"Kennst du Mika?" – Hilfe bei Belästigung in Bremer Clubs und Kneipen

Video vom 25. November 2021
Eine Hand fasst an einen fremden Po.
Bild: Imago | Hoch Zwei Stock/Angerer
Bild: Imago | Hoch Zwei Stock/Angerer

Die Frage ist das Codewort, um in Kneipen und Clubs schnell und unkompliziert Hilfe zu bekommen. Die Aktion richtet sich an alle, die sich bedrängt, bedroht oder belästigt fühlen.

Feiern macht Spaß. Anzügliche Sprüche an der Bar bekommen, beim Tanzen begrapscht oder gar bedroht zu werden dagegen nicht. Solche oder ähnliche Situationen kennen viele Menschen, wenn sie in Clubs, Bars, Kneipen oder Diskotheken unterwegs sind. Frauen besonders. Das zeigen Studien und Umfragen wie die des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Demnach erlebt fast jede Frau einmal in ihrem Leben sexuelle Belästigung. Die Aktion "Kennst du Mika?" möchte dem etwas entgegensetzten. Pünktlich zum Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, startet der "notruf" Bremen, eine psychologische Beratungsstelle bei sexueller Gewalt, die Kampagne.

So funktioniert "Kennst du Mika?"

MIKA-Aktion Sprechblase: Kennst Du MIKA?
Mit diesem Logo signalisieren Bremens Kneipen, Clubs oder Gastronomien: Hier wird Betroffenen von sexualisierter Gewalt geholfen. Bild: notruf Bremen – Psychologische Beratung bei sexueller Gewalt

"Kennst du Mika?" - so lautet das Codewort. Wer sich in Bremer Kneipen, Clubs oder Bars bedrängt oder belästigt fühlt, kann sich mit dieser Frage direkt an das Personal wenden. Das Personal soll so schnell reagieren können und Betroffenen helfen. "Die Person wird dann zum Beispiel in einen sicheren Bereich im Lokal gebracht, es wird ein Taxi gerufen oder Begleitung organisiert", erklärt Sonja Schenk, Mitarbeiterin beim "notruf" Bremen. Im Extremfall kann die Polizei verständigt werden. Das Besondere dabei: Betroffene müssen nicht die unangenehme Situation schildern oder sich rechtfertigen. Auf die Frage "Ist Mika da?" soll sofort Hilfe erfolgen.

Es geht darum, die Schwelle, sich Hilfe in unangenehmen Situationen zu holen, so niedrig wie möglich zu machen. Betroffene können mit einem Satz klar sagen, was sie brauchen: Unterstützung.

Sonja Schenk, Mitarbeiterin des "notrufs"

Schulungen für das Personal solle aufklären

MIKA-Aktions Plakat "Kennst Du Mika?" - "Wir helfen Dir"
Die Plakate und Sticker liegen in Clubs, Bars, Kneipen und dem Weser-Stadion aus. Bild: notruf Bremen – Psychologische Beratung bei sexueller Gewalt

In Bremen und Bremerhaven bietet die Beratungsstelle "notruf" Schulungen für Mitarbeiter in der Gastronomie an. Dort wollen Sonja Schenk und ihre Kolleginnen dem interessierten Personal erklären, worauf es bei konkreter Hilfe gegen sexualisierte Gewalt ankommt: "Es ist wichtig, die Betroffenen ernstzunehmen und schnell zu reagieren. Ein wesentlicher Kern sei dabei, dem Personal in den Schulungen zu vermitteln, nicht "zu viel" zu machen. Schenk rät daher: "Lieber konkret nachfragen, was die Person gerade braucht. Das muss kein Anruf bei der Polizei sein, kann es aber, wenn die Person das wünscht." Für alle interessierten Betriebe soll es Hinweis-Plakate geben, die auf den Damentoiletten aufgehängt werden sowie ein Infoblatt zu der Aktion für das Personal.

Weser-Stadion und Clubs im Land Bremen machen mit

Einige Bremer Betriebe haben ihre Teilnahme an "Kennst du Mika?" bereits zugesagt. Zum Beispiel das Weser-Stadion des SV Werder Bremens. Aber auch die Diskothek "Yesterday" in Bremerhaven will bei der Aktion mitmachen. Rückmeldungen seien auf jeden Fall da. Man sei aber noch mitten in der Akquise. Wie viele Betriebe letztendlich teilnehmen, werde sich in den nächsten Wochen zeigen, so Sedef Sahin-Yavuz, Mitarbeiterin bei "notruf". Die Beratungsstelle ist optimistisch gestimmt. Bereits bei "Ist Luisa da?" – einer ähnlichen, damals bundesweiten Aktion – hatten 2019 mehr als 15 Betriebe in Bremen und Bremerhaven mitgemacht.

Kneipen, Clubs, Bars oder Gastronomien können freiwillig mitmachen. Damit senden sie auch ein klares Signal an ihre Gäste: Wir sind sensibilisiert. Hier bist du sicher.

Sedef Sahin-Yavuz, Psychologin und Mitarbeiterin bei "notruf"

"Sexuelle Belästigung? So was gibt es bei uns gar nicht."

Trotzdem seien nicht alle Kneipenbetreiber von der Aktion begeistert, räumt Schenk ein: "Bei der Aktion 'Ist Luisa da?' gab es leider auch Kneipen, die gesagt haben: 'Och nö, sexuelle Belästigung? So was gibt es bei uns gar nicht.' Die hatten Angst, wenn die unsere Sticker aufkleben, dass die Gäste denken: 'Hier gehe ich nicht hin, hier gibt es sexuelle Gewalt'“. Doch genau das könnte hilfreich sein. Mit der Aktion wolle man auch potenzielle Täter abschrecken, so Schenk. Gegen die Befürchtungen einiger Kneipenbetreiber sprechen die Zahlen der Bremer Kriminalstatistik. Das bekräftigt auch Landesfrauenbeauftragte Bettina Wilhelm: "Sexuelle Übergriffe und Nachstellungen sind unverändert häufig und betreffen besonders oft junge Frauen". Im Jahr 2020 gab es 190 Fälle von sexueller Belästigung im Land Bremen. Davon waren 95 Prozent der Opfer weiblich. 33 Frauen waren unter 21 Jahre alt. "Die polizeilich erfassten Fälle stehen aber nur für einen Bruchteil von An- oder Übergriffen", erklärt Wilhelm.

Aktion setzt sich für alle Geschlechter ein

Hohe Dunkelziffern gibt es aber nicht nur bei Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben. Auch Männer oder nicht-binäre Menschen, die sich nicht ausschließlich männlich oder weiblich identifizieren, erleben sexuelle Belästigung, Nötigung oder Gewalt im Nachtleben. Darauf hatten Teilnehmer die Beratungsstelle bei Schulungen zur "Ist Luisa da?"-Aktion 2019 aufmerksam gemacht. Mit der neuen Aktion "Kennst du Mika?" wolle man daher nicht mehr ausschließlich nur Frauen ansprechen. "Wir möchten jetzt und in Zukunft mit der Aktion alle Geschlechter und Identitäten einbeziehen". Die Aktion startet heute in Bremen und Bremerhaven – unbefristet.

Rückblick: Betroffene sollen beim Kampf gegen sexuelle Gewalt helfen

Video vom 18. Juli 2021
 Die Künstlerin und Aktivistin Renate Bühn im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Anna Görner Volontärin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. November 2021, 19:30 Uhr