Werftquartier: Wie in Bremerhaven ein ganzheitliches Viertel entsteht

Ein Entwurf des neuen Werftquartiers in Bremerhaven.
So sieht ein Entwurf des Kopenhagener Architektenbüros Cobe das neue Werftquartier. Bild: Cobe Copenhagen

Bremens Enquetebericht zeigt: Städte müssen klimaneutral werden. Das bedeutet Aufwand und Kosten. Was aber, wenn ein Viertel völlig neu geplant wird – wie das Werftquartier in Bremerhaven?

Noch ist das, was Stadtplanerin Carolin Kountchev auf der großen Wandkarte in ihrem Büro vor sich sieht, Zukunftsmusik: Das neue Werftquartier auf einem alten Industrieareal im Fischereihafen im Süden Bremerhavens. Früher stand hier die Seebeck-Werft. Bald sollen an dieser Stelle Wohnungen, Büros, Kitas und Schulen gebaut werden. Geplant sind auch Restaurants und Anlegestellen für Sportboote und Hausboote. Promenaden sollen Bewohner und Besucher des Viertels zum Flanieren einladen.

Raum für viele Vorstellungen – und eine Chance

Eine Frau zeigt auf eine Karte an der Wand.
Stadtplanerin Carolin Kountchev mit Plänen für das Bremerhavener Werftquartier. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Weil das Viertel ganz neu entsteht, könne ein ganzheitlicher Ansatz umgesetzt werden, sagt Carolin Kountchev. Der Klimawandel ist dabei mitgedacht, seine Folgen werden bei der Planung nach Möglichkeit bereits abgefedert. Auf dem Plan in Carolin Kountchevs Büro sieht man viele grüne Flächen zwischen der Bebauung. Nachhaltig soll das neue Viertel natürlich auch sein, mit energieeffizienten Häusern und Infrastruktur. Wie das aussieht, erklärt Caroline Nagel vom Kopenhagener Architektenbüro Cobe. Ihr Team hat den Architektenwettbewerb für das neue Viertel gewonnen.

Wohnen mit Wasser und frischer Luft

Der Ort hat für Caroline Nagel viel Potential, vor allem: die Nähe zum Wasser.

Wir arbeiten mit den blauen, den grünen und den urbanen Fingern. Das bedeutet, dass man eigentlich immer in der Nähe vom Wasser wohnt oder arbeitet oder im Grünen. Es gibt eigentlich gar keine Rückseite im Quartier. Und das nächste ist, dass diese grünen Finger funktionieren wie Frischluftschneisen. Wo überhitzte Bereiche sind, ziehen sie die kalte Meeresluft sozusagen rein in das Gebiet.

Caroline Nagel, Architektenbüro Cobe

Die grünen Finger stehen dabei für bepflanzte Flächen, die blauen für die Wasserflächen in dem Gebiet im Fischereihafen.

Alte Industriebauten als Quartiersmotor

Historische Spuren – wie die alte Stahlmontagehalle auf dem Areal – bleiben laut Konzept erhalten. Ihre Stahlkonstruktion dient künftig dazu, zum Beispiel eine Schule und einen Supermarkt unterzubringen. Autos sollen möglichst draußen bleiben

Keine Autos, aber auch keine Verbote

Blick auf ein Modell mit Wasserlauf, Häusern und Schiffen.
Ein Modell zeigt, wie das Viertel künftig ausehen soll. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Das neue Viertel wird kein Gebiet der Verbote, sondern will Möglichkeiten eröffnen, verspricht Carolin Kountchev. Zwar sollen Autos an mehreren Mobilitätshubs geparkt werden. Dort aber können deren Insassen auf Elektrofahrräder um- oder in Quartiersbusse einsteigen. Die Mobilitätshubs sollen dabei mehr sein als bloße Parkhäuser.

Das bedeutet, man hat auch gleich einen Supermarkt, eine Paketstelle, auch die Möglichkeit, Car Sharing-Angebote wahr zu nehmen, Fahrradparken wird da sein. Die Idee ist, dass Fahrradfahren, ÖPNV die Verkehrsmethode sein soll.

Caroline Nagel, Architektenbüro Cobe

Klimaschutz soll Spaß machen

Das Faszinierende am neue Viertel ist für Carolin Kountchev, dass es dem Wohnen, dem Arbeiten, der Freizeitgestaltung, aber auch – mit den nahegelegenen Instituten des Alfred-Wegener-Instituts – Forschung und Bildung gerecht werde. Langfristig sollen Fußgänger von der Külkenhalbinsel in der Mitte des Areals bis zum Tourismusgebiet "Havenwelten" in der Innenstadt laufen können.

Stadtlabor in Bremerhaven

Zunächst sollen aber die ersten Baumaßnahmen auf der Külkenhalbinsel beginnen. Dann soll das Werftquartier über die nächsten 20 bis 30 Jahre in Stufen wachsen. Von Anfang an könnten hier neue Wege beschritten werden, sagt Carolin Kountchev – wobei sie den einen oder anderen Umweg nicht ausschließen will. Schließlich gehe es im Grunde um eine Art experimentellen Stadtumbau.

Eine Art Stadtlabor. Das macht es spannend. Denn es ist zwar ein Konzept, was steht, aber dieses Konzept soll schrittweise umgesetzt werden, und soll auch immer wieder die Möglichkeit bieten, nachzujustieren.

Carolin Kountchev, Stadtplanerin

Rückblick: Die frühen Wohnvisionen für die Stadt am Meer

Bild: Heiko Sandelmann

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Autorin

  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Dezember 2021, 19:30 Uhr