Interview

Darum droht Bremerinnen und Bremern weniger Wohlstand und mehr Armut

Eine Person schaut in eine leere Brieftasche.
Bild: Imago | photothek

CDU-Chef Merz rechnet mit weniger Wohlstand in Deutschland. Irene Dingeldey vom Bremer Institut für Arbeit und Wirtschaft erklärt, wen die hohe Inflation besonders belastet.

Irene Dingeldey ist Direktorin des Instituts für Arbeit und Wirtschaft (IAW) an der Uni Bremen. Im Gespräch mit buten un binnen spricht sie über verschiedene Wege, Wohlstand zu ermitteln und darüber, wer besonders von der hohen Inflation betroffen ist.

Frau Dingeldey, CDU-Chef Friedrich Merz hat vor dem Hintergrund hoher Inflation Wohlstandseinbußen angekündigt. Teilen Sie seine Ansicht?
Dazu müssen wir zunächst fragen, was wir unter Wohlstand verstehen. Ist es nur die von der Inflation berührte Kaufkraft, ist es das Beschäftigungsniveau, das wirtschaftliche Wachstum und wie es verteilt ist? Ist darüber hinaus der Zugang zu sozialen Dienstleistungen wie Gesundheit und Bildung inbegriffen? Nicht zuletzt sind auch Umweltbelastungen ein Element, das zunehmend bei der Bemessung des Wohlstands betrachtet wird.
Könnten die teuren Preise für umweltschädliche Rohstoffe wie Öl und Gas unter Umweltgesichtspunkten sogar zu einer Steigerung des Wohlstands führen?
Die jetzige Krise wird die sozial-ökologische Transformation sicherlich beschleunigen. Ein Problem ist aber, dass sich die aktuellen Preissteigerungen nicht unmittelbar auf diese Entwicklung auswirken. Langfristig wird es positive Einflüsse geben. Kurzfristig kann es aber auch anders kommen, wie wir gerade mit der Diskussion um die Atomkraft sehen.
Drohen in Deutschland allen Menschen Wohlstandseinbußen?
Man kann hier verschiedene Gruppen unterscheiden. Wenn Sie Geldvermögen oder ein Sparkonto für Ihr Alter haben, können sie sich später weniger von Ihrem Geld kaufen. Auf der anderen Seite werden tendenziell Sachvermögen profitieren. Wenn sich viele Menschen in Immobilien flüchten, dann steigen deren Werte.

Bei Einkommen und Löhnen gilt, dass mit hoher Inflation die Kaufkraft abnimmt. Das lässt sich als Wohlstandsverlust interpretieren. Gleichzeitig gibt es aber als Gegenbewegung die Forderung nach Lohnerhöhungen durch die Gewerkschaften. So besteht die Chance, dass die Wohlstandverluste nicht so groß ausfallen, wenn die Löhne entsprechend steigen. Wobei hier wiederum die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale besteht.
Wie trifft die Preissteigerung Menschen unterschiedlicher Lohngruppen?
Die höheren Lohngruppen müssen zwar auch sparen. Sie müssen aber nicht den Konsum einschränken, der zum Erfüllen der Grundbedürfnisse gehört. Da schlägt sich Wohlstandsverlust eher dadurch nieder, dass mal ein Urlaub wegfällt.

Die unteren Lohngruppen brauchen hingegen allein schon für den Kaufkraftausgleich Erhöhungen. Denn bei ihnen geht es auch um Grundbedürfnisse – zum Beispiel Lebensmittel und Heizkosten. Das gilt vor allem für Empfänger von Sozialhilfe und kleinen Renten. Hier muss der Staat bei den Mindestbedarfssystemen und knapp darüber Anpassungen vornehmen, um Armut zu vermeiden. Da reden wir gar nicht erst über Wohlstand.
CDU-Chef Merz nennt vor allem kinderreiche Familien mit wenig Einkommen, die es schwer haben werden.
Ja, sie zählen dazu. Genauso wie auch die Zwei-Kind-Familie, die stark einkommensgefährdet sein kann oder Alleinerziehende und junge Menschen. Das gilt zum Beispiel für Kinder in Arbeitslosengeld-II-Haushalten. Aber auch junge Alleinlebende gelten als armutsgefährdet.
Irene Dingeldey zu Gast im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau am Morgen, 11. April 2022, 7 Uhr