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Ist Klimaschutz was für Reiche, Frau Kemfert?

Video vom 20. November 2021
Eine Frau und ein Mann sitzen sich an einer Theke gegenüber darunter der Schriftzug: Ist Klimaschutz was für Reiche, Frau Kemfert?
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

buten-un-binnen-Moderator Felix Krömer spricht mit der Energieökonomin Claudia Kemfert über Klima, Energiewende und soziale Gerechtigkeit. Die fünf wichtigsten Aussagen.

Die Energiekosten explodieren in Deutschland. Trotzdem kommt obendrauf noch eine CO2-Steuer. Wie sollen Personen mit geringem Einkommen das finanzieren? Es scheint, als sei der Klimaschutz zum Luxusgut geworden. Gleichzeitig ist das Erreichen der 1,5-Grad-Grenze, die immer wieder als wichtiger Marker der Erderwärmung gesetzt wird, noch lange nicht in Sicht. Aber woran liegt das? Und wie sollte eine Energiewende aussehen, die nicht zulasten der Ärmeren geht? Die Energieökonomin Claudia Kemfert arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg.

1 Wo die Politik beim Klimaschutz gerade steht

Erst kürzlich kamen auf der Klimakonferenz in Glasgow fast 200 Länderdelegationen zusammen. Auch wenn Klimaaktivstinnen und -aktivisten die Ergebnisse als zu gering bewerten, sieht Kemfert doch einen Fortschritt: "Es ist der Beginn des Endes der Kohle." Doch das Handeln der nächsten zehn Jahre sei entscheidend. Und wie sich die Grünen mit ihren Klimazielen in den Koalitionsverhandlungen durchsetzen können, steht noch nicht fest. Besonders im Hinblick auf die Corona-Politik sieht Kemfert Parallelen: "Es wird einem ja angst und bange, wenn die Politik erstmal abwartet, bevor sie handelt", so die Wissenschaftlerin. Daraus müsste gelernt werden – auch im Hinblick auf den Klimawandel. Welche Ähnlichkeiten zwischen Corona und dem Klimawandel Claudia Kemfert außerdem sieht, erzählt sie ab Minute 6:14.

2 Klimaschutz bringt soziale Gerechtigkeit

Preissprünge bei fossiler Energie oder Wohnungen an großen Straßen mit Feinstaubbelastung – besonders ärmere Personen würden unter der derzeitigen Energieversorgung leiden, so Kemfert. "Wir helfen den Armen mit einer Energiewende, doch das spricht niemand aus." Ein Ausbau an erneuerbaren Energien würde die Kosten langfristig senken und auch Investitionen in öffentliche Verkehrsmittel wären ein Vorteil für Menschen mit geringem Einkommen. Deshalb betont die Professorin: "Eine kluge Energiewende schafft soziale Gerechtigkeit." Dafür müssten allerdings die Akteure zur Verantwortung gezogen werden, die den Klimawandel verursachen: Reiche mit einem hohen CO2-Fußabdruck. So etwas wie Dienstwagenprivileg und Pendlerpauschale wären dann nicht mehr haltbar. Konsequent sei auch eine Rückerstattung der CO2-Abgabe pro Kopf an jeden Haushalt, denn das würde zu einer wirklich sozialen Fairness führen: Menschen, die wenig verbrauchen – und das seien vor allem Personen mit wenig Einkommen – würden dadurch sogar entlastet. Wie sich eine sozial gerechte Energiewende gestaltet, führt Kemfert ab Minute 19:53 aus.

3 Worin das wirkliche finanzielle Problem besteht

Nicht jeder kann sich Biofleisch leisten, und auch Elektroautos sind für viele Menschen nicht bezahlbar. Wer bei seinem Konsum auf das Klima achtet, zahlt also oft etwas drauf. Doch das Problem seien hier gar nicht die Produkte, sondern es ist eine Schieflage, erklärt die Ökonomin. Wir haben nur den Eindruck, dass all das billig ist: "Das, was wir jetzt heimlich über den Staatshaushalt bezahlen durch die Massentierhaltung, die Schäden an der Umwelt, die Schäden durch die Kohle – wenn wir das mal in eine ehrliche Kostenrechnung bringen würden, dann würden alle Produkte qualitativ hochwertig und bezahlbar sein. Wenn die Biobauern nicht den Nachteil hätten, dass sie konkurrieren müssten mit subventionierten Massentierhaltungen, dann würde ja ein Markt entstehen, bei der Preise und Qualität erschwinglich wären." Das Problem: Die Profiteure der fossilen Energien. Warum die dafür sorgen, dass sich nichts ändert, erklärt Kemfert ab Minute 33:40.

4 Wie vermeidet man, dass es zu wenig Strom gibt?

Eine Energiewende bringt also viele Vorteile, doch so einfach ist es nicht: Wir brauchen den Strom. Wenn jetzt die Atomkraftwerke ausgeschaltet werden, reicht der Strom, doch für den Kohleausstieg brauche es noch mehr erneuerbare Energien. "Wir brauchen mindestens eine Verdreifachung des jetzigen Ausbautempos von Solar- und Windenergie", prognostiziert Kemfert. Alle Bundesländer müssten hier mitmachen und gerade Abstandsregeln für Windkraftwerke seien Gift. Es bräuchte stattdessen vereinfachte Genehmigungsverfahren und keine Hemmnisse bei Solarenergie. Das Problem seien vor allem der fehlende politische Wille und die mangelnden Rahmenbedingungen. Warum die Ökonomin die angeblich neuen und weniger gefährlicheren Atomkrafttechnologien für die völlig falsche Investition hält, erklärt sie ab 39:40.

5 Bremens Rolle beim Klimaschutz

Bremerhaven als der deutsche Offshore-Standort ist gescheitert: Die Unternehmen gingen pleite und die Baugenehmigung wurde nach einem Streit vor Gericht zurückgezogen. Nun investiert Bremen in grünen Wasserstoff. Eine gute Strategie, wie Kemfert findet. Allerdings gehe es hier vor allem um die Industrie – also beispielsweise das Stahlwerk. Für den Alltag sei Wasserstoff zu kostspielig. "Es ist der Champagner der Energieträger, aber in die Industrie gehört er hin." Wenn der Plan aufgeht, könnte laut der Ökonomin Bremen bald weltweit dafür bekannt werden. Ob der Bau des Offshore-Hafens erneut in Angriff genommen werden sollte, bewertet Kemfert ab Minute 49:44.

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Autorinnen und Autoren

  • Felix Krömer Redakteur und und Autor
  • Laura Lippert Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. November 2021, 19:30