Interview

Heizen Sie schon? Ein Bremer Arzt empfiehlt, sich im Frieren zu testen

So halten es Bremerinnen und Bremer mit dem Heizen

Bild: DPA | Thomas Trutschel

Ja, alle wollen Energie sparen. Aber die Heizung lockt, wenn die Kälte in die Knochen fährt. Der Bremer Internist Oliver Müssig erklärt, ob wir uns ans Frieren einfach gewöhnen können.

Auch wenn tagsüber in Bremen und umzu noch die Sonne scheint, ist es in der Region zuletzt deutlich kühler geworden, nachts fallen die Temperaturen zeitweise sogar unter fünf Grad. Das macht sich auch in vielen Wohnungen bemerkbar. Doch die Energiekrise zwingt uns zum Sparen. Wir haben die buten-un-binnen-User gefragt, ob sie schon heizen, oder noch durchhalten? Viele wollen noch warten, aber anderen ist die Kälte einfach zu viel. Oliver Müssig, ärztlicher Direktor am Klinikum Bremen-Ost, erklärt im Interview, dass sich der Körper – wenn auch in Grenzen – an Kälte gewöhnen kann und gibt Tipps, wie das funktionieren kann.

Herr Müssig, heizen Sie schon – oder halten Sie noch durch?
Ich habe die Heizung gestern angestellt, weil die Raumtemperatur bei mir zu Hause nur bei 16 Grad lag und das ist mir zu kalt. Ich habe mir jetzt auch ein Thermometer gekauft und gucke gerade, bei welcher Gradzahl ich mich wohl fühle.
Porträt von Oliver Müssig, Chefarzt Klinikum Bremen-Ost
Oliver Müssig ist außerdem Chefarzt der zentralen Notaufnahme am Klinikum Bremen-Ost. Bild: Geno
Sie wollen also nicht Frieren. Aber was ist Frieren überhaupt?
Unsere Körpertemperatur ist in sehr engen Grenzen geregelt: nämlich bei 37 Grad. Schon geringe Abweichungen führen dazu, dass der Körper mit Frieren oder Schwitzen reagiert, da reicht ein halbes Grad aus. Der Mechanismus beim Frieren geht über Hautrezeptoren: Wenn es kalt ist, spürt man Kälte. Wenn es noch kälter wird, kommt Schmerz hinzu. Das Frieren ist eine Warnfunktion des Körpers, die sagt: 'Achtung, nicht erfrieren.'

Ich wohne in einem nicht isoliertem sechziger Jahre Bau und muss leider heizen. Die Außenwände sind jetzt schon saukalt.

Tiffany Cornelius - 20. September 2022, 21:00 Uhr.
Was passiert beim Frieren in unserem Körper?
Der Körper reagiert zuerst mit der berühmten Gänsehaut. Das ist der Versuch aus unserer Entwicklungsgeschichte, das Fell aufzustellen, um die Wärme am Körper zu behalten. Als Nächstes kommt dann Muskelzittern hinzu, das passiert, weil der Körper Wärme verbrennt – das ist dann das "Bibbern", das man kennt. Wenn die Körpertemperatur dann noch weiter sinkt, wird es gefährlich für die Organsysteme: Ab 29 Grad Körpertemperatur überlebt man nur noch mit Glück, da sind die Körperfunktionen kaum noch aufrechtzuerhalten.
Ab wann fangen wir an zu frieren?
Das ist individuell abhängig von der Anpassungsfähigkeit des Körpers. Wenn die Körperkerntemperatur ein halbes Grad nach unten abweicht, dann reagieren die meisten aber schon. Beeinflusst wird das durch den Unterschied der Temperatur der Körperhautoberfläche und der Umgebungstemperatur: Wenn die Differenz zwischen beiden sehr groß ist, dann geschieht der Wärmeverlust erheblich schneller. Ob wir ein Wetter als besonders kalt empfinden, hängt aber auch von der Luftfeuchtigkeit ab. Wenn die hoch ist und es zum Beispiel viel regnet, dann frieren wir umso mehr. Bei einer klaren und trockenen Luft verlieren wir nicht so viel an Wärme. Also: Wenn die Winterluft knackig und trocken ist, frieren wir nicht so stark, als wenn wir drei Grad und feuchtnasse Luft haben.

Unser Haus (gemietet) ist von 1904 und wir haben 16 Grad in den Räumen. Da heizen wir schon temporär, wenn wir uns dort aufhalten.

Kerstin Glacer - 20. September 2022, 21:15 Uhr.
Wir befinden uns gerade im Übergang zum Winter. Inwiefern spielt da die "gefühlte" Temperatur eine Rolle, weil die Kälte nach dem Sommer ungewohnt für uns ist?
Nach dem Sommer ist die Differenz erst mal wieder groß. Wir sind jetzt nicht mehr an die Kälte gewöhnt, wir können uns daran aber wieder adaptieren. Der Mechanismus, der dahinter steckt, ist: Wie schnell gelingt es dem Körper, die Gefäße an der Körperoberfläche eng zu stellen, damit der Wärmeverlust möglichst gering bleibt? Wenn man sowieso viel draußen unterwegs ist und an eine kühlere Umgebung gewöhnt, dann ist man schnell an die Kälte adaptiert. Wenn Sie Ihre Zeit aber meist in gleichmäßig warmer Umgebung verbringen, ist der Temperaturunterschied natürlich umso höher. Eine Rolle spielen aber auch immer die individuelle Adaptionsfähigkeit und Veranlagung: Die einen frieren mehr, die anderen frieren weniger. Ich neige zum Beispiel dazu, dass mir überall zu warm ist.

Der beste Hinweis jetzt ist: Wir können uns an die Kälte gewöhnen, müssen das jetzt aber einmal testen. Jeder muss mit sich selbst in ein Experiment gehen und ausprobieren, wie er sich dabei fühlt und ab wann er friert. Sollte nichts mehr helfen, heißt der zweite Schritt: Heizung anschalten.

Oliver Müssig, ärztlicher Direktor am Klinikum Bremen-Ost
Ist es also möglich, dass wir jetzt eine Phase überstehen müssen und dann macht uns die Kälte nicht mehr so viel aus?
Nein, ganz können wir uns nicht an die Kälte gewöhnen. Das ist nur in gewissen Grenzen möglich.

Also über 10 Grad macht die Heizung irgendwie so gar keinen Sinn finde ich. Darüber kann man ja auch noch mindestens sich etwas dicker anziehen.

Marcel Dominik Bandowski - 20. September 2022, 21:30 Uhr.
Was kann man aus Ihrer Sicht tun, um sich ans Frieren zu gewöhnen und weniger zu frieren?
Das geht bei uns nur über die Kleidung. Also ich empfehle fürs Erste jetzt das Zwiebelschalen-Prinzip, also verschiedene Schichten an Kleidung übereinander anzuziehen, weil auch der dicke Pulli kann einen im Haus schnell zum Schwitzen bringen. Mit dem Zwiebel-Prinzip ist das am Besten zu regulieren. Ich kann jetzt aber auch keinen einzelnen Stoff oder eine Art von Kleidung hervorheben, das muss jeder individuell entscheiden. Der beste Hinweis jetzt ist: Wir können uns an die Kälte gewöhnen, müssen das jetzt aber einmal testen. Jeder muss mit sich selbst in ein Experiment gehen und ausprobieren, wie er sich dabei fühlt und ab wann er friert. Sollte nichts mehr helfen, heißt der zweite Schritt: Heizung anschalten.

Mehr zum Thema Heizen:

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. September 2022, 19:30 Uhr