Bei Bremerhavener "Moppelmöwen" wird Adipositas-Betroffenen geholfen

Mehrere Frauen stehen nebeneinander in einem Modegeschäft.
Bild: Moppelmöwen | Privat

Die Gruppe "Moppelmöwen" in Bremerhaven gibt Menschen mit Übergewicht Halt – Themen sind Ernährung, Sport, Mobbing oder OPs. Die Mitbegründerin hat bereits 100 Kilo abgenommen.

Übergewichtige Menschen haben es im Alltag oft mit besonderen Herausforderungen zu tun. Nicht nur räumliche Gegebenheiten können eine Hürde darstellen. Auch Blicke oder Bemerkungen von Mitmenschen führen bei einigen Betroffenen zum stetigen Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben. Dinge, die bei den anonymen Zusammenkünften der "Moppelmöwen" eine Rolle spielen. Ebenso wie der Austausch zum Themen wie Magenverkleinerungen.

Zwei Frauen stehen neben einem Schild mit der Aufschrift "Möwen füttern verboten".
Nina Morgenroth (links) will den Mitgliedern der Moppelmöwen Zuversicht geben. Bild: "Moppelmöwen"

Seit vergangenem August trifft sich die Selbsthilfegruppe für Adipositas-Betroffene in Bremerhaven, momentan immer am dritten Montag im Monat. In einem Raum des Netzwerks "Selbsthilfe Bremerhavener Topf" in Geestemünde sitzen 15 Betroffene an einem Tisch. Zeitgleich findet ein Onlinetreffen statt. Insgesamt zählt die Gruppe mittlerweile knapp 50 Mitglieder. Eine der beiden Gründerinnen ist Nina Morgenroth, die das Präsenztreffen leitet. Sie freue sich über die gemütliche Runde mit so vielen neuen Gesichtern, sagt sie zur Begrüßung.

Ich bin Nina, ich habe seit 2018 einen Schlauchmagen. Ich habe insgesamt 100 Kilo abgenommen und sage mir: Hätte ich damals gewusst, was ich heute über Ernährung, Bewegung und das Zusammenspiel weiß, und dass es eigentlich nur wenig bedarf um etwas zu ändern, dann wäre ich wahrscheinlich niemals so fett geworden mit über 200 Kilo und hätte vielleicht nie die Magen-OP benötigt. Deswegen habe ich die Gruppe mitgegründet.

Nina Morgenroth, "Moppelmöwen"-Mitbegründerin

Austausch über Gesundheit, Bürokratie und Belastung

Mit einer Freundin zusammen hat Morgenroth nach einer Gruppe gesucht, die ihr und auch anderen Halt gibt, in der man sich austauschen kann, in der man Gehör findet und nicht einfach als "dick" abgestempelt wird. Manche Betroffene waren vorher in einer anderen Selbsthilfegruppe, haben sich dort aber weniger aufgehoben gefühlt. Als es diese nicht mehr gab, hätten sie einfach selber eine neue ins Leben gerufen.

Die "Moppelmöwen" sind für Menschen gedacht, die an Adipositas erkrankt sind, aber auch für Angehörige und Freunde. "Wir erzählen einfach aus unserem Leben und unseren Erfahrungen", sagt Morgenroth. "Ich selber bin am Magen operiert worden und habe davor 20, 30 Jahre lang versucht mein Gewicht und mein Leben in den Griff zu bekommen." Mit ihrer Erfahrung will sie anderen Mut machen, Möglichkeiten zu nutzen und etwas auszuprobieren.

Zwischen den Treffen bleiben die Mitglieder ständig in Kontakt, treffen sich zum Laufen, Kochen oder gesunden Einkaufen. Manche wollen einen Weg finden, auf herkömmlichem Wege gesünder zu leben und abzunehmen. Andere planen eine Operation und müssen dafür neben psychologischer und Ernährungsberatung auch den Besuch einer Selbsthilfegruppe bei der Krankenkasse nachweisen. Neben Bürokratie wird in der Gruppe auch über seelische Belastungen wie Mobbing und Ausgrenzung gesprochen. Ein wichtiger Aspekt, berichtet eine Teilnehmerin nach dem Treffen.

Nicht allein zu sein finde ich ganz wichtig. Hier sind wir fast alle gleich. Wir haben alle das gleiche "Problem". Wir wollen akzeptiert werden, uns unterstützen, Tipps und Tricks erfahren. Dafür ist die Gruppe nicht wegzudenken.

Teilnehmerin, Selbsthilfegruppe "Moppelmöwen"

Ärztin lobt Bremerhavener "Moppelmöwen"

Eine Frau steht vor einer Wand und blickt in die Kamera.
Elena Junghans begleitet Patienten bei Magenverkleinerungen. Bild: Diako Bremen

Die Chirurgin Elena Junghans war zwölf Jahre lang Leiterin der Adipositaschirurgie im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide. Seit März arbeitet sie am Diako Krankenhaus in Bremen. Für Junghans sind die "Moppelmöwen" eine Bereicherung für Bremerhaven. "Ich finde das unglaublich wichtig, dass sich Selbsthilfegruppen gründen", so die Ärztin. Viele Menschen beschäftigten sich mit den gleichen Problemen, da müsse nicht jeder für sich alleine durch. Junghans berät Patienten auf dem Weg zur Magenverkleinerung. Und obwohl sie Chirurgin ist, ist sie nicht der Meinung, dass bei Adipositas ausschließlich eine Operation hilft.

"Ich bin pro Lebensqualität und gesunde Ernährungsweise", sagt Junghans, die empfiehlt, jede unnötige Operation unbedingt zu vermeiden. Wer mit sich zufrieden sei, langfristig gesund und mit Lebensqualität leben könne, der solle es machen, wie er möchte. Aber: "Es ist so, dass Menschen mit deutlichem Übergewicht einfach Hilfe brauchen, um einmal ausreichend abzunehmen, um die gesunde Ernährung und Lebensweise zu erreichen", sagt die Ärztin. "Unser Ziel ist nicht zu operieren, unser Ziel ist Gesundheit und Lebensqualität."

Mehrere Frauen stehen in einer Küche und kochen.
Gesundes Kochen gehört genauso zum Programm der "Moppelmöwen" wie Sport und Erfahrungsaustausch. Bild: "Moppelmöwen"

Dinge, die auch die "Moppelmöwen" zum Ziel haben. "Wir versuchen uns zu motivieren, gemeinsam zu laufen, zu schwimmen, einen Garten zu bewirtschaften", sagt Gruppengründerin Morgenroth. Auch die gesunde Ernährung ist ein zentrales Thema, die leichte Integration in den Alltag und die Freude am eigenen Leben. Und dabei wird laut Morgenroth kein Blatt vor den Mund genommen, alle seien gleich und hätten sich einen gemeinsamen Neustart vorgenommen: "In ein besseres Leben, mehr Akzeptanz, weniger Verurteilung und weniger Mobbing."

Autorinnen und Autoren

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Vormittag, 5. April 2022, 11:10 Uhr