Interview

Wieso im Land Bremen bundesweit die meisten armen Kinder leben

Rückenansicht eines kleinen Kindes, das aus dem Fenster schaut.
Armut führt bei Kindern häufig zur Isolation. Mangels Geld sind sie von vielen Aktivitäten ausgeschlossen. Bild: Imago | U. J. Alexander

Bremen ist Spitze – bei der Kinderarmut. Der Kinderschutzbund führt das auf die Armut vieler Eltern in abgehängten Stadtteilen zurück. Eine Kindergrundsicherung müsse her.

Aktuelle Zahlen aus dem Bundessozialministerium belegen es erneut auf traurige Weise: In keinem anderen Bundesland leben anteilig so viele arme Kinder wie in Bremen. 42 Prozent der Kinder im Zwei-Städte-Staat sind von Armut bedroht. Zum Vergleich: Im Stadtstaat Hamburg sind es "nur" 21 Prozent. Kathrin Moosdorf, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Bremen, fürchtet, dass die Probleme der armen Kinder durch die Inflation weiter wachsen könnten. Sie fordert Politik und Gesellschaft zum Handeln auf.

Frau Moosdorf, immer wieder hören wir, dass im Land Bremen so viele Kinder arm sind. Wieso ändert sich daran nichts?
Da kommen mehrere Faktoren zusammen, viele davon kommen in Großstädten wie Bremen häufig vor. Wenn Eltern arm sind, weil sie zum Beispiel auf Sozialleistungen angewiesen sind, wenn ihre Arbeitsmarktchancen schlecht sind, ihre Löhne sehr gering oder sie aufgrund von gesundheitlichen, sprachlichen oder anderen Problemen nicht arbeiten können. Dann bedeutet das automatisch auch Armut ihrer Kinder. Wir haben in Bremen außerdem auch einen hohen Anteil an Alleinerziehenden. Kinder aus Haushalten Alleinerziehender sind ganz häufig von Armut betroffen.

Schließlich gibt es in Bremen einige Stadtteile, die schon lange von Armut betroffen sind, wo sich die Situation aber nicht verbessert hat, sondern wo sich die Probleme heute besonders konzentrieren. Wir vom Kinderschutzbund haben derzeit besonders Huchting im Auge. Aber beispielsweise auch aus Gröpelingen sind die Probleme bekannt. Solange sich an diesen Strukturen und Problemen nichts ändert, werden wir weiter viele Kinder und Jugendliche haben, die in Armut leben.
Kathrin Moosdorf
Sagt, dass man Kindern zunächst einmal zuhören muss, um zu erfahren was sie brauchen: Kathrin Moosdorf, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Bremen. Bild: Kinderschutzbund Bremen
Sie haben bereits angedeutet, dass das Problem der Kinderarmut im Land Bremen nicht neu ist. Trotzdem können sich vermutlich viele Menschen gar nicht so genau vorstellen, was es für ein Kind bedeutet, arm zu sein. Können Sie das einmal grob skizzieren?
Alle von Armut betroffenen Kinder in Bremen oder Bremerhaven haben weniger Möglichkeiten als andere. Sie haben nicht die Klamotten, die sie gern hätten. Sie haben vielleicht kein eigenes Zimmer, keine Rückzugsmöglichkeit, leben in beengten Verhältnissen. Sie haben weniger technische Geräte als die Freunde, haben weniger Geld zur Verfügung. Und das beeinträchtigt das Soziale. Man kann vielleicht nicht mitmachen beim Kindergeburtstag. Kann andere Kinder nicht einladen. Vielleicht wird man auch ausgegrenzt, weil man beim Kinobesuch in der Innenstadt nicht dabei sein kann. Kinder aus armen Verhältnissen haben oft weniger Bildungserfolge, treiben häufig weniger Sport, können oft nicht am Musikunterricht teilnehmen – und fallen auch gesundheitlich hinter anderen Kindern zurück.

Häufige Krankheiten und Probleme armer Kinder

Eine Grafik die anhand von Piktogrammen darstellt, welche Kinderkrankheiten in den letzten Jahren am häufigsten aufgetreten sind. Suchtmittelkonsum Mediensucht Sprachentwicklungsstörung Übergewicht schlechte Zähne ...?..!!? 37% Vol.
Bild: Radio Bremen Quelle: Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Bremen e.V.
Woran zeigt sich das?
Davon zeugen beispielsweise die Schuleingangsuntersuchungen in den ärmeren Stadtteilen. Dabei fällt auf, dass die ärmeren Kinder häufiger als andere Probleme mit ihren Zähnen haben. Viele sind auch übergewichtig. Beides könnte mit Fehlernährungen zu tun haben, weil den Eltern schlicht das Geld für eine ausgewogene Ernährung der Kinder fehlt.

Zudem gibt es oft Probleme mit der Gesundheitsvorsorge. Arme Kinder gehen vergleichsweise auch seltener zum Kinderarzt als Kinder aus wohlhabenden Haushalten. In Corona-Zeiten sind dann auch noch die kostenlosen Mittagessen in Kitas und Schulen für die Kinder weggefallen.
Inwiefern hat Corona außerdem dazu beigetragen, dass sich die Situation für arme Kinder weiter verschärft hat?
Corona wirkt wie ein Brennglas, wie ein Verstärker. Nehmen wir das Beispiel Wohnraum: Es gibt kein eigenes Zimmer, es gibt keinen Garten, viele Geschwister wohnen vielleicht mit in der Wohnung. Und dann ist man auf einmal noch viel stärker als vorher auf das eigenen Zuhause zurückgeworfen. Die Schulen waren lange geschlossen, Freizeitangebote gab es kaum noch. Das hat zusätzlichen Stress verursacht. Obendrauf sind vielleicht noch existenzielle Sorgen der Eltern gekommen. Viele haben ihren Job verloren. Und jetzt der Krieg! Auch das führt zu Ängsten. Die Preise steigen immer weiter und damit wächst zugleich die Armut der armen Kinder. Wir sehen sehr viele Kinder, die stark gestresst sind.
Was fordern Sie von der Politik? Was soll die Politik gegen Kinderarmut bei uns unternehmen?
Erstens müsste die Politik Kinder und Jugendliche als Experten in eigenen Sachen wirklich ernst nehmen und sie folglich auch einbeziehen, um geeignete Maßnahmen zu finden. Wenn man zum Beispiel überlegt, was Kinder und Jugendliche brauchen, um gut aufzuwachsen, sollte man auch mit ihnen sprechen! Man muss sie etwa fragen: Wie viel Geld braucht Ihr für Euer Sportzeug und für Eure Freizeitaktivitäten? Das steht ja seit Kurzem auch in der Bremischen Landesverfassung: dass Kinder und Jugendliche beteiligt werden sollen, dass das ihr Recht ist.

Zweitens muss es einfach ausreichend viel Geld in den Familien geben. Das jetzige Fördersystem muss vereinfacht werden, es ist zu bürokratisch. Als Kinderschutzbund fordern wie außerdem die Einführung einer Kindergrundsicherung. Damit Eltern eben beispielsweise nicht auf das kostenfreie Essen in der Kita angewiesen sind, um ihr Kind gut zu ernähren, sondern damit sie dieses Essen auch selber kochen können.

Drittens brauchen wir ausreichend viele gute Kita- und Krippenplätze. Damit die Kinder gefördert werden, vielleicht eine Förderung erfahren, die sie zu Hause nicht bekommen können und die auch Alleinerziehenden ermöglicht, arbeiten zu gehen und so das Geld zu verdienen, das sie benötigen, um eben nicht mehr arm zu sein. Und natürlich brauchen wir auch für Schulkinder gute, vernetzte Angebote in der Schule und im Freizeitbereich.
Was kann der Einzelne von uns tun, um armen Kindern zu helfen?
Wir müssen eine stärkere Armutssensibilität im Alltag entwickeln, bei allem, was wir so machen. Man muss sich immer wieder klar machen: Manche Kinder werden ausgegrenzt, weil sie zu wenig Geld haben, und können vieles nicht mitmachen. Sie sollen aber die gleichen Möglichkeiten wie die anderen haben! Diese Haltung kann jeder irgendwie in seinen Alltag integrieren.

Wenn ich etwa Lehrerin in einer Schule oder Erzieher in einer Kita bin, kann ich darauf achten, dass Kinder und Jugendliche nicht benachteiligt sind wegen fehlender Materialien oder zusätzlichen Geldbeiträgen, dass sie überall mitmachen können, beispielsweise beim Klassenausflug. Vielleicht kann ich mich aber auch als Privatperson einsetzten dafür, dass es kostenfreie Angebote für alle Kinder gibt. Ich kann Einrichtungen unterstützen, die Förderangebote für Kindergruppen haben, ich kann ein Nachbarschaftsfest organisieren bei dem es tolle, kostenfreie Aktionen für alle Kinder gibt.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. April 2022, 19.30 Uhr