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Lehrkräfte erheben Mobbing-Vorwürfe gegen International School Bremen

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An der Schule sollen Vorgesetzte laut Gewerkschaft seit Jahren Untergebene mobben. Auch Notenmanipulation steht als Vorwurf im Raum. Die Schulleitung hat Untersuchungen angekündigt.

Die International School Bremen (ISB) wirbt auf ihrer Webseite damit, ihren Schülerinnen und Schülern Werte wie Offenheit, Achtung und Toleranz vermitteln zu wollen. Für viele Lehrkräfte, die an der Privatschule unterrichtet haben, klingt das wie Hohn. Buten un binnen liegen Aussagen mehrerer Lehrerinnen und Lehrer vor, wonach systematisches Mobbing durch Vorgesetzte an der ISB seit Jahren an der Tagesordnung sei. Sie berichten von Einschüchterungsversuchen, gezielter Ausgrenzung oder Beleidigungen bis hin zu rassistischen Beschimpfungen.

Die Gewerkschaft GEW bestätigt diese Darstellung. Laut Landesvorstandsprecherin Elke Suhr sind vor allem junge Kolleginnen und Kollegen aus dem nicht-europäischen Ausland von den Übergriffen betroffen. Opfer seien häufig jene, die sich in einem starken Abhängigkeitsverhältnis von der Schule befänden. Sei es, weil sie am Anfang ihrer Karriere stünden oder weil ihr Aufenthaltsstatus an den Job gebunden sei. "Das ist besonders unsozial und perfide", sagt Elke Suhr.

Die Schulleitung zeigt sich überrascht von den Vorwürfen

Die Schulleitung der ISB zeigt sich buten un binnen gegenüber überrascht von den Vorwürfen. Man nehme diese ernst und werde sie nun prüfen. "Wir werden umgehend den Betriebsrat sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zu einem Gespräch einladen und so schnell wie möglich Lösungen finden", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.

Eine der betroffenen Lehrerinnen ist Jullian B.. Vor zwei Jahren begann die Jamaikanerin als Mathematiklehrerin an der ISB zu arbeiten. Schnell habe sie realisiert, dass der Unterricht an der Schule teilweise schlecht organisiert sei. Es fehle mitunter an Lehrplänen und den einfachsten Unterrichtsmaterialien. Diese Einschätzung teilen auch andere Lehrkräfte, die sich an buten un binnen wenden, darunter auch ehemalige leitende Angestellte.

Kritik sei Auslöser des Mobbings

Kritik von Neulingen an der Unterrichtsorganisation an der ISB sei häufig der Auslöser für Ausgrenzung und Einschüchterung durch leitende Mitglieder des Kollegiums, stimmen die Kritiker überein. Jullian B. berichtet, sie sei nicht mehr zu fachlichen Besprechungen eingeladen worden, nachdem sie mehrmals auf Defizite in der Unterrichtsplanung hingewiesen habe. Schließlich sei sie von Vorgesetzten angehalten worden, ihr Mittagessen abseits der anderen Lehrkräfte einzunehmen. Es folgten weitere Bloßstellungen, Bedrohungen und Verleumdungen. Auch rassistische Beleidigungen seien immer wieder gefallen.

Von solcher systematischen Ausgrenzung berichten buten un binnen vier weitere ehemalige Lehrkräfte. Auch aktive Lehrkräfte bestätigen gegenüber der Gewerkschaft GEW, dass an der ISB eine Mobbing-Kultur herrsche. Hilfe zu bekommen sei für die Betroffenen oft schwierig, da die Privatschule nicht eins zu eins der Bremischen Schulaufsicht unterstehe wie andere Schulen im Land. Auch Gewerkschaftsarbeit sei dort nicht gern gesehen. GEW-Mitglieder verschwiegen meist ihre Gewerkschaftszugehörigkeit, weil sie Repressalien fürchteten. "Unsere Mitglieder fühlen sich nicht sicher genug, damit offen umgehen zu können", sagt Elke Suhr. Die Schulleitung spricht dagegen davon, vertrauensvoll mit der Gewerkschaft zusammenzuarbeiten.

Ehemalige Lehrerin erhebt schwere Vorwürfe gegen die Schulleitung

Verzweifelte Lehrerin im Klassenzimmer,
Für die Lehrerin Jullian B. sei das Mobbing nicht mehr auszuhalten gewesen, weswegen sie sich in ein Krankenhaus begeben habe. (Symbolbild) Bild: Imago | Ute Grabowski

Die ISB-Führung verweist gegenüber buten un binnen darauf, dass die Schule regelmäßig von externen Akteuren erfolgreich zertifiziert werde. Dies sei zuletzt im vergangenen Jahr geschehen, als ein Prüfer der gemeinnützigen britischen Stiftung Education Development Trust die Schule für zwei Tage besucht und die Unterrichtsabläufe überprüft habe. In dieser Zeit seien 16 Sitzungen mit Mitarbeitern, Schülern, Eltern und dem Direktor abgehalten worden. Die Schule verfüge außerdem über ein Beschwerdemanagement, das allerdings von den Betroffenen nie genutzt worden sei.

Das stellen die Kritiker anders dar. Von der Schulleitung habe sie keinerlei Unterstützung erfahren, sagt Jullian B.. Im Gegenteil: "Die Schulleitung orchestriert all diese Dinge", ist sich die Lehrerin sicher. Seit es vor einigen Jahren einen Wechsel an der Spitze der Schule gegeben habe, hätten die Probleme erst begonnen. Auch diese Darstellung stützen die anderen Lehrkräfte, die sich an buten un binnen gewendet haben.

Vorgesetzte sollen Einfluss auf die Notenvergabe genommen haben

Jullian B. macht es an einem Beispiel fest. Sie sei von einem Vorgesetzten angehalten worden, Noten von Schülern nachträglich um mehrere Stufen zu verbessern. Als sie ihre Zweifel an diesem Vorgehen angemeldet habe, weil die Leistungen der Schüler nicht diesen Noten entsprächen, sei ihr mit Entlassung gedroht worden. Eine Drohung, die auch in weiteren Situationen immer wieder ausgesprochen worden sei. Auch andere Lehrkräfte berichten von Anweisungen durch Vorgesetzte, Noten von gewissen Schülerinnen und Schülern nach oben zu korrigieren. Oft habe es sich um Kinder besonders spendabler Eltern gehandelt.

Jullian B. berichtet, dass ihr Körper den seelischen Druck nicht mehr ausgehalten habe. Nach Wochen voller Schlaflosigkeit und Panikattacken habe sie sich ins Krankenhaus einweisen lassen. Dies sei auch der Moment gewesen, an dem sie sich entschied, die Schule zu verlassen. Auch die anderen ehemaligen Lehrkräfte berichten von teils erheblichen gesundheitlichen Folgen des Mobbings.

Lehrerin hielt Mobbing in einem Tagebuch fest

Jullian B. hat Tagebuch geführt über die Mobbinghandlungen, die sie an der ISB erfahren habe. Die mehrere Aktenordner umfassende Chronik ist Grundlage für einen Gerichtsprozess, den sie derzeit am Arbeitsgericht Bremen gegen die Schule anstrengt. "Ich hoffe, dass ich durch das Verfahren andere Betroffene ermutige, sich ebenfalls zu wehren, um die Kultur an der Schule zum Besseren zu wenden", sagt sie.

Das ISB-Management hat im Vorfeld versucht, Jullian B.s Gang vor Gericht zu verhindern, indem es der Lehrerin 5.000 Euro anbot, um von dem Verfahren abzusehen. Auch in einem weiteren Prozess einer ehemaligen Lehrerin, der momentan am Arbeitsgericht läuft, wollte die ISB mit einer Zahlung von 5.000 Euro das Verfahren abwenden. Als Schuldeingeständnis will die Schulleitung dieses Angebot jedoch nicht verstanden wissen, im Gegenteil: "Die erhobenen Vorwürfe aus den laufenden Gerichtsverfahren haben wir umgehend und intensiv geprüft und gehen nach den aktuell vorliegenden Informationen nicht davon aus, dass diese der Wahrheit entsprechen", schreibt die Schulleitung.  

Belegt ist allerdings, dass die ISB in den letzten zwei Jahren bereits dazu verurteilt wurde, anderen ehemaligen Lehrkräften einen höheren fünfstelligen Betrag zu zahlen.

Autor

  • Sebastian Manz Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Februar 2022, 19:30 Uhr