50 Jahre Ärzte ohne Grenzen: Wie Bremerinnen in Krisenregionen helfen

Bild: Radio Bremen

Mirjam von Bibra und Melanie Silbermann helfen, wo sie gebraucht werden. Inzwischen auch in Europa. Lieber wäre es ihnen, die Ärzte ohne Grenzen wären überflüssig.

"Ich habe das Gefühl, ich komme von einem anderen Planeten", sagt Mirjam von Bibra danach befragt, wie es ihr nach der Rückkehr von ihrem ersten Einsatz für "Ärzte ohne Grenzen" jetzt geht. Es sei nicht einfach im alten Leben "zu landen". So unterschiedlich seien die Lebensrealitäten, so die 34-jährige Kinderärztin.

Die Bremerin war von Januar bis November in der Zentralafrikanischen Republik. Und fühlt sich jetzt selbst bei so alltäglichen Dingen wie einem Supermarktbesuch "überfordert", wenn sie sich da plötzlich "zwischen 20 verschiedenen Sorten Butter entscheiden soll." Denn das konnte sie in den vergangene zehn Monaten nicht. Da wo sie war, gibt es viel Wald und viele Bodenschätze, aber kein funktionierendes Gesundheitssystem, kaum Schulen, Schotterpisten statt geteerter Straßen und keine Supermärkte.

Als sie sich nach Afrika aufmachte, war ihr klar: Sie reist in eine extrem arme und instabile Region. Ein Land, in dem jedes zehnte Kind noch vor seinem fünften Geburtstag stirbt. Gelegen zwischen Tschad und dem Kongo, Sudan und Kamerun.

Die Reise in eine andere Welt

Gleich zu Beginn des Einsatzes macht sich eindrücklich bemerkbar, dass es in eine Krisenregion geht: Der Flug der jungen Ärztin musste um eine Woche verschoben werden, weil die Botschaft meinte, es sei zu gefährlich.

Das war schon wirklich eine sehr sehr heiße Phase, als ich da hin bin. Ich bin eigentlich dann in diesen eskalierenden Konflikt wieder reingekommen.

Lächelnde blonde Frau vor einer weißen Vitrine.
Mirjam von Bibra, Kinderärztin aus Bremen

Die Kinderärztin wusste, worauf sie sich einlässt. In eben solche Krisengebiete zu fahren, um dort aktiv medizinische Hilfe zu leisten, ist das Prinzip von "Ärzte ohne Grenzen". Für sie war wichtig, aktiv dagegen einzustehen, wo Kinder offensichtlich kein verbrieftes Recht auf Gesundheit und auf Unversehrtheit haben: "Deswegen will ich gerne auch mein professionelles oder ärztliches Handeln da einsetzten, wo die Not besonders groß ist."

Helfen, wo sonst keiner hilft

Afrikanerin mit einem unterernährten Kind auf dem Arm.
Akuthilfe ist oft dringend erforderlich, sei es bei Unterernährung, Malaria, Masern oder auch gegen Müttersterblichkeit. Bild: Ärzte ohne Grenzen

Melanie Silbermann aus Bremen-Walle kennt dieses Bedürfnis. Die 50-Jährige war in den letzten 15 Jahren viermal für Ärzte ohne Grenzen in Ländern wie Somalia, dem Kongo, aber auch Tadschikistan. Das Bild ähnelt sich stets: Es gibt kaum Infrastruktur, die medizinische Versorgung ist schlecht bis katastrophal und der Lebensstandard weit entfernt von dem unsrigen.

Die gelernte Krankenschwester hat nach ihren ersten Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen in Bremen Pflege- und Gesundheitsmanagement studiert und ist dann Projektkoordinatorin geworden.

Die Einsätze finde ja immer dort statt, wo die Strukturen vor Ort einfach nicht mehr funktionieren; wo es Unruhen oder Kriege gibt, keine funktionierenden Regierungen oder auch nach Naturkatastrophen.

Blonde Frau mit Brille lächelt.
Melanie Silbermann, Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen

Flexibilität, Gelassenheit und ein guter Umgang mit verschiedenen Kulturen: Das seien drei Fähigkeiten, die sie durch viele Einsätze in verschiedenen afrikanischen und asiatischen Ländern gelernt habe. Dazu gehört auch, irgendwann den Koffer zu packen, auch wenn es schwerfällt, wieder zu gehen, weil man sieht, dass es noch viel zu tun gibt. Wie damals im Kongo: "Eigentlich reicht es nicht, dass wir hier nur ambulante Versorgung anbieten. Da müsste man eigentlich noch total viel planen und neue Kollegen einstellen. Das hat man dann immer im Kopf." Und es bleiben die Zweifel, ob nach der Abreise alles wie geplant funktioniert und die Hilfe zur Selbsthilfe ausreichend war.

Licht und Schatten liegen nah beieinander

Blonde Ärztin hebt schwarzes Baby lächelnd in die Höhe.
Die Freude, helfen zu können, ist unbezahlbar. Bild: Ärzte ohne Grenzen

An ihren ersten Einsatz kann sich Silbermann noch gut erinnern. Sie war in Somalia. "Es war heiß. Es war sehr, sehr dörflich." Ihr war klar, worauf sie sich einlässt. Und war dann doch erstaunt, was ihr neben Elend und Not vor Ort begegnen würde: "Ich habe dann sehr, sehr schnell gemerkt: Hier ist aber trotz all der medizinischen Problematik, die es gibt, auch sehr viel Lebensfreude, sehr viel Zusammenhalt."

Menschen und Kulturen auf eine sehr besondere Art und Weise kennenzulernen, das sei für sie eine Bereicherung, sagt sie. Und würde ihr auch vieles hier verständlicher machen. Außerdem sei die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort meistens gut. Und so, wie die Menschen von ihr lernten, lerne sie auch von ihnen.

Melanie Silbermann ist seit Mai im Vorstand der deutschen Sektion der Hilfsorganisation. Und sagt ganz klar: Es gibt keinen echten Grund, den 50. Jahrestag der Organisation zu feiern. Den gäbe es, wenn "Ärzte ohne Grenzen" überflüssig wäre. Doch davon seien wir weit entfernt.

Das ist schon hart zu sehen. Wir könnten feiern, wenn es uns nicht mehr geben müsste.

Blonde Frau mit Brille lächelt.
Melanie Silbermann, Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen

Was die Gründer vor 50 Jahren sicher nicht für möglich gehalten haben, waren Einsätze auf europäischem Boden, so Silbermann. Die seien aber inzwischen nötig, um beispielsweise Flüchtlingen in Griechenland zu helfen. "Da muss die europäische Politik ran. Sie macht es nicht – also müssen wir vor Ort die Menschen mitversorgen. Unter teilweise den gleichen Bedingungen wie in Projekten im Kongo."

Briefmarke "50 Jahre Ärzte ohne Grenzen"

Zwei Bremerinnen im Einsatz für "Ärzte ohne Grenzen"

Bild: Imago | Schöning

Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Dezember 2021, 19:30