Interview

Bremer Kinderarzt zu Impfung: "Kinder nicht in Geiselhaft nehmen"

Ein Jugendlicher wird gegen das Coronavirus geimpft.

Bremer Kinderarzt zu Impfung: "Kinder nicht in Geiselhaft nehmen"

Bild: DPA | ROBIN UTRECHT

Kinderarzt Stefan Trapp rechnet mit einer baldigen Empfehlung zur Impfung von Kindern unter 12 Jahren. Viel wichtiger sei aber, den Druck auf ungeimpfte Erwachsene zu erhöhen, sagte Trapp im Gespräch mit Bremen Zwei.

Wenn Sie Kinder zwischen fünf und elf Jahren hätten, würden sie sie gegen das Coronavirus impfen lassen?
Ich glaube schon. Ich würde schon gern ein positives Votum der Stiko (Ständige Impfkommission, Anm. d. Red.) vorher haben, wenn meine Kinder sonst gesund sind. Ich denke aber, dass wir relativ bald dahinkommen werden, dass wir eine allgemeine Impfempfehlung für die Kinder bekommen. Wir haben einen sicheren Impfstoff, das hat die EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur, Anm. d. Red.) schon festgestellt, der ist wirksam, und die Stiko muss jetzt noch abwägen, ob sie eine allgemeine Empfehlung ausspricht oder nicht. Den zugelassenen Impfstoff werden wir demnächst haben.
Haben Sie schon Erfahrungen mit Impfungen bei so jungen Kindern?
Ja, wir haben einige wenige Kinder unter zwölf Jahren schon geimpft, in unserer Praxis und in anderen Praxen auch. Man bewegt sich im Moment ja noch außerhalb der Zulassung, also Off-Label. Das muss dann im Einzelfall natürlich besonders gut begründet sein und mit den Erziehungsberechtigen abgestimmt – und möglichst mit dem Kind auch.
Aus welchem Grund wurden diese Kinder denn geimpft?
Im Moment ist es in der Regel, dass individuell schwerwiegende Gründe vorliegen. Zum Beispiel, dass das Kind selbst eine schwere Erkrankung hat, die einen schweren Covid-Verlauf befürchten lassen würde, zum Beispiel mit schweren Einschränkungen der Atmung. Oder eben Kinder, das ist der häufigere Fall, die im Haushalt zusammenleben mit Patienten, die sehr stark gefährdet wären durch eine Corona-Erkrankung. Wenn ein Elternteil zum Beispiel eine Krebserkrankung hat, eine Knochenmarkstransplantation – und dann einfach große Sorge hat, dass das Kind aus der Schule eine Infektion mitbringt, die für diesen Erwachsenen oder ein Geschwisterkind hochgefährlich wäre. Das war bisher schon ein Grund, die Kinder zu impfen. Erfahrungen mit dem Impfstoff gibt es bei Kindern ja schon seit einigen Monaten.
Ist das Impfen von Kindern unter 12-Jährigen überhaupt angemessen vor dem Hintergrund, dass etliche Erwachsene eine Corona-Impfung verweigern?
Es ist angemessen, aber viel wichtiger ist es, dass wir die Erwachsenen vollständig impfen. Das hat die Stiko auch schon modelliert bei den über 12-Jährigen und gerechnet dass der Effekt, die Erwachsenen durchzuimpfen erheblich größer ist als die Durchimpfung bei den 12- bis 18-Jährige. Und die Fünf- bis Elfjährigen spielen eine noch kleinere Rolle für die Herdenimmunität der Bevölkerung. Aber letztlich spielt natürlich jeder eine Rolle. Aber Sie haben Recht, wichtig ist vor allen Dingen die Erwachsenen, die das bisher verweigern – diese Solidaritätsleistung ist ja nicht nur ein Schutz für sich selbst, sondern auch für die anderen – dass die endlich geimpft werden.
Es klingt nämlich ein bisschen so, als sollten die Kinder den Schlamassel der Erwachsenen ausbaden, finden Sie nicht?
Genau das soll eben nicht passieren. Deshalb haben wir als Kinder- und Jugendärzte schon seit Beginn der Pandemie gefordert, dass die Kinder nicht quasi in Geiselhaft genommen werden. Wir fürchten das natürlich, weil auf die Kinder und Familien besonders gut Druck ausgeübt werden kann. Über Schulschließungen zum Beispiel oder Quarantänemaßnahmen. Weil man sich scheut, angemessenen Druck auf die Erwachsenen auszuüben. Aber der nimmt ja glücklicherweise jetzt langsam zu.

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Autor

  • Tom Grote Moderator

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, der Morgen, 29. November 2021, 7:10 Uhr