Neue Studie – Mehr als 5.000 Missbrauchsopfer im Bistum Münster?

Studienautoren stellen die Forschungsergebnisse vor
Die Historiker Thomas Großbölting (l) und Klaus Große Kracht, sprechen bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster.

Neue Studie – Mehr als 5.000 Missbrauchsopfer im Bistum Münster?

Bild: DPA | Guido Kirchner
  • Gutachten zählt 610 Missbrauchsopfer im Bistum Münster
  • Ausmaß sexuellen Missbrauchs ist deutlich größer als bekannt
  • Dekanate Oldenburg und Delmenhorst gehören zum Bistum Münster

Die Zahl der beschuldigten Priester und Missbrauchsopfer im Bistum Münster ist nach einer Studie der Universität Münster deutlich höher als bekannt. Laut der über zwei Jahre dauernden Forschungsarbeit eines fünfköpfigen Teams gab es von 1945 bis 2020 fast 200 Kleriker, die der sexualisierten Gewalt beschuldigt werden können, und bekannte 610 minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch. Damit sind 4,17 Prozent der Priester betroffen, wie die Wissenschaftler der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) am Montag mitteilten. Heute leben noch etwa 50 der beschuldigten Priester.

Die Dunkelziffer bei den Opfern ist vermutlich erheblich höher als die bekannten 610 Fälle: Aus vergleichbaren Fällen sei von einem Dunkelfeld auszugehen, das acht- bis zehnmal so groß sei, sagte die an der Studie beteiligte Historikerin Natalie Powroznik. Es gebe also "etwa 5.000 bis 6.000 betroffene Mädchen und Jungen" im Bistum Münster. In einer Studie der Deutschen Bischofskonferenz von 2018 war noch von rund einem Drittel weniger Missbrauchsopfern ausgegangen worden.

Die meisten Fälle stammen aus den 60er und 70er Jahren

An den 610 namentlich bekannten Opfern seien mindestens 5.700 Einzeltaten sexuellen Missbrauchs verübt worden. In der Hauptphase der Taten - die 60er und 70er Jahre - habe es in den Gemeinden des Bistums Münster im Durchschnitt zwei Missbrauchstaten durch Priester pro Woche gegeben. Drei Viertel der Opfer seien Jungen, ein Viertel Mädchen, der Großteil zwischen zehn und 14 Jahre alt.

Die Studienautoren berichteten von zum großen Teil massiven Missbrauchstaten mit erheblichen psychischen Folgen für die Opfer, die bis zu Depressionen und Suizidgedanken geführt haben. Bei 27 der namentlich bekannten Missbrauchsopfer im Bistum Münster seien Hinweise auf Suizidversuche gefunden worden. Powroznik sagte, immer wieder hätten Priester den Missbrauch zu einer "gottgefälligen" Handlung umgedeutet.

Autoren werfen Bischof Genn Versäumnisse vor

Der Historiker Thomas Großbölting widersprach bei der Vorstellung der Studie am Montag der Schilderung des 2008 verstorbenen Bischofs Reinhard Lettmann, der von Einzelfällen gesprochen hatte. Missbrauchsfälle habe es flächendeckend in allen Dekanaten des Bistums gegeben und viele hätten davon gewusst, sagte Großbölting und sprach von Vertuschung.

Der Münsteraner Bischof Felix Genn will sich am kommenden Freitag zu der Studie äußern. Die Studienautoren warfen dem seit 2009 in Münster als Bischof tätigen Genn Versäumnisse vor. Wenn ein Missbrauchstäter Reue gezeigt habe, sei Genn kirchenrechtlich nicht immer konsequent vorgegangen.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 13. Juni 2022, 14:00 Uhr