Infografik

Wie Bremen Kinder mit Sprachproblemen für die Schule fit machen will

Ein Mädchen im Kindergartenalter zeigt neben einer Erzieherin in einem Bilderbuch auf ein Bild
In der Kita lernen Kinder – auch mithilfe von Bilderbüchern – die Sprache und soziales Verhalten zugleich. Bild: Imago | Shotshop

Kinder, die nicht in der Kita waren, haben es in der Schule oft schwer. Gerade, wenn sie kaum Deutsch können. Ein Kita-Brückenjahr soll helfen. Das Problem: Es fehlt Personal.

Das Land Bremen führt zum kommenden Schuljahr ein Kita-Brückenjahr ein. Es ist speziell für diejenigen jährlich gut 200 Kinder in Bremen und Bremerhaven gedacht, die bislang weder zur Kita gegangen sind, noch die Sprache gut genug beherrschen, um in der Schule zurecht zu kommen.

Zur Zeit werden diese Jungen und Mädchen innerhalb weniger Monate mithilfe von Sprachförderkursen auf die Einschulung vorbereitet – eine Vorbereitung, die allerdings weithin als unzureichend gilt. Künftig sollen die betroffenen Jungen und Mädchen, die häufig in Familien leben, in denen kaum Deutsch gesprochen wird, verpflichtend vor der Einschulung für ein komplettes Jahr mindestens zwanzig Stunden pro Woche zur Kita gehen. Dort sollen sie nicht nur die Sprache lernen, sondern auch soziale Verhaltensweisen. Wie das Kita-Brückenjahr konkret aussehen könnte – darüber werden heute die Abgeordneten der Bremischen Bürgerschaft diskutieren.

Anteil der Kinder mit Sprachförderbedarf 2019 in Bremen nach Stadtteilen

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Anteil der Kinder mit Sprachförderbedarf 2019 in Bremerhaven nach Stadtteilen

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Es mangelt an Kita-Plätzen

Solveig Eschen, Sprecherin für Kinderpolitik der grünen Bürgerschaftsfraktion, stellt schon im Vorfeld der Bürgerschafts-Debatte klar: "Nicht die Kinder oder die Eltern stehen in der Bringschuld, sondern das Land Bremen. Wir sind dazu verpflichtet, den Eltern Kita-Plätze für ihre Kinder anzubieten."

Aber genau daran hapere es. Es gebe in Bremen bei weitem nicht genügend Kita-Plätze für alle, sagt Eschen. Das sei der Hauptgrund dafür, dass jedes Jahr aufs Neue 200 bis 300 Kinder im Land Bremen vor der Einschulung stünden, obwohl sie nie zur Kita gegangen sind. Insgesamt fehlten gar Jahr für Jahr über 1.000 Kitaplätze in Bremen. Es mangele den Kindertagesstätten sowohl an Personal als auch an Räumen, um alle Kinder aufzunehmen.

Komplizierte Anmeldungen

Hinzu komme, dass das Anmeldeverfahren insbesondere für Eltern, die Probleme mit der deutschen Sprache hätten, sehr schwierig sei. Wer aber im ersten Anlauf keinen Kita-Platz für sein Kind bekomme, müsse sich kräftig dahinter klemmen, um doch noch zum Zuge zu kommen, vielleicht sogar den Anspruch auf den Kita-Platz einklagen. "Damit sind viele Menschen gerade in sozial schwächeren Stadtteilen überfordert", sagt Eschen.

Sie hofft, dass das Kita-Brückenjahr dazu beitragen wird, die Situation zu entschärfen. Denn ein Kind, dass Anspruch auf das Brückenjahr habe, müsse zwingend in einer Kita untergebracht und gefördert werden, es genieße gewissermaßen Vorrang. Die Politikerin bezeichnet das Kita-Brückenjahr daher gar als "Meilenstein, damit Kinder mit Sprachförderbedarf fortan nicht mehr durchs Raster fallen und die Chance auf einen guten Schulstart haben."

"Hauptsache, wir finden Fachkräfte"

Einen solchen guten Schulstart wünscht sich auch die CDU-Abgeordnete Sandra Ahrens für die Kinder. Von der Idee des Kita-Brückenjahrs aber ist sie dennoch nicht überzeugt. Ahrens bezweifelt, dass sich ein Kita-Brückenjahr tatsächlich rechtssicher verpflichtend einrichten lässt. Daher wäre ihr statt des Brückenjahrs ein Vorschuljahr lieber gewesen. Die Politikerin räumt aber auch ein: "Letztlich ist es egal, wie man es nennt. Hauptsache, wir finden schnell ausgebildete Fachkräfte, die für die Kinder da sind."

Doch genau darin liegt das Problem. Das sagt auch Barbara Schüll, Erzieherin und Vorkurslehrerin sowie Landesvorstandssprecherin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bremen. "Die Idee vom Kita-Brückenjahr klingt toll. Aber wie soll man das umsetzen?“, möchte Schüll wissen. Selbst dann, wenn Studierende und pensionierte Lehrkräfte, Sozialpädagogen und Erzieher kurzfristig aushelfen könnten, wären die Probleme bei Weitem nicht gelöst.

Über viele Jahre sei es in Bremen sowie bundesweit verbummelt worden, Erziehungsberufe attraktiver zu machen und generell stärker in die Kindertagesstätten zu investieren. Den Preis dafür bezahlten insbesondere die Kinder in den ärmeren Stadtteilen, wo der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund groß ist, und wo viele Kinder sprachlich gefördert werden müssten. "Aber für integrative Sprachbildung braucht man Zeit, Personal und Räume. Gerade in Stadtteilen wie Gröpelingen fehlt es an allem“, sagt Schüll. Viele Kitagruppen seien infolge der Flüchtlingskrise von 2015 bereits notgedrungen aufgestockt worden und weiterhin deutlich zu groß.

Jetzt kommen die Kinder aus der Ukraine dazu"

Sprachförderung in der Kita. Kinder liegen auf einer Decke und zeigen auf Bilder in einem Bilderbuch. Die Erzieherin sitzt daneben
"Kinder lernen am besten von Kindern", sagt Barbara Schüll, Erzieherin und Vorkurslehrerin sowie Landesvorstandssprecherin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Bild: Imago | Joker

"Jetzt kommen natürlich auch noch die Kinder aus der Ukraine dazu", sagt die Gewerkschafterin und fügt hinzu: "Die Kitas stehen vor einem echten Dilemma." Sie sei auf die Antworten aus der Politik gespannt. Das betreffe nicht nur das Kita-Brückenjahr, sondern generell die Betreuung der Kinder in den Kitas.

"Kinder lernen am besten von Kindern“, stellt Schüll fest. Schon deshalb müsse die Politik endlich alles daran setzen, Bremens Kitas langfristig gut aufzustellen – und so dafür zu sorgen, dass es für alle Jungen und Mädchen Kitaplätze gibt, auch und gerade in Stadtteilen wie Gröpelingen. "Dann bräuchte man auch das Kita-Brückenjahr nicht", sagt Schüll.

So fördern Bremer Kitas Kinder mit Sprachschwierigkeiten

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. März 2022, 19.30 Uhr