Kommentar

Ende von Corona-Regeln in Bremen: "Und ich dachte, ich würde feiern"

Ein Mund-Nasen-Schutz liegt auf dem Mischpult des DJs in einem Club.

Corona-Lockerungen und -Pflichten: Was ab heute im Land Bremen gilt

Bild: DPA | Philipp von Ditfurth

Die Infektionszahlen sind hoch, doch die Masken dürfen fast überall runter. Ein normales Leben wäre möglich. Unsere Autorin Johanna Ewald fragt: "Was, wenn ich nicht kann?"

Ich habs nicht gekonnt. Am Freitag wollte ich mit Freunden auf eine Party. Endlich wieder feiern, die Regeln erlauben es ja, sind endlich wieder gelockert. Schon seit Monaten stand der Termin fest. Und dann, zwei Stunden vorher, habe ich gemerkt: Ich kann das nicht. Meine Angst vor einer Ansteckung mit Corona ist zu groß.

Für meine Freunde war es okay, aber wirklich verstanden haben sie mich glaube ich nicht. "Wir werden es eh alle irgendwann bekommen", argumentieren sie. Das ist wahrscheinlich auch richtig. Und wahrscheinlich wird eine Erkrankung in meinem Fall, als Dreifach-Geimpfte und junger Mensch ohne Vorerkrankung auch milde verlaufen. Aber eben nur wahrscheinlich.

Ich hätte niemals gedacht, dass ich das einmal sage: Aber die Regeln haben mir Handlungsfähigkeit und Sicherheit gegeben. Das war ein Orientierungsrahmen. Jetzt, fast frei, ist gefühlt jede Entscheidung die Falsche. Isoliere ich mich, ist es übertrieben. Geh‘ ich zur nächsten Party, bin ich danach höchstwahrscheinlich Corona-positiv.

Ist der Preis zu hoch? Freiheit zum Greifen nah

Ich habe Angst, etwas falsch zu machen, mich anzustecken mit dem Coronavirus, Angst, dass wir zu leichtsinnig werden, Angst, dass dieser Sommer nicht so entspannt wird wie der vergangene.

Noch vor einem Jahr habe ich mir nichts mehr gewünscht, als mein altes Leben wieder zu haben – Geburtstag, mit so vielen Gästen, wie ich möchte. In einem Kinosaal sitzen ohne Maske, schwimmen gehen und sich nur darum sorgen, ob man Fußpilz bekommt oder wohl jemand ins Becken gepinkelt hat. Doch jetzt, wo es zum Greifen nah scheint, scheint mir der Preis zu hoch.

Nehmen wir auf andere keine Rücksicht mehr?

Johanna Ewald
Johanna Ewald ist Autorin und Social-Media-Redakteurin in der Online-Redaktion von buten un binnen. Bild: Johanna Ewald

Die Inzidenzen haben fast einen Wert von 2000 erreicht. Gefühlt hat es gerade "jeder". Ich frage mich so oft: Was mache ich, wenn ich es kriege? Wer geht dann mit meinen Hunden Gassi? Wer bewegt meine Pferde und schaut nach ihnen? Brauche ich vorsorglich einen Notfallplan? Was ist, wenn es kein milder Verlauf ist? So wie bei Moderatorin Visa Vie, die trotz Impfung wegen ihres schweren Verlaufs ins Krankenhaus musste. Und jetzt mit den Folgen der Erkrankung zu kämpfen hat: Diabetes Typ-1, Luftnot, erhöhter Blutdruck – um nur einige Nachwirkungen ihrer Infektion zu nennen.

Neben dem Eigenschutz ist es aber auch der Fremdschutz: Ältere und vorerkrankte Menschen haben weiterhin ein hohes Risiko, sich anzustecken. Und es gibt genug Menschen, deren Leben durch die Pandemie so stark eingeschränkt wurde, dass sie nicht weiterleben können, als wäre nichts gewesen. Sei es beruflich, psychisch oder eben körperlich. Nehmen wir auf diese Menschen jetzt keine Rücksicht mehr? Reicht es jetzt?

Mit dem Virus leben

Vielleicht fangen wir nun an, mit dem Virus zu leben – wie so viele es gefordert haben. Ich auch. Und jetzt ist sie da, die Eigenverantwortung. Sie steht direkt vor mir. Und ich fühle mich viel zu wenig vorbereitet, viel zu unwissend, der Herausforderung nicht gewachsen. Hinzu kommt die Befürchtung , dass ich mich in Zukunft für meine Maske rechtfertigen muss. Denn momentan kann ich mir nicht vorstellen, beim Einkaufen oder in Innenräumen darauf zu verzichten. Was umso ironischer ist, da ich das Teil am Anfang gehasst habe.

Vielleicht sind meine Sorgen mittlerweile so groß geworden, weil alle zwischenzeitlichen Hoffnungen immer wieder zunichte gemacht wurden.

Die Erste: "Bald ist es vorbei!" Wisst ihr noch, als wir das damals dachten, im März 2020? Einmal diesen Winter zusammenreißen, im Sommer wird es eh besser. War auch so – bis der nächste Winter kam. Der war lang und hart. Aber es gab eine neue Strategie: Die Tests. Sie sollten Klarheit bringen, verhindern, dass Positive weitere Menschen anstecken. Bis klar wurde: Es gibt ziemlich viele fehlerhafte Ergebnisse.

Zaubermittel Impfstoff verpufft?

Aber mittlerweile hatte man ja endlich das, worauf wir seit Beginn der Pandemie fieberhaft hingearbeitet haben: Die Impfung. Meine Sorge, was sie wohl für Nebenwirkungen hat, habe ich schnell beiseite geschoben. Denn etwas viel Größeres lockte: Die Freiheit. Nach der Grundimmunisierung fühlte ich mich ein bisschen wie Superwoman. So geschützt vor Corona. Aber weit gefehlt. Spätestens nach der dritten Impfung wusste ich: Die Impfung mildert den Verlauf und das Ansteckungsrisiko, aber sie macht nicht immun.

Also meine letzte Hoffnung: Wenn die Pandemie zur Endemie wird, wird sich alles normalisieren. Nur war mir nicht klar, dass dies hohe Infektionszahlen bedeutet und die Bevölkerung allmählich durchseucht. Endemie bedeutet also keinesfalls ein "Ende". Das Robert-Koch-Institut (RKI) definiert es ganz im Gegenteil als "in einer Gegend heimische Krankheit, von der ein größerer Teil der Bevölkerung regelmäßig erfasst wird".

Was bleibt mir für eine Lösung? Vermutlich muss ich mich damit abfinden, dass ich irgendwann in meinem Leben Corona haben werde. Während ich diese Zeilen schreibe, wehrt sich mein Kopf: "Ich wills nicht bekommen." Und: "Gibst du jetzt einfach auf, oder was?"

Was ich mir wünsche: Akzeptanz. Weil jeder anders mit der Situation umgeht. Und dass ich mich für meine Entscheidungen, auch, wenn ich die Maske weiter trage – und noch keine Partys besuche – nicht rechtfertigen muss.

Maske ja oder nein? Das sagen die Radio Bremen Meinungsmelder

Bild: Radio Bremen

Autorin