Schaffen Bremen und die Länder das Wort "Migrationshintergrund" ab?

Eine Lehrerin mit Grundschülern an einem Tablet. Verschiedene Nationalitäten und Hautfarben
In Bremen werden 37 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger statistisch unter dem Begriff Migrationshintergrund gefasst. (Symbolbild) Bild: DPA | Blend Images/Marc Romanelli

Die Integrationsminister halten den Begriff für ungenau, häufig würde er als abwertend empfunden. Bei einem Treffen der Länder soll heute eine Alternative vorgestellt werden.

Bremen will nach eigenen Angaben stigmatisierende Begriffe vermeiden. Umstritten ist auch das Wort "Migrationshintergrund". Deshalb haben die Integrationsministerinnen und -minister im vergangenen Jahr beschlossen, dass der Begriff künftig nicht mehr verwendet werden soll. Ein Arbeitskreis mit Mitarbeitenden aus dem Ressort für Integration von Senatorin Anja Stahmann (Grüne) sollte zur heute beginnenden Konferenz der Ministerinnen und Minister einen alternativen Begriff erarbeiten. Unsere Autorin Nuria Fischer beschreibt, wie es zu der bundesweiten Debatte kam und ganz persönlich erzählt sie, weshalb sie die Diskussion so wichtig findet.

Porträt der Autorin Nuria Fischer
Nuria Fischer schreibt als freie Autorin über Menschen, Initiativen und Projekte, die Diversität und soziale Gerechtigkeit voranbringen. Bild: Arne Weiß | Arne Weiß

Ich selber habe erst vor wenigen Jahren mitbekommen, dass ich als Mensch mit "Migrationshintergrund" statistisch erfasst werde. Meine Mutter ist Spätaussiedlerin aus Russland, mein Vater ist nach dem Abitur aus Spanien hergezogen. Ich bin in Nürnberg geboren und meine Muttersprache ist Deutsch. Die Herkunft meiner Eltern habe ich nie als eine Hürde empfunden, eher als einen Vorteil, den ich als Joker bei Partys einsetzen konnte. Mit dem Wort "Migrationshintergrund" wurde ich nie verbunden, mein "Deutschsein" mir nie abgesprochen.

Sehr ähnlich ist die Migrationsgeschichte meiner Jugendliebe in der Schulzeit. Seine Eltern sind ebenfalls aus jeweils unterschiedlichen Ländern zum Studium nach Deutschland gekommen. Auch er ist in Deutschland geboren. Aber anders als bei mir wurde er durchgehend mit seinem "Migrationshintergrund" konfrontiert und ihm wurde immer wieder sein "Deutschsein" abgesprochen. Dieser Unterschied hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass seine Eltern aus Tunesien und der Türkei kommen.

Wie man anhand unserer Biografien sehen kann, sagt der im Mikrozensus erfasste "Migrationshintergrund" weder etwas über die tatsächliche Migrationserfahrung einer Person aus, noch über ihre sozio-ökonomische Lage oder ob sie Diskriminierung oder Rassismus ausgesetzt ist. Mit einer einzigen Kategorie wird versucht, sehr vielfältige Lebensrealitäten abzubilden. Wenn der Begriff so ungenau und irreführend ist, stellt sich Frage, warum dieser noch immer zentral für die Datenerhebung ist.

Welcher Begriff bildet die Biografien richtig ab?

Ende 2021 lag eine Umfrage von Bremens Integrationssenatorin Anja Stahman (Grüne) in den Stadtbibliotheken in Bremen und Bremerhaven aus: "Sagen Sie uns ihre Meinung! Begriff: Migrationshintergrund – Top oder Flop?", hieß es da. Neugierig durch meine eigene Geschichte machte ich mich auf die Suche nach dem Ursprung dieser Befragung und stellte fest: Nicht nur das Land Bremen beschäftigte sich damit, sondern alle Länder und der Bund.

Die Minister für Integration waren sich bei ihrem Treffen unter dem Vorsitz Bremens im vergangenen Jahr einig, dass der Begriff "Migrationshintergrund" für zukünftige Beschlüsse und Veröffentlichungen ihrer Konferenzen nicht mehr verwendet werden soll. "Da er die Realität von Millionen von Menschen, die entweder selbst oder deren Eltern eingewandert sind, nicht richtig abbildet und zudem häufig als abwertend und ausgrenzend empfunden wird", heißt es im Beschlussvorschlag.

Deshalb sollte eine länderoffene Arbeitsgruppe einen neuen Begriff entwickeln und bei der heute beginnenden Integrationsministerkonferenz vorlegen.

Wer hat überhaupt einen "Migrationshintergrund"?

Seit 2005 wird der “Migrationshintergrund” im Mikrozensus erfasst. Durch die Datenerfassung über Zugewanderte und deren Nachkommen wurde anerkannt, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist und Politik und Gesellschaft dementsprechend darauf eingehen müssen.

Dem Statistischem Bundesamt zufolge hat eine Person einen "Migrationshintergrund", wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Ende 2020 waren das 21,9 Millionen Menschen – also etwas mehr als jede vierte Person – in Deutschland. Der Anteil an Menschen mit "Migrationshintergrund" ist im Land Bremen mit 37 Prozent am höchsten. Aus mehr als 180 Ländern der Erde leben inzwischen Menschen in der Stadt Bremen. Dieser große Anteil zeigt bereits, wie breit der Begriff offenbar angelegt ist. Dazu zählt der minderjährige Geflüchtete, der ohne Familie vor einem Jahr aus Afghanistan geflohen ist. Aber auch die Tochter des deutsch-französischen Paares, die für einen gut bezahlten Job in der Luftfahrtbranche nach Bremen gezogen sind. Oder der Sohn einer Spätaussiedlerin, dessen Muttersprache deutsch ist und der von Geburt an in Bremen lebt.

Wenn von "Migrationshintergrund" im Alltag die Rede ist, ist oft "Ausländer und Ausländerin" gemeint. Nicht ausländische Menschen im Allgemeinen, sondern BIPoC (Black Indigenous People of Colour), also Menschen, die rassistische Diskriminierungserfahrungen machen. Nicht die tatsächliche Migrationserfahrung und die daraus resultierenden Bedarfe stehen im Vordergrund, sondern eine zugeschriebene "Andersmachung".

Warum "Migrationshintergrund" spaltet

Auf dem Papier fallen meine Jugendliebe und ich in die gleiche Kategorie. Im Alltag aber wird oftmals in gute und schlechte Migrationshintergründe unterteilt wird. Während mein spanischer Vorname für Urlaubsgefühle sorgte, wurde die Dreisprachigkeit meines Freundes nicht als Zusatzqualifikation, sondern als Makel empfunden. Diese Abgrenzung spaltet, verletzt und schließt Menschen aus. Der Begriff, der ursprünglich mal neutral sein sollte, ist negativ besetzt. Er wird meistens mit Problemen assoziiert. Schulklassen mit einem hohen Anteil an Kindern mit "Migrationshintergrund" werden als schwierige Klassen gesehen. In den Medien ist oftmals die Rede von Straftätern mit "Migrationshintergrund". Und so entsteht ein negatives Bild in Köpfen und Berührungsängste.

Durch diese Vorurteile werden Menschen – wie mein ehemaliger Freund – diskriminiert und ausgeschlossen. Ihnen wird ihr "Deutschsein" abgesprochen und damit ihr Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht in der Gesellschaft. Die Konsequenz ist weniger Einfluss und Macht. Auch um sich gegen strukturelle Diskriminierung einzusetzen. Die Frage vieler Menschen, die in Deutschland geboren wurden, deutsch sprechen, arbeiten und leben, ist: "Was muss ich eigentlich tun, um endlich als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt zu werden?"

Politik findet keinen "besseren" Begriff

Verwaltung, egal ob Stadt, Land oder Bund benötigt auch weiterhin Kategorien, um Erkenntnisse über die Bürger und Bürgerinnen zu gewinnen und bedarfsorientierte Entscheidungen zu treffen. Den richtigen Weg zwischen breit genug, um eine Aussagekraft zu haben und spezifisch genug, um die Realität abzubilden, ist eine große Herausforderung. "Migrationshintergrund" ist jedenfalls weit weg von diesem Mittelweg und ein neuer Weg kann nur gefunden werden, wenn die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft mit den Lebensrealitäten der Menschen zusammengebracht werden.

Die deutsche Politik befindet sich noch am Anfang und doch zeigt die aktuelle Debatte auf der Integrationsministerkonferenz, dass die Kritik gehört wird und sich was bewegt. Aber es steht schon fest: Die Integrationsminister der Länder werden keinen neuen Begriff vorstellen. Sie haben sich darauf geeinigt, dass es die eine, richtige Alternativbezeichnung, nicht gibt.

"Jeder neue Begriff hat seine Vor- und Nachteile, birgt Ausschlussmechanismen in sich und kann gleiche oder ähnliche Probleme mit sich bringen", sagt Nadezhda Milanova, Migrations- und Integrationsbeauftragte des Landes Bremen, buten un binnen.

Braucht Deutschland ein vielfältigeres Verständnis von "Deutschsein"?

Es gibt aus meiner Sicht immer noch ein abstammungs-definiertes Verständnis von deutscher Zugehörigkeit. Dabei sollte doch gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte hinterfragt werden, ob "Deutschsein" tatsächlich anhand der Vorfahren definiert werden sollte. Damit Deutschland ein modernes Einwanderungsland wird, brauchen wir ein neues Verständnis von Zugehörigkeit unabhängig von Herkunft, Aussehen und Glauben. Ein neues Selbstverständnis, das alle Menschen im Land einschließt und nicht durch Kategorien und Begriffe ausschließt. Ein neues Selbstverständnis, in dem meine Jugendliebe genauso als Teil der Gesellschaft wahrgenommen wird, wie ich oder Menschen, die seit Generationen in Deutschland leben.

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Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Nuria Fischer

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. April 2022, 19:30 Uhr