Interview

Experte: "Straßenbahn durch Bremer Martinistraße macht nichts besser"

Nur wenige Menschen laufen am Nachmittag durch die Bremer  Innenstadt.
Nach wie vor rattern Straßenbahnen durch die Bremer Innenstadt. Das sei nicht mehr zeitgemäß, sagt Verkehrsexperte Carsten-Wilm Müller. Bild: DPA | Sina Schuldt

Es gebe clevere Möglichkeiten, um die Straßenbahn aus der Stadt zu bekommen. Welche Ideen Verkehrsexperte Carsten-Wilm Müller dazu hat, verrät er hier.

Carsten-Wilm Müller ist auf einem Foto zu sehen. Er ist ein Herr mit Brille, grauen Haaren und einem blauen Poloshirt.
Carsten-Wilm Müller lehrt an der Hochschule in Bremen im Gebiet des Verkehrswesens. Viele Aspekte seiner Forschung drehen sich um die Innenstadt. Bild: Hochschule Bremen/Marcus Meyer Photography

Carsten-Wilm Müller ist Professor an der Hochschule Bremen und lehrt im Gebiet des Verkehrswesens. Zur Bremer Innenstadt haben er und seine Studenten und Studentinnen sich schon viele Gedanken gemacht – und vor einiger Zeit selbst vorgeschlagen, die Straßenbahn in die Martinistraße zu verlegen. Warum er davon gar nicht mehr überzeugt ist, erklärt er uns im Interview.

Die SPD fordert, dass Straßenbahnen durch die Martinistraßen fahren sollen. Wie stehen Sie zu diesem Konzept?
Es ist schon ein Erfolg, dass sich die Stadt mit dem Thema beschäftigt. Ich bin der Meinung, dass eine Eisenbahn – und nichts anderes ist eine Straßenbahn – nicht in die Innenstadt gehört. Sie ist super als Zubringer von außen, aber muss nicht durch die gute Stube fahren. Da stellt man sein Auto normalerweise ja auch nicht ab.
Warum wäre es sinnvoll, wenn die Straßenbahn durch die Martinistraße fahren würde?
Ehrlich gesagt, macht die Straßenbahn in der Martinistraße nichts besser. Dort ist es sinnvoller, sie zweispurig zurückzubauen und hübsch zu machen. Cleverer wäre es, die Straßenbahn über die Westerstraße fahren zu lassen. Da macht sie nicht viel kaputt und der Umweg beträgt nur ungefähr zwei Minuten. Die Innenstadt sollte man viel sinnvoller über kleine autonome Bussysteme erschließen. Das wäre dann Mobilität, die nicht viel Platz kostet und ohne Fahrplan fährt. Die Geschäfte in der Innenstadt hätten eine Mikroerschließung und die Straßenbahn wäre für die Peripherie zuständig.
Gibt es dann nicht ähnliche Diskussionen mit den Einzelhändlern wie bei dem Thema "autofreie Innenstadt"?
Nein, eigentlich nicht. Denn mit so einem Bussystem würden die Geschäfte viel filigraner erschlossen sein und könnten ein besseres Angebot für ihre Kunden machen. Die Innenstadt muss wieder lebendiger werden, damit nicht noch mehr Geschäfte dichtmachen und der Leerstand nicht weiter zunimmt.
Wie muss sich die Bremer Innenstadt Ihrer Meinung nach entwickeln, wenn sie weiter lebendig bleiben möchte?
Wir brauchen eigentlich weniger Verkehr und mehr Menschen. Beziehungsweise vor allem Menschen, die nicht nur da sind, weil sie 50 Euro ausgeben wollen. Da kann die Innenstadt auch ein wenig von dem Viertel lernen – da ist zwar auch viel Verkehr und für Radfahrer ist es grauenhaft. Aber es ist proppenvoll. Die Menschen wohnen dort – und deshalb gibt es da auch kleine Läden und mehr als den Einheitsbrei in der Stadt. Die Bremer Innenstadt könnte wohnen besser ermöglichen, indem sie beispielsweise die Parkhäuser rund um die Innenstadt umnutzt und hätte direkt ein ganz anderes Leben in der Stadt.

So reagiert Bremens Politik auf die SPD-Pläne zur Straßenbahnverlegung

Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Lina Brunnée Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 4. November 2021, 9 Uhr