Herz, Lunge, Kopf: So werden Long Covid Patienten in Bremen versorgt

Bild: DPA | Waltraud Grubitzsch

Long Covid hat viele Gesichter. Viele Bremer und Bremerinnen werden vom Hausarzt zum Spezialisten verwiesen. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Schätzungsweise zwischen 10 und 15 Prozent der Covid-Erkrankten leiden auch an Long Covid. Die Langzeitfolgen können aber nicht bloß die Atemwege betreffen, sondern auch andere Organe wie das Herz oder das Gehirn. Insgesamt sind über 150 Symptome bekannt – zu den häufigeren gehören Erschöpfung, Atem- und Gedächtnisprobleme.

Hans-Michael Mühlenfeld
Bei Bremer Hausärzten wie Hans-Michael Mühlenfeld ist Long Covid ein geringes Problem. Bild: privat

Um die Situation in Bremen einzuschätzen, hat buten un binnen mit vier Bremer Medizinern, die mit Betroffenen arbeiten, gesprochen. Alle sagen, das Problem sei schwierig einzuschätzen, da gerade die einzelnen Beschwerden nicht eindeutig als Corona-Langzeitfolge definiert werden können. "Bei Long Covid kommt es zu einer großen Überlappung mit anderen Erkrankungen", erklärt Hans-Michael Mühlenfeld.

Der Vorsitzende des Bremer Hausärzteverbands sagt, es gebe zwar einige Patienten, die nach einer Infektion nicht wieder ganz fit sind, doch "nicht jeder, der schlapp und müde ist, ist ein Long-Covid-Fall". Problematisch sei auch, dass die Langzeitfolgen weitestgehend unerforscht sind. Auch gibt es keine Long-Covid-Spezialisten. Je nach Beschwerden werden die Betroffenen zu den entsprechenden Spezialisten verwiesen, so Mühlenfeld.

Mehrere Fälle pro Tag beim Spezialisten

Bei Herzleiden melden sich viele Bremer und Bremerinnen bei Christoph Langer, Kardiologe am Herzzentrum Bremen. Fast wöchentlich kommen Menschen mit Beschwerden zu ihm, die auf Corona-Langzeitfolgen hindeuten: "Sie haben das Gefühl, nicht mehr das leisten zu können wie vor der Corona-Infektion oder sich einfach nicht vollständig erholt zu haben", berichtet Langer.

Porträt von Professor Christoph Langer
Eine Herzmuskelerkrankung haben die wenigsten, sagt Christoph Langer. Bild: Christoph Langer

Seine Patienten erzählen von Belastungsproblemen, Druck auf der Brust und schnellem Herzschlag. "Wir prüfen dann, ob nach der Infektion eine kardiale Manifestation vorliegt, also ob Corona auf das Herz übergegangen ist." Dies ist ein standardisiertes diagnostisches Verfahren mit vielen Untersuchungen – EKG, Ultraschall und Labortests. Auch auf Troponin werde untersucht, dieser Wert deute auf eine Herzmuskelentzündung hin. Eine bestätigte Myokarditis sei aber sehr selten, so der Mediziner.

Oft könne man nicht viel tun. Vor allem schließe man Dinge aus und behandle die Symptome. Wichtig sei, die Aktivitäten an die Leistungsfähigkeit anzupassen und sich nicht zu überlasten, bis die Erkrankung vollständig auskuriert ist.

Immer mehr junge Menschen mit Long Covid-Verdacht

Auch bei Lungenfacharzt Marcus Berkefeld klagen täglich mehrere Menschen über Symptome, die zu Langzeitfolgen von Corona passen. Oft sind es Abgeschlagenheit, Husten und Kurzatmigkeit. Vor allem kommen aber vermehrt junge bis mittelalte Menschen mit der Angst vor Corona-Langzeitfolgen ins Pneumologikum am Bürgerpark.

Auf die Nachfrage vom Arzt berichten seine Patienten meist von leichten Verläufen mit Fieber und grippeähnlichen Symptomen – selten musste jemand wirklich im Krankenhaus beatmet oder intubiert werden.

Auch Berkefeld untersucht die Lungen seiner Patienten gründlich: Er misst das Volumen und schließt eine Lungenembolie aus. Gefährliche Diagnosen gebe es selten, so Berkefeld. "Das ist erst mal eine Erleichterung", so der Mediziner. Sein Ratschlag: entschleunigen und die Symptome wie Reizhusten oder Asthma weiterbehandeln.

Porträt von Marcus Berkefeld (Lungenfacharzt)
Viele Patienten kommen schon wenige Wochen nach der Infektion zum Lungenfacharzt Marcus Berkefeld. Bild: Pneumologikum am Bürgerpark | Mareike Schneider / Fotostudio8

Bei der weiteren Versorgung in Bremen sieht der Lungenfacharzt in Bremen aber ein Problem: Viele Patienten müssen lange auf Termine warten, das sei gerade bei Spezialisten der Fall. Die Betroffenen leiden aber schon nach der Infektion mehrere Wochen, manche sind sogar dauerhaft krankgeschrieben.

Deswegen will auch die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KV) ein regionales Long-Covid-Netzwerk aufbauen. Gerade finden erste Gespräche mit den Krankenkassen als Geldgeber und interessierten Ärzten statt, so der Bremer KV Sprecher.

Erstes Netzwerktreffen am 23. Februar geplant

Ein erstes Online-Treffen soll es in zwei Wochen geben. Es muss besprochen werden, was genau in Bremen gebraucht wird, so Berkefeld. Mediziner aus anderen Bundesländern berichten, wie dort die Situation ist. Wichtig sei aber auch die Vernetzung innerhalb der Disziplinen, denn Long Covid ist ein fachübergreifendes Problem.

Neuropsychologin Claudia Armgardt
Die Fachrichtungen in Bremen müssen zusammenarbeiten, so Claudia Armgardt. Bild: Claudia Armgardt

Diese Vernetzung hält auch Claudia Amgardt für unbedingt notwendig. Es sei wichtig, dass die Patienten nicht überlastet und überfordert werden, indem jede Fachrichtung einen Termin macht und so die Patienten weiter erschöpft. Das sei kontraproduktiv, so die Neuropsycholgin zu buten un binnen. Von dem Netzwerk erhofft sich die Bremer Neuropsychologin, dass die Behandlung genau untereinander abgestimmt werden könne.

Zu ihr kommen Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Einschränkungen. Sie berichtet auch von Menschen, die sich nur noch fünf Minuten konzentrieren können, die einfach erschöpft sind und nicht ernst genommen werden. Das möchte sie mit ihren Bremer Kolleginnen und Kollegen nun ändern.

Bremer Lungenarzt zu Long Covid: "Uns fehlt die universitäre Medizin"

Bild: Radio Bremen

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Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Februar 2022, 19:30 Uhr