Bangen um Aufträge: Bremer Lufthansa-Flugschule droht das Aus

Bis zum Jahreswechsel ruhen die Kurse, nun droht mit der Bundeswehr auch der zweitwichtigste Kunde abzuspringen. Die rund 150 Angestellte befürchten eine Schließung.

Der Eingangsbereich der Bremer Lufthansa-Flugschule mit einem Schild mit der Aufschrift "European Flight Academy".
Der Lufthansa-Flugschule in Bremen droht das Aus. Bild: DPA | Sina Schuldt

Rafft das Coronavirus auch die traditionsreiche Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen dahin? Genau das befürchten Schüler und die rund 150 Beschäftigten der Einrichtung am Bremer Flughafen, an der schon Tausende Piloten die Grundlagen ihres Berufs erlernt haben. Die Coronakrise hat bereits zu tiefen Einschnitten geführt. Doch nun steht eine weitere Entscheidung an, die das Ende der 1956 gegründeten Verkehrsfliegerschule bedeuten könnte.

Bereits im März wurden die Flugschüler des Lufthansa-Konzerns nach Hause geschickt, teilt die zuständige Lufthansa-Ausbildungsgesellschaft European Flight Academy (EFA) mit. Rund 700 junge Menschen stehen ohne die angestrebte Piloten-Lizenz da, einigen fehlen nur noch wenige Flugstunden bis zum Ziel. Der angestrebte Job im Cockpit ist mit der Coronakrise aber in weite Ferne gerückt. Allein bei der Kerngesellschaft Lufthansa sind aktuell rund 900 Piloten zu viel an Bord, wie Konzernchef Carsten Spohr kürzlich sagte.

Keine Kurse bis Jahresende

Mindestens bis zum Jahreswechsel ruhen die Kurse, eine Fortsetzung ist durchaus unklar. Dem Konzern könnte das Ende der Bremer Schule ganz recht sein, wird in Kreisen der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) spekuliert. Schließlich gilt die Einrichtung als Keimzelle des starken Korpsgeistes der Lufthansa-Piloten.

Eine Kommission erarbeite gerade Vorschläge, wie es im kommenden Jahr weitergehen könne, sagt Unternehmenssprecher Dirk Sturny. Die in Kurzarbeit geschickten Mitarbeiter glauben hingegen, dass es wegen des fehlenden Bedarfs in den kommenden fünf Jahren keine neuen Kurse mehr geben wird. Sturny mag dazu keine Aussage treffen.

Wir bekommen den Bedarf von den Fluggesellschaften gemeldet.

Unternehmenssprecher Dirk Sturny

Zweitwichtigster Kunde droht abzuspringen

Umso bedrohlicher erscheint der mögliche Verlust des zweitwichtigsten Kunden. Für die Bundeswehr bildet Bremen Piloten für die zivile Flugbereitschaft der Bundesregierung aus, für Transportflugzeuge wie den neuen Airbus A400, aber auch für das Steuern von Drohnen.

36 Luftwaffen-Flugschüler lernen nach Angaben des Verteidigungsministeriums gerade in Bremen. Zwölf weitere sind es in der Außenstelle der Schule in Goodyear im US-Bundesstaat Arizona. Die Soldaten nutzten wie die Lufthansa-Schüler die 2007 angeschafften Business-Jets vom Typ Cessna Citation. Dazu kommen noch Privatzahler und angehende Piloten der japanischen All Nippon Airways (ANA).

Das Geschäft mit den Staatspiloten könnte die Bremer Schule durch die anstehende Flaute tragen, meinen Betriebsrat und Personalvertretung der rund 35 Fluglehrer. Doch Bundeswehr und EFA verhandeln bereits über ein billigeres Ausbildungsmodell mit einem kleineren Flugzeug am Standort Rostock-Laage, wie das Unternehmen bestätigt. "Durch den Abzug dieser staatlichen Aufträge sind weite Teile unseres Geschäfts zur Gänze gefährdet", sagt der Vorsitzende der Personalvertretung, Peter-Helmut Hahn.

Wir könnten überleben mit Bundeswehr und ANA.

Peter-Helmut Hahn, Vorsitzender der Personalvertretung

Gewerkschaft wirft Luftwaffe Tarifflucht vor

Die Luftwaffe bestätigt nur, dass die Ausbildung für 2021 neu ausgeschrieben sei. Die Lufthansa sei aufgefordert, ein Angebot abzugeben, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Dieses Angebot liege aber der Luftwaffe und damit auch dem Ministerium noch nicht vor.

"Es wird eigentlich mit Steuermitteln Tarifflucht begangen", schimpft der Bremer Verdi-Sekretär Franz Hartmann. Die Beschäftigten in Rostock seien tarifvertraglich nicht geschützt und würden so in einem Dumpinglohnwettbewerb gegen ihre Bremer Kollegen missbraucht. Eine Schließung der Verkehrsfliegerschule würde zudem den gesamten Luftverkehrsstandort mit Flughafen und Airbus-Werk schwächen, warnt Gewerkschafter Hartmann.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 21. August 2020, 23:30 Uhr