Fragen & Antworten

Kindeswohl in Gefahr: Wie kann ich Kinder vor Gewalt schützen?

Nicht in allen Familien in Bremen und Bremerhaven läuft das Zusammenleben harmonisch ab. Wie man häusliche Gewalt als Außenstehender erkennt – und wie jeder helfen kann.

auf Kinderhänden steht das Wort STOP
Das wichtigste bei einem Verdacht der Kindeswohlgefährdung: aktiv werden und Hilfe holen. Bild: Imago | Roland Mühlanger

Kinderschutz ist in diesen Tagen und Wochen ein besonders wichtiges Thema. Corona stellt Familien vor eine besondere Bewährungsprobe: Es ist nicht immer leicht, so lange so eng aufeinanderzuhocken – zumal in solch unsicheren Zeiten. Die Belastungen und Konflikte nehmen zu – und damit auch die Gefahr für mehr Übergriffe auf Kinder und Jugendliche.

Nicht von Ungefähr warnte unter anderem die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, dass dies eine "besondere Herausforderung" sei: "Gerade wenn die feste Tagesstruktur fehlt, wirtschaftliche Not herrscht oder der Wohnraum zu knapp ist, kann das zu Konflikten und häuslicher Gewalt führen.“

Doch woran erkennt man, ob Kinder in Gefahr sind? Die Angst, den Nachbarn unbegründet anzuschwärzen, ist groß. Oft gibt es nur einen Verdacht oder ein ungutes Gefühl. Viele sind ratlos. Auch die Betroffenen selbst. Experten sind sich einig, dass man nur einen Fehler machen kann: Nämlich gar nichts zu unternehmen.

Was kann ich tun, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Kind Gewalt erfährt oder vernachlässigt wird?
Zuallererst ist es wichtig, auf sein Gefühl zu hören und den Verdacht, den man hat, ernst zu nehmen. Das empfiehlt das Bremer Jugendamt. Denn in der Regel haben wir tatsächlich ein gutes Gespür dafür, dass etwas nicht stimmt. Nicole Weiß, die Fachkoordinatorin „Junge Menschen“ beim Bremer Jugendamt ist, rät, die Familie erst einmal direkt anzusprechen – wenn man es sich denn selbst zutraut. Und zwar nicht vorwurfsvoll, sondern nachfragend und mit einem Hilfsangebot verknüpft: "Man kann dann vielleicht erst mal als Nachbar auf der menschlichen Ebene Unterstützung anbieten."
Oder – abhängig von dessen Alter und Reife – könne man natürlich auch Kontakt zum Kind oder Jugendlichen selbst suchen. Fragen, ob alles in Ordnung ist, ob es etwas braucht. Und wenn man sich unsicher ist, rät das Jugendamt, sich durchaus auch selbst dort Rat einzuholen, wie man weiter vorgeht.
Welche Anlaufstellen gibt es in der Region?
Es gibt zum Beispiel bundesweit die „Nummer gegen Kummer“ – eine Nummer für Eltern, Kinder und Jugendliche – und bundesweit auch die Telefonseelsorge. Allein 2019 sind in Bremen 4.000 Anrufe beim Kinderschutzbund eingegangen, die die „Nummer gegen Kummer“ und den Kinder- und Jugendnotdienst nachts und am Wochenende betreuen.
In Bremen gibt es zusätzlich noch einige spezialisierte Anlaufstellen: „Schattenriss“ für Mädchen, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, das Jungenbüro, das Mädchenhaus und das Kinderschutzzentrum vom Kinderschutzbund. Beraten werden hier Kinder, Jugendliche und Eltern, aber auch Fachkräfte und Angehörige.
Und auch Niedersachsen hat einen Kinderschutzbund mit verschiedenen Zentren. In Osterholz-Scharmbeck gibt es beispielsweise eine spezielle Gewaltschutzberatung. Man kann sich natürlich auch immer direkt an die Jugendämter wenden, die oft auch niedrigschwellige Angebote haben wie Erziehungsberatungsstellen, Häuser der Familie, Familienzentren und ähnliches.
Corona-bedingt haben ja die meisten Anlaufstellen, Beratungs- und Begegnungszentren zur Zeit geschlossen. Kann ich sie trotzdem erreichen?
Ja, alle sind nach wie vor erreichbar. Teilweise sind die telefonischen oder Online-Beratungszeiten sogar erweitert worden, eben weil man in dieser Zeit auch mit einem vermehrten Beratungsbedarf rechnet.
Nachts und außerhalb der regulären Beratungszeiten gibt es in Bremen immer den Kinder- und Jugendnotdienst, der unter 6991133 erreichbar ist. In Niedersachsen gibt es von den jeweiligen Jugendämtern auch eine Bereitschaft rund um die Uhr. Ansonsten kann man auch stets die Polizei rufen.
Muss man befürchten, dass ein geäußerter Anfangsverdacht direkt drastische Maßnahmen zur Folge haben kann?
Bevor das Jugendamt oder die Polizei nachts irgendwo auftaucht und Kinder direkt in Obhut nimmt, muss schon sehr viel passiert sein. Auch Nicole Weiß vom Jugendamt sagt, das ist absolut das Letzte, was sie wollen. Wenn jemand zum Beispiel einen Verdacht beim Kinder- und Jugendnotdienst melde, dann wird erstmal ganz genau nachgefragt: Was wurde beobachtet, war das eine einmalige Beobachtung, was ist sonst über die Familie bekannt und über die Kinder? Die Meldung wird dann geprüft, ob – je nach Dringlichkeit – die Familie gegebenenfalls Hilfe braucht und wie sie diese möglichst schnell bekommt.
Die Inobhutnahme eines Kindes ist das allerletzte Mittel der Wahl. Ziel des Jugendamtes ist es, die Familien so zu stärken und zu unterstützen, dass sie nicht auseinandergerissen werden müssen. Und dafür sei es ganz wichtig, dass die Eltern offen und ehrlich sind und mit dem Jugendamt kooperieren, sagt Nicole Weiß. "Gewalt an Kindern ist verboten. Das machen wir sehr, sehr deutlich. Aber wir schauen, wie wir mit den Eltern gemeinsam daran arbeiten, dass das nicht passiert." Der Appell lautet: Hilfe holen. Das findet auch Anna Fischbeck vom Kinderschutzzentrum Bremen.

Ich würde den Eltern auf jeden Fall raten, immer Beratung in Anspruch zu nehmen und auch offen mit ihrer Angst umzugehen. Also einfach mutig und stark sein, sich Unterstützung holen an der Stelle, wo es für einen selber passt. Und auf jeden Fall so früh wie möglich. Es ist auf jeden Fall keine Schande, sich Hilfe zu holen, sondern im Gegenteil, sehr, sehr stark.

Anna Fischbeck, Kinderschutzzentrum Bremen

Autorin

  • Katharina Mild Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. April 2020, 11:40 Uhr

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