Interview

Bremer Osteuropa-Expertin warnt vor Ausweitung des Ukraine-Krieges

Ukrainische Polizeioffiziere inspizieren die Überreste einer russischen Rakete in Kiew
Der russische Angriff auf die Ukraine erfolgte in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Bild: Reuters | Valentyn Ogirenko

Weltweit herrscht Entsetzen über Russlands Angriff in der Ukraine. Die Politikwissenschaftlerin Yana Lysenko befürchtet, dass Putin auch das Baltikum ins Visier nehmen könnte.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Viele führende Politiker verurteilen das Vorgehen des russischen Präsidenten Wladimir Putin aufs Schärfste und drücken ihre Solidarität mit der Ukraine aus. Zugleich wächst vielerorts die Angst vor einer Ausweitung des Krieges. Im Interview erklärt Yana Lysenko, Osteuropa-Expertin aus Bremen, wie es zu der Eskalation kommen konnte, was die betroffenen Menschen in der Ukraine berichten und ob Europa ein Flächenbrand droht.

Frau Lysenko, vor Kurzem haben Sie bei buten un binnen noch von einem möglichen Krieg in der Ukraine gewarnt, in der vergangenen Nacht ist es tatsächlich dazu gekommen. Wie erleben Sie die jüngsten Ereignisse?
Im Prinzip ist genau das passiert, was Putin angedroht hat. Im Westen ist man vom Besten ausgegangen und hat gehofft, dass die Sanktionen eine abschreckende Wirkung auf die russischen Pläne haben. Das wird aus meiner Sicht die militärischen Pläne Putins aber wenig beeinflussen. Meiner Ansicht nach hätte man seine Pläne nicht anhand seiner offiziellen Regierungsverlautbarungen, in denen kein Angriff auf die Ukraine angedroht wurde, sondern anhand seiner Reden abschätzen sollen.
Sie kommen aus der Ostukraine, wo viele noch Verwandte und Freunde von Ihnen leben. Was berichten die Menschen von dort?
Sie sind in Panik. Ich habe gestern noch mit Freunden und Familienmitgliedern telefoniert und sie gebeten, das Gebiet schnellstmöglich zu verlassen. Sie alle konnten sich jedoch nicht vorstellen, dass es tatsächlich zu einem Angriff kommt. Sie sind kalt erwischt worden, es gab in der regierungskontrollierten Ukraine ja auch keine Evakuierungen. Die Menschen versuchen jetzt, mit Bussen und Autos zu entkommen. Viele von ihnen stehen nun aber im Stau, können nicht wegkommen und sind leichte Ziele. Sie befinden sich also in höchster Gefahr.
Putin rechtfertigt die Angriffe unter anderem damit, Menschen zu schützen, die Schikanen und Völkermord durch das ukrainische Regime ausgesetzt seien. Wie bewerten Sie die Begründungen?
Ich beobachte schon seit längerer Zeit, dass es in den russischen staatlichen Medien eine sehr offensive Desinformationskampagne gibt. Die Anschuldigungen wurden zuletzt immer aggressiver und absurder. Vielfach wurde berichtet, dass die Ukraine einen Angriff auf Luhansk und den Donbass vorbereite. Es hieß, dass die Ukraine eine Marionette des Westens sei und es sich um eine Kampagne der Nato handele, um die Entwicklung Russlands abzubremsen. Und genau das hat in den Köpfen der Menschen, die in den selbst proklamierten Volksrepubliken leben, gewirkt.

Die meisten von ihnen haben tatsächlich geglaubt, dass sie von ukrainischen Truppen angegriffen werden. Ein Krieg, den man quasi mit dem eigenen Schatten führt und den es nicht gibt, über den aber trotzdem berichtet wurde. Diese Maßnahmen waren eine psychologische Vorbereitung des Angriffs und im Falle der Volksrepubliken hat die Kampagne funktioniert. Für die restliche Ukraine kann ich mir das aber nicht vorstellen.
Warum nicht?
Die letzten Umfragen in der Ukraine haben gezeigt, dass über die Hälfte der Menschen in der Ukraine Russland für die Eskalation verantwortlich macht. Ein Einmarsch dort käme einer tickenden Bombe gleich, denn die Ukrainer würden die Truppen nicht als Befreier verstehen. Doch das ist Putin nicht klar. Sollte es aber dennoch dazu kommen, würde Putin einen Regimewechsel vornehmen und Strohmänner in Kiew einsetzen, die ihm wohlgesonnen sind.
Die Ereignisse haben auch fernab der Ukraine große Ängste geschürt. Welche Sorgen müssen wir uns hier in Deutschland und im restlichen Europa machen?
Das hängt davon ab, was in den kommenden Tagen passiert. Ich gehe davon aus, dass eine aktive Beteiligung der Nato aufgrund der implizierten atomaren Drohungen Putins fast ausgeschlossen ist. Also nach dem Motto: Wenn man uns angreift, schießen wir zurück. Sollte sich die Nato nicht an dem Konflikt beteiligen, gäbe es aus meiner Sicht zwei mögliche Szenarien: In dem einen Szenario wäre dem Westen eine reine Zuschauerrolle den Ereignissen in der Ukraine zugewiesen. In dem anderem Szenario sollte man sich jedoch Sorgen um die baltischen Staaten machen. Zwar sind Estland, Lettland und Litauen Mitgliedsstaaten der Nato, doch Putin ist kein rationaler politischer Akteur, im Gegenteil: Putin ist aktuell unberechenbar und offensichtlich beratungsresistent. Wenn ihm der Angriff auf die Ukraine gelingt, kann er schnell auf die Idee kommen, dass er unbesiegbar ist und im nächsten Schritt die russischsprachigen Minderheiten im Baltikum "schützen" muss.
Welche Möglichkeiten gibt es denn jetzt noch, Putin zu stoppen?
In der aktuellen Lage muss man damit rechnen, dass Sanktionen die militärischen Pläne Putins nicht mehr verhindern werden. Selbst dann nicht, wenn sie in der Langzeitperspektive großen Einfluss auf die Lebenssituation in Russland nehmen werden. Sinnvoll wäre es, die Ukraine mit Waffenlieferungen zu unterstützen und die Nato-Ostflanke in den baltischen Staaten zu verstärken. Noch wichtiger wäre aber, die Menschen in Russland und den sogenannten Volksrepubliken mit realen Fakten jenseits der Propaganda zu versorgen. Denn die Menschen dort leben in einer Art Vakuum staatlich organisierter Desinformation. Wichtig ist, diesen Menschen die reale Lage nahezubringen. Das wäre ein Anfang.

Das sagen Bremer Osteuropa-Experten zum Russland-Ukraine-Konflikt

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. Februar 2022, 19:30 Uhr