Interview

Wie überzeuge ich Kinder vom Impfen? Das rät ein Bremer Psychologe

Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas

Eltern können Kinder ab fünf Jahren jetzt impfen lassen. Aber was, wenn das Kind das ablehnt? Wie überzeugt man den Nachwuchs am besten? Tipps von Kinderpsychologe Stefan Rücker.

Wer trifft in einer Familie eigentlich die Entscheidung für oder gegen eine Impfung – Eltern, Kinder, alle zusammen?
Wir haben ja vor über 30 Jahren die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Und die beinhaltet, dass Kinder überall an wichtigen Entscheidungsfragen beteiligt werden sollen. Gleichwohl klärt das Grundgesetz: Die Pflege und Erziehung von Kindern sind das natürliche Recht der Eltern. Eltern sind verpflichtet, von den Kindern gesundheitlichen Schaden abzuwenden. Und in dem Fall liegt die Entscheidung nach einem Abwägungsprozess bei den Eltern.
Sie haben es angesprochen: Es ist wichtig, die Kinder mitzunehmen in einem Abwägungsprozess. Wie geht man das am besten an als Elternteil?
Man sollte mehrere Punkte beachten. Man sollte Kinder informieren und nicht irritieren – oder im schlimmsten Fall sogar verängstigen. Wir leben ja alle seit Anfang 2020 in einer Atmosphäre der Angst. Kinder besonders. Da ist das Sicherheitsbedürfnis von Kindern fundamental erschüttert. Also am besten immer positiv formulieren: "Wenn du geimpft bist, ist die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf geringer." Der zweite Punkt: Informieren sie altersgerecht. Kinder profitieren nicht von Fachvorträgen – Eltern sind selten Biologen oder Virologen. Das heißt also kurze, knappe Sätze in kindgerechter Sprache. Und der dritte Punkt: Ich würde nicht erwarten von Eltern, dass ich einem Kind nach einem Gespräch die Entscheidung abringe für oder gegen die Impfung. Es ist ein Prozess, in dem der kindliche Wille Raum braucht.
Bei kleineren Kindern ist es eher wahrscheinlich, dass sie dem Willen der Eltern folgen – aber was, wenn ein Teenager den Eltern deutlich sagt: Ich will das nicht?
Die Deutungshoheit für kleinere Kinder liegt natürlich bei den Eltern. Eltern sind die wichtigsten Modelle für Kinder. Und wenn die authentisch vorgehen, also klar sagen, was sie selbst machen – dann hat das Signalcharakter für die Kinder. Bei älteren Kindern – gerade 12, 13, 14 – da löst die altersgleiche Gruppe die Bedeutung der Eltern ab, die Pubertät kommt dazu, das sind ganz andere Einflüsse.
Aber noch mal die Frage nach den Anreizen – bringen die was?
Wenn man die Eltern-Kind-Beziehung nicht belasten möchte und sein Kind trotzdem von etwas überzeugen will, ist es ganz wichtig, dass man sich Zeit nimmt. Das ist ein Prozess. Und dann ist es so, dass das Erzieherische eine gewisse Inkubationszeit hat. Das heißt: Was ich dem Kind vermittle, muss vielleicht einige Zeit wirken, ein paar Tage, ein paar Wochen. Auch wir Erwachsenen unterliegen diesem Effekt. Wir speichern die Information, vergessen aber den Absender. Das heißt, die Kinder werden irgendwann die Argumente für ihre eigenen halten. Das ist vermutlich der sanfteste Weg mit einem Kind einen Konsens zu erzielen. Nicht druckvoll sondern sachlich.

Eltern im Impf-Zwiespalt? Das rät ein Bremer Psychologe

Bild: Radio Bremen

Autor

  • Felix Krömer

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Dezember 2021, 19:30 Uhr