliegen wird. Sobald es soweit ist, könnte man flächendeckend impfen.

Für Janina Mües kommt das zu spät. Aber der 22-Jährigen geht es inzwischen deutlich besser. Sie wirkt voller Energie und ist sogar schon wieder aufs Fahrrad gestiegen, wie sie buten un binnen am Sonntag berichtete. Allerdings mit Einschränkung: "Rechtsherum, das muss noch warten", sagt Janina Mües. "Wenn ich mich sicherer fühle, dann werde ich wieder rechtsherum fahren."

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Mai 2022, 19:30 Uhr