Interview

Wieso die Maskenpflicht in Bremer Geschäften fast kein Thema mehr ist

Eine junge Frau mit Mundschutz,Maske betrachtet Textilien,Kleidungsstuecke in einem Modegeschaeft.
Zwar ist das Tragen einer Maske in den meisten Geschäften nicht mehr vorgeschrieben. Die Mehrheit der Kundinnen und Kunden aber trägt weiterhin einen Mundschutz beim Einkauf. Bild: DPA | SvenSimon

Krieg und Inflation haben Corona als größte Sorge des Handels verdrängt, sagt der Handelsverband. Trotzdem rechnen Bremens Händler mit einem Corona-Herbst – und sorgen vor.

Nicht ganz einen Monat ist es her, da ist in Bremens Einzelhandel die Maskenpflicht weggefallen. Was lange für hitzige Diskussionen sorgte, erregt die Gemüter im Handel inzwischen kaum noch. Allerdings nicht, weil das Thema vom Tisch wäre, sondern weil derzeit andere Probleme im Einzelhandel vorherrschten, sagt Jan König, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Nordwest.

Herr König, seit vier Wochen gibt es im Einzelhandel keine Maskenpflicht mehr. Wie hat sich das auf die Stimmung in den Geschäften ausgewirkt?
Viele Händler sind einerseits entspannter, seit es die Maskenpflicht nicht mehr gibt. Andererseits legen sie bei Ihren Beschäftigten weiter Wert darauf, dass sie Masken tragen. Und das kommt bei den Beschäftigten überwiegend gut an. Außerdem stellen wir fest, dass auch die meisten Kunden noch mit Maske einkaufen, obwohl es von den meisten Händlern nur empfohlen und nicht kraft Hausrecht verlangt wird. Offensichtlich fühlen sich die meisten Menschen mit Maske derzeit noch sicherer.
In früheren Zeiten der Pandemie gab es öfter Streit zwischen Bremerinnen und Bremern, die eine Maske getragen haben und solchen, die keine aufhatten. Gibt es solche Streits in den Geschäften auch heute noch?
Nein. Von solchen Auseinandersetzungen in Bremen habe ich überhaupt nichts mehr gehört.
Portrait des Einzelhandelsverbands Niedersachen Bremen-Hauptgeschäftsführers Jan König
Kann sich vorstellen, dass es im kommenden Herbst noch einmal zu einer Maskenpflicht in den Läden kommt: Jan König, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Nordwest. Bild: Jan König
Wie haben sich die Umsätze im Einzelhandel entwickelt, seit die Maskenpflicht weggefallen ist?
Das ist ganz schwer zu beantworten. Denn die Corona-Pandemie spielt inzwischen nicht mehr die Hauptrolle, wenn wir über die Entwicklung der Umsätze sprechen. Und das, obwohl die Infektionszahlen immer noch enorm hoch sind. Trotzdem findet wieder mehr gesellschaftliches Beisammensein statt. Konfirmationen und Hochzeiten werden wieder gefeiert, überhaupt finden wieder mehr Feiern statt. Dazu muss man sich einkleiden – und das merkt der Textilhandel. Der Modehandel profitiert von Nachholeffekten, die entstanden sind, weil die Menschen wieder feiern dürfen und sich das auch trauen.
Wie sieht es mit den anderen Einzelhandelszweigen aus?
Da sehen wir jetzt, wie sich die Probleme verlagert haben. Corona spielt, wie gesagt, nicht mehr die Hauptrolle. Aber die Preissteigerung und die Unsicherheit durch den Krieg schlagen stark zu Buche. Der Handelsverband Deutschland hat seit einigen Jahren ein Konsumbarometer, einen Konjunkturindex, der aktuell so niedrig ist wie noch nie. Er ist durch den Krieg und die Inflation noch tiefer gefallen als zu Beginn der Corona-Pandemie. Die Leute sind nicht mehr in Kauflaune. Da hat der Modehandel eine Sonderstellung, weil es dort einen starken Nachholbedarf gibt. Aber ansonsten halten sich die Menschen bei Ihren Anschaffungen sehr zurück.
Fürchten Sie, dass sich die Angst der Menschen vor dem Krieg negativ auf die Vorsicht der Leute im Umgang mit der Pandemie auswirken könnte, beispielsweise auf das Tragen von Masken?
Anfang April, als die Schutzmaßnahmen gelockert wurden, hätte ich gesagt: Das ist gut möglich. Heute sehe ich es nicht mehr so. Trotz des Kriegs und der Inflation begegnet einem Corona ja immer noch jeden Tag: in den Nachrichten oder auch in den Geschäften, wo die meisten Schutzmaßnahmen weiterhin gepflegt werden, auch wenn es nicht mehr überall eine Maskenpflicht gibt. In den Geschäften ist das Thema Corona auch deshalb weiter sehr präsent, weil sich immer wieder Kolleginnen und Kollegen mit dem Virus infizieren. Das ist in vielen Betrieben ein großes Problem.
Was für eine Entwicklung im Einzelhandel erwarten Sie für die kommenden Monate?
Es gab schon seit Mitte letzten Jahres Lieferengpässe. Wir hatten gehofft, dass sich das legt. Doch dann ist der Krieg gekommen. Daher fürchte ich: Die Verbraucherstimmung wird weiter schlecht bleiben. Wir hoffen, dass sich nicht auch die Stimmung der Händler verschlechtert, die zuletzt gar nicht so schlecht gewesen ist. Aber: Man weiß nicht, wie sich die Stimmung entwickeln wird. Es ist ein bisschen wie zu Beginn der Pandemie: Die Unsicherheit ist groß, und daran wird sich wohl so schnell nichts ändern.

Aber mit den Masken hat das nichts zu tun. Was Corona angeht, gehen wir alle davon aus, dass im Herbst wieder einiges auf uns zukommen wird. Auch deshalb pflegen die Händler weiter ihre Hygienekonzepte. Schon, um im Herbst nicht wieder bei Null anfangen zu müssen. Und dass es noch einmal zu einer Maskenpflicht kommen könnte, wenn sich die Lage wieder verschärft – das ist, glaube ich, den meisten klar.

So lief der erste Tag ohne Maskenpflicht im Bremer Einzelhandel

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. April 2022, 19.30 Uhr