Interview

Mehr Kinderbetreuung in Bremen? Was das bringt – und was nicht

Betreuerinnen und Kinder in einer Kita, im Vorgrund eine Spielzeugkasse
Bild: Radio Bremen

Kinderbetreuung und Job? Für viele nicht leicht zu vereinen. Ein Bremer Forscher erklärt, wer besonders Bedarf hat – und wem mehr Kinderbetreuung nützen würde.

Die Frage, wie sich die Betreuung der Kinder mit dem eigenen Job unter einen Hut bringen lässt, beschäftigt viele Eltern. René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft der Uni Bremen forscht zum Thema regionale Sozialpolitik – er ist für den Senat der Frage nachgegangen, wie groß der Bedarf an zusätzlicher Kinderbetreuung ist und wer ihn überhaupt anmeldet. Die Ergebnisse überraschen.

Herr Böhme, wie viele Bremerinnen und Bremer wünschen sich mehr oder flexiblere Kinderbetreuung?
Von den knapp 1.700 befragten Eltern aus 70 Kindertagesstätten hier in Bremen hat etwa ein Drittel angegeben: Wenn wir die Wahl hätten, würden wir uns die eine oder andere Stunde mehr Betreuungszeit wünschen.
René Böhme
René Böhme hat zum Bedarf nach mehr Kinder-Betreuung in Bremen geforscht. Bild: privat
Wodurch zeichnen sich die Menschen mit einem hohen Betreuungsbedarf konkret hier in Bremen aus? Wer ist das?
Das Überraschende an den Ergebnissen der Befragung ist, dass es hier vor allen Dingen Familien aus eher privilegierteren Lagen sind – Menschen, die hohe Einkommen haben. Und das passt auch zu der Tatsache, dass fast drei Viertel der zusätzlichen Bedarfe unregelmäßig sind. Welche Familien haben unregelmäßige, a-typische Arbeitszeiten jenseits von 7 und 17 Uhr? Das sind eben vor allen Dingen Hochqualifizierte, die mal den zusätzlichen Abendtermin oder eine Sitzung bis 18 Uhr haben, aber wo das nicht jeden Tag der Fall ist. Und diesen Familien fällt es leichter zu sagen: An wenigen Tagen im Monat würde ich zusätzliche Angebote mal in Anspruch nehmen.
Heißt das, es spielt eine entscheidende Rolle, ob es den Eltern schwer oder leicht fällt, den zusätzlichen Bedarf überhaupt anzumelden?
Man muss für die Interpretation der Ergebnisse bedenken: Die Hürde ist relativ hoch, zu sagen, dass man zusätzliche Betreuung täglich in Anspruch nimmt. Schauen wir zum Beispiel auf die Schichtarbeit: Da entstehen ja ständig andere Bedarfe – früh, nachmittags, abends. Da würde man die Betreuungszeiten des Kindes total dem Schichtrhythmus anpassen. Und da gibt es sehr, sehr hohe emotionale Hürden. Viele Eltern merken schon bei Kindern, die von 7 bis 17 Uhr in der Betreuung sind, dass das eine enorme Belastung für das Kind sein kann. Und in so einer Situation dann zu sagen: Ich kann es mir auch super vorstellen, das auszuweiten, oder mein Kind zu immer anderen Zeiten in immer andere Gruppen zu stecken – da zögern die meisten Familien. Da gibt es sehr große Vorbehalte, so eine starke Flexibilisierung mitzumachen.
Care-Arbeit weltweit von Jungen und Männern v on Mädchen und F r auen 20%80% Car e-Arbeit W eltweit
Trotzdem könnte man ja auch argumentieren: Familien mit geringerem Einkommen sind gerade darauf angewiesen, dass beide Elternteile arbeiten gehen – und haben dementsprechend auch einen hohen Bedarf an Kinderbetreuung. Wieso geht die Argumentation in der Realität nicht auf?
Ich würde es so erklären: Je schlechter die Qualifikation, desto niedriger das Einkommen. Und je schlechter die Qualifikation, desto weniger Mitspracherecht hat man, was seine eigene Arbeitszeiten betrifft – und desto ungünstiger liegen die. Wenn man das konsequent weiterdenkt, sieht man: Es nützt mir nicht, wenn ich eine Kinderbetreuung bis 17 oder 18 Uhr habe, wenn ich im Einzelhandel bis 20 Uhr oder in der Pflege auch nachts arbeiten muss. Wenige Stunden Erweiterung reichen also nicht, sondern man müsste angeben, dass man die 24-Stunden-Einrichtung braucht, oder man bräuchte die Einrichtung von 6 bis 20 Uhr.

Und da ist, wie gesagt, die Hürde sehr hoch, zu sagen: Ich passe den Tagesablauf meines Kindes vollständig an meinen Arbeitsablauf an. Das wollen die meisten Familien nicht.

René Böhme, Institut Arbeit und Wirtschaft in Bremen
Wann ist dementsprechend der Bedarf nach Betreuung am größten?
Tatsächlich zu den Randzeiten. Alles, was darüber hinausgeht, bricht deutlich zusammen. Abendbetreuung wünschen sich knapp zweieinhalb Prozent aller Familien, Samstagbetreuung drei bis vier Prozent und Betreuung am Sonntag ungefähr nur ein Prozent. Weil die Betreuung aber nach dem Wunsch der meisten Eltern gleichzeitig auch wohnortnah sein soll, kann das gar nicht angeboten werden: Es bleiben einfach zu wenige Kinder, um so ein Angebot wirtschaftlich betreiben zu können. Und wenn man aber alle Kinder in Bremen bündeln würde, ist das eigene Kind wieder mit anderem Personal und anderen Kinder zusammen. Außerdem ist der Weg weiter – und schon sind die Hürden zu groß, dass man das in Anspruch nimmt.
Aber wir reden ja trotzdem noch von einem Drittel der befragten Bremer Eltern, die sich mehr Betreuung wünschen. Wäre es nicht eine Win-Win-Situation, wenn mehr Betreuung dazu führen würde, dass diese arbeiten könnten – sowohl für sie selbst als auch für die Gesellschaft?
Vorab einmal gesagt: Es hat zwar ein Drittel der befragten Eltern gesagt, dass sie zusätzlich etwas nehmen würden, aber gleichzeitig haben auch über 90 Prozent gesagt, dass sie eigentlich zufrieden sind. Und da sieht man, dass viele Familien eigentlich damit zurechtkommen. Bei den meisten haben sich nämlich Systeme eingespielt: Dass die Oma, Freunde oder Nachbarn das Kind mal nehmen können. Oder es gibt Möglichkeiten, Kinder mit an den Arbeitsplatz zu nehmen. Das alles muss man halt immer bedenken, wenn man die Betreuungszeiten jetzt um diese wenigen Stunden anpasst: Damit wird sich nicht unglaublich viel am Erwerbsverhalten der Menschen verändern – es wird eher das bestehende System entlastet. Die wenigsten Familien haben gesagt, es geht bei ihnen um die Ausweitung der Erwerbstätigkeit.
Das heißt, das wirtschaftliche Potential der Ausweitung der Kinderbetreuung wäre gar nicht so groß?
Ja, denn das ist zu einfach gedacht. Die zeitliche Belastung, die bei der Care-Arbeit anfällt, muss eben mit reingerechnet werden und die ist ungleich verteilt. Und so lange die ungleich verteilt ist, reduziert das Elternteil, was den höheren Anteil an Care-Arbeit hat, seine Wochenstunden, um diese zusätzliche Care-Arbeit leisten zu können.
Care-Arbeit in Deutschland Care-Arbeit in Deutschland leisten Männer 2 Stunden 46 Minuten 45% der Eltern wünschen sich eine partnerschaftliche Aufteilung der Kinderbetreuung 17% schaffen die Umsetzung leisten Frauen 4 Stunden 13 Minuten

Und die Realität ist: Sobald das Kind kommt, geht die Schere in den Wochenarbeitszeiten von Müttern und Vätern auseinander.

René Böhme, Institut Arbeit und Wirtschaft in Bremen
Das Thema ist also sehr komplex. Wo sehen Sie konkreten Handlungsbedarf?
Wenn man auf der Ebene der Kindertagesbetreuung bleibt: Es gäbe zum Beispiel bei der ergänzenden Tagespflege – die viele Eltern nicht kennen – noch Spielräume, wenn man da die Finanzierung der Kindertagespflegekräfte verändert: so, dass es sich für diese auch lohnt, in Randzeiten nur zwei, drei Kinder zu betreuen. Daneben fehlen Räume in Kitas, um es hinzubekommen, dass in Randzeiten dort auch attraktive Angebote stattfinden können – sodass das Kind nicht wie in der Horrorvorstellung die letzte Stunde alleine, traurig, draußen auf der Schaukel sitzt. Aber auch andere Bereiche haben einen Einfluss auf die Erwerbsentscheidungen in Familien: zum Beispiel das Ehegattensplitting, die Familienversicherung der Krankenkasse, auch Kita-Gebühren, die durch einen Job erst einmal wieder reingeholt werden müssen.
Und wo sind die Arbeitgeber gefragt?
Das ist ein ganz wichtiger Aspekt: Eltern formulieren ihre Forderungen meistens eher in Richtung des Arbeitsmarkts. Die Frage ist ja: Wie kann man generell familienfreundlichere Arbeitszeiten organisieren? Da gibt es so ganz kleine Pflänzchen – in einigen Kliniken gibt es zum Beispiel Elternschichten von 8 bis 16 Uhr. Also da habe ich schon gesehen, dass sich punktuell etwas bewegt, weil der Personalmangel so groß ist, dass man da entgegenkommt. Aber: Bei vielen Arbeitgebern herrscht gleichzeitig ein großer Druck, zum Beispiel bei Krankheit des Kindes trotzdem zu arbeiten. Also da ist noch einiges im Argen.
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Mehr Kinderbetreuung in Bremen? Was das bringt – und was nicht

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der neue Morgen, 1. März 2022, 9:13 Uhr