"Markt der Möglichkeiten" bietet Geflüchteten Jobchancen in Bremen

Kateryna Klyucho steht vor einer Pinwand der Markt der Möglichkeiten

Bremer "Markt der Möglichkeiten": Jobchancen für Geflüchtete

Bild: Radio Bremen

So viele unbesetzte Jobs gab es laut Arbeitsagentur in Bremen noch nie: 10.000 freie Stellen sind es aktuell. Geflüchtete müssen dennoch eines beachten.

In den letzten Jahren und vor allem Monaten haben sich in Bremen viele Initiativen gebildet, die sich um Geflüchtete und Zuwanderer aus verschiedenen Ländern kümmern. Auf der Veranstaltung "Markt der Möglichkeiten – Vernetzungsarbeit mit und für Geflüchtete" in der Volkshochschule Bremen, waren mehr als 30 verschiedene Institutionen vertreten, die den Menschen bei der Integration und Beschäftigung helfen.

Der Raum mit den verschiedenen Organisationen, die bei der Arbeitssuche helfen, war am vergangenen Samstag ziemlich voll: Ukrainer, Syrer; Hindus und viele andere waren an den Ständen, schauten sich Broschüren an und stellten Fragen. Die meisten von ihnen waren an Arbeit interessiert, denn jeder will Geld verdienen und unabhängig sein. "Aber", so Ralf Perplies, Leiter der Bremer Volkshochschule: "Zuerst kommt die Sprache". Es sei wohl unmöglich, ohne Deutschkenntnisse einen guten Job in Deutschland zu finden, so Perplies. Deshalb ist das Erlernen einer Sprache eine Investition in die Zukunft. Das Angebot an Integrationskursen ist aufgrund der Nachfrage inzwischen deutlich gestiegen.

Ralf Perplies von der VHS Bremen
Ralf Perplies, Leiter der Volkshochschule Bremen, bei dem "Markt der Möglichkeiten". Bild: Radio Bremen

Bremen habe seit 2014, als die ersten Geflüchteten aus Syrien kamen, viel gelernt, sagt Perplies weiter. Zurzeit leben viele Geflüchtete aus der Ukraine in Bremen, vor allem Frauen mit Kindern. "Nicht nur mit den eigenen Kinder", sagt Perplies, "sondern auch von Freunden und Verwandten, die sie mitgebracht haben". Während die Frauen Kurse besuchten, brauche es eine Kinderbetreuung. Für diese sei inzwischen gesorgt, so Perplies weiter: "Wir haben solche Kurse, die Kinder werden währenddessen in der Nähe der Klassenräume betreut – wie im Kindergarten. Und jetzt sind wir gefordert, eine solche Betreuung für noch mehr Kurse bereit zu stellen. Wir haben auch die Chance, dass andere ukrainische Frauen mit einer pädagogischen oder psychologischen Ausbildung hier arbeiten und sich um diese Kinder kümmern können."

Bremen sucht mehr als 10.000 Arbeitskräfte

Joachim Ossman vom Jobcenter Bremen
Joachim Ossmann, Vorsitzende der Geschäftsführung der Bundesagentur für Arbeit. Bild: Radio Bremen

Das Bundesland Bremen verzeichnete in der vergangenen Woche eine Rekordzahl an offenen Stellen: 10.000 Arbeitskräfte in verschiedenen Branchen und mit unterschiedlichen Qualifikationen werden gesucht. "So viele hatten wir noch nie", sagt der Geschäftsführer der Bundesagentur für Arbeit, Joachim Ossmann.

"Bundesagentur für Arbeit" – diese staatliche Einrichtung ist eine Art "Job Tinder", um den idealen Job mit dem idealen Kandidaten zusammenzubringen. Dieses Matching zu ermöglichen und die richtige Person für die Stelle auszuwählen, ist die Aufgabe von Ossmann. Aber manchmal sei es schwierig, "in die richtige Richtung zu wischen“ und die passenden Leute für die Stellen zu finden.

Die Medaille hat zwei Seiten. Einerseits wachsen die Unternehmen in Bremen und brauchen mehr Menschen und Arbeitskräfte. Auf der anderen Seite: Es gibt keine qualifizierten Arbeitskräfte für diese Jobs. Wir haben ein Matching-Problem. Die verfügbaren Bewerber haben häufig entweder nicht die passenden Qualifikationen oder passen nicht in das Profil dieser Unternehmen.

Joachim Ossmann, Geschäftsführer der Bundesagentur für Arbeit

Die Lage ist laut Ossmann so kritisch, dass Bremen in ganz Europa und sogar weltweit nach Fachkräften sucht. Besonders schwer ist es, den Bedarf an Arbeits- und Pflegekräften in Krankenhäusern zu decken: "Wir suchen Pflegekräfte in Mexiko. Wir finanzieren einen einjährigen Deutschkurs in Mexiko und dann kommen sie hierher zu uns und arbeiten als Pflegekräfte in Bremer Krankenhäusern."

Bremen fehlten auch Menschen, die in der Altenpflege arbeiten, sagt Ossmann: "Wir haben in Spanien nach jungen Leuten gesucht, die nach Deutschland kommen und in Altenheimen arbeiten wollen. Und dieses Projekt ist sehr erfolgreich. Jedes Jahr finden wir etwa 10 bis 20 junge Spanier, die nach Bremen gehen und in Altenheimen arbeiten", so Ostmann.

Der "Markt der Möglichkeiten" kommt gut an

Bliss Abumere beim Durchsehen von Prospekten
Bliss Abumere beim Durchsehen von Prospekten. Bild: Radio Bremen

Die 17-jährige Bliss Abumere aus Nigeria ist eine potenzielle Mitarbeiterin im medizinischen Bereich. Sie hat in der Ukraine studiert, in der Stadt Winnyzja, an der medizinischen Fakultät der dortigen Universität. Wegen des russischen Angriffs war sie gezwungen, ihr Studium abzubrechen und aus der Ukraine nach Deutschland zu fliehen. Bliss war mehrere Tage zu Fuß unterwegs, bis sie die Grenze erreichte – an einem Tag 12 Stunden. Jetzt in Bremen ist Bliss wichtigstes Ziel, die deutsche Sprache zu lernen und ihr Studium in diesem Fachbereich fortzusetzen.

Ich möchte so schnell wie möglich Sprachkurse machen können. Denn ich möchte Medizin studieren und das dauert sehr lange. Ich möchte Neurochirurgin werden. In der Ukraine habe ich das erste Jahr abgeschlossen, aber ich weiß nicht, ob es möglich sein wird, hier in das zweite Jahr zu wechseln.

Bliss Abumere, Studentin aus der Ukraine

Kateryna Klyuchko aus Charkiw in der Ukraine, hat bereits ein Jobangebot von einem deutschen Unternehmen erhalten. Die Frau ist am Tag nach Kriegsbeginn aus der Ukraine geflohen. Sie nahm ihre Mutter, drei Hunde und drei Katzen mit. Anfangs hatte sie nicht vor, im Ausland zu bleiben und dort Arbeit zu suchen. Lange lehnte sie das ab und plante stattdessen, zurückzukehren. Aber die russischen Angriffe, insbesondere in Charkiw, nehmen täglich zu.

Kateryna Klyucho steht vor einer Pinwand der Markt der Möglichkeiten
Kateryna Klyuchko zu Besuch beim "Markt der Möglichkeiten". Bild: Radio Bremen

In der Ukraine arbeitete Kateryna als Projektmanagerin im Bereich der Produktionsausrüstung für pharmazeutische Anlagen mehrmals mit einem Unternehmen aus Deutschland zusammen. Der Direktor dieses Unternehmens erkundigte sich schriftlich bei Kateryna nach ihrem Befinden, ob sie Unterstützung benötige – und bot ihr einen Job an. Dieses Unternehmen ist 100 Kilometer von Bremen entfernt und handelt mit pharmazeutischer Ausrüstung. Sie habe ein Stellenangebot als Verkaufsleiterin erhalten. Jetzt warte sie auf die vollständigen Unterlagen, um mit der Arbeit beginnen zu können.

Ich habe in der Schule und an der Universität Deutsch gelernt, also habe ich eine Grundlage, aber im Moment reicht Englisch für mich aus.

Kateryna Klyuchko, Verkaufsleiterin

Deutschland hat Arbeitsplätze zu bieten, und es gibt Menschen, die bereit sind, diese Arbeitsplätze zu füllen. Wenn der Matching-Prozess erfolgreich ist, werden beide Seiten davon profitieren: Arbeitgeber und Arbeitssuchende.

Gegen Fachkräftemangel: Neue Studiengänge für Hochschule Bremerhaven

Bild: DPA | Hartwig Lohmeyer

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 1. Juli 2022, 14:10 Uhr