Prozess gegen Bremer IS-Rückkehrerin beginnt – eine Spurensuche

Bewaffnete Menschen im Gegenlicht in Syrien
Der Angeklagten wird unter anderem Beihilfe zu Kriegsverbrechen vorgeworfen, da sie für ihren Ehemann den Haushalt führte und ihm so ermöglicht haben soll, Gräultaten zu verüben. Bild: DPA | AA | Beha El Halebi

Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe wirft Jelda A.Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Beihilfe zu Kriegsverbrechen und zum Völkermord vor. Ihre Geschichte aber begann in Bremen.

Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg beginnt am Donnerstagmittag der Prozess gegen eine Bremerin Rückkehrerin aus dem sogenannten "Islamischen Staat" (IS). Die Vorwürfe gegen Jalda A. sind so schwer, dass die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe den Fall an sich gezogen hat: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Beihilfe zu Kriegsverbrechen und Beihilfe zum Völkermord.

"Während ihres Aufenthalts in Tal Abyad besuchte die Angeschuldigte gemeinsam mit ihrem Mann regelmäßig als Zuschauerin 'Bestrafungsaktionen' des IS, bei denen sogenannte Ungläubige misshandelt und zum Teil zu Tode gesteinigt wurden", schreibt der Generalbundesanwalt.

Der Ehemann hielt zu jener Zeit eine jesidische Frau als Sklavin, die er regelmäßig vergewaltigte. Dies bekam Jalda A. mit. Sie selbst misshandelte die Gefangene nahezu täglich. So versetzte sie der Frau regelmäßig Schläge und Tritte, riss ihr an den Haaren oder schlug deren Kopf gegen die Wand.

Generalbundesanwalt

Wie soll eine Bremer Verkäuferin mit Mitte 20 auf die Idee kommen, ihr junges Leben ganz und gar an ein Terror-Regime zu verschenken? Fragen wie diese werden die Hamburger Richter zu klären haben.

Eine Spurensuche in Bremen

Die Geschichte von Jalda A. beginnt vor rund 15 Jahren in einem zweistöckigen schmucklosen Flachdachbau nicht weit weg vom Bremer Hauptbahnhof. "Islamisches Kulturzentrum Bremen e.V." (IKZ) steht über dem Eingang am Breitenweg.

Eine Moschee, ein Treffpunkt für all diejenigen Muslime und Musliminnen, die den Koran besonders streng, besonders fundamentalistisch auslegen. Hier predigen immer wieder Szenegrößen wie Pierre Vogel, und der Verfassungsschutz hat das IKZ auf dem Radar. Das Amt stellt "Verbindungen zu islamistischen Gruppierungen" fest.

Kleine Gruppe spaltet sich vom IKZ ab

In diesem ohnehin radikalen Umfeld findet sich nun eine Gruppe von Gläubigen zusammen, die noch fundamentalistischer glauben, noch radikaler denken. Entsprechend wuchtig ist im Oktober 2008 ihre im Internet öffentliche Lossagung vom IKZ: Dort würden Ansichten vertreten, die "dem Weg der alten Gelehrten des Islam" widersprechen, schreiben sie.

Ein schwerer Vorwurf, weil nach ihrer Ansicht doch nur die Weisheiten der ersten drei Generationen des Islam gelten. Diese "alten Gelehrten", das sind die "Salaf" - daher auch "Salafismus".

Unterschrieben ist diese Lossagung von elf Männern, die sich allesamt ganz fundamentalistische neue Namen gegeben haben. Zwei davon werden in der Geschichte von Jalda A. eine große Rolle spielen: Ihr Bruder und der in Bremen bekannte René S.

Gruppe gründet neuen Verein in Gröpelingen

Ihr Bruder und René S. gehören damals zu den führenden Köpfen dieser radikalen Bremer Abweichler. Schon im Sommer vor der Lossagung zerreißen sie die religiösen Bande zum IKZ. Die Gruppe gründet den "Kultur- und Familienverein" (KuF) und mietet in der Gröpelinger Seewenjestraße einen ehemaligen Kindergarten an.

Fortan wird der KuF die Bremer Anlaufstelle für alle, die die "Ungläubigen" im Zweifel auch mit der Waffe in der Hand bekämpfen. Auch sie werden beobachtet. Als 2008 ein Islamistentreffen im KuF stattfindet, schlägt die Polizei zum ersten Mal zu.

Polizei hat Einzelne aus der Gruppe im Visier

René S. erlangt in dieser Zeit einige Berühmtheit. "Emir von Gröpelingen" wird er genannt. Die Polizei kennt ihn ohnehin, sein Vorstrafenregister ist lang. Der ehemalige Katholik scheint Halt und Gemeinschaft im islamischen Fundamentalismus gefunden zu haben. Er bleibt nahe an der Gewalt und versucht, nach Afghanistan zu reisen – scheitert allerdings.

Er schließt sich der "Globalen Islamischen Medienfront" an, die Videos von Al Kaida-Chef Osama Bin Laden verbreitet und wird erwischt. 2012 verurteilt ihn das Oberlandesgericht in München zu dreieinhalb Jahren Haft.

KuF ist die religiöse Heimat von Jalda A.

Der Gröpelinger KuF ist auch die religiöse Heimat von René S. Halbschwester. Dort ist auch regelmäßig ihr Mann – nämlich der besagte Bruder von Jalda A., die nun in Hamburg vor Gericht steht. René S. und Jalda A. sind also auch verschwägert.

Während René S. in der JVA Oslebshausen seine Haftstrafe abbrummt, vollziehen sich draußen gewaltige Entwicklungen. In Syrien und im Irak wittern islamistische Kämpfer ihre Chance. Der Milizen- und Terrorverbund "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) rückt vor. Weltweit machen sich gewaltbereite Gotteskrieger auf den Weg in den Dschihad, den "Heiligen Krieg".

Jalda A. reist am 10. April 2014 nach Syrien

In Bremen vorneweg: Jaldas Bruder ist der entschlossensten aller Bremer Salafisten. Am 15. Januar 2014 reist er nach Syrien. Er ist der erste einer ganzen Reihe von Bremerinnen und Bremern, die ihm in diesen Wochen und Monaten folgen. Sehr bald auch: seine Frau, die auch die kleinen Kinder mitbringt. Kein Vierteljahr später kommt auch Schwester nach. Am 10. April 2014 reist Jalda A. nach Syrien.

Jelda A. trifft in Syrien auf ihren ersten Mann – ebenfalls aus Bremen. Er ist schon da: in Stettin geboren, gerade mal Anfang 20. Auch er kommt aus Bremen. Auch er kommt aus dem Dunstkreis des KuF. Auch er hat einiges auf dem Kerbholz, wie so manche aus der Salafistenszene. Weil unter den 40 bekannten Straftaten auch schwerer Raub ist, hat auch er schon diverse Justizvollzugsanstalten von innen gesehen. Zuletzt saß auch er in Oslebshausen ein – gemeinsam mit: René S.

Jalda A. führt für IS-Kämpfer den Haushalt

Teilweise verpixelter Antrag des sogenannten Islamischen Staat
Dieses Einreiseformular liegt buten un binnen exklusiv vor. Bild: Rechercheredaktion Radio Bremen

Am 13. Januar 2014 wird Jeldas später Ehemann entlassen, schon am 17. Februar besteigt er gemeinsam mit zwei "Brüdern" in Hannover ein Flugzeug nach Istanbul. Das ist zu diesen Zeiten der übliche Weg. Am 20. Februar, wird er im syrischen Grenzörtchen Tal Abiad offiziell registriert, das zeigt ein Einreiseformular, was buten un binnen exklusiv vorliegt.

Laut Anklage leben Jalda A. und ihr Mann in mehreren Häusern im Bereich der Städte Tal Abyad und Rakka, aus denen die Bewohner und Bewohnerinnen vertrieben wurden.

Eines der Häuser stürmte der Ehemann zusammen mit anderen IS-Kämpfern unter Einsatz von Waffengewalt, während die Angeschuldigte den Vorgang beobachtete. Jalda A. führte für ihren Ehemann den Haushalt und ermöglichte ihm so weitere Tätigkeiten für den IS.

Generalbundesanwaltschaft

Nach rund einem Jahr im "Kalifat" ist ihr Mann tot. Und Jalda A., unterdessen Mutter, ist Witwe – wie so viele Frauen, die ihren Männern gefolgt sind.

In dieser Zeit sollen sich Bremer Witwen zusammengetan und in Rakka, dem zentralen Ort der IS-Herrschaft in Syrien, gemeinsam gewohnt haben. Das erzählt ein Augenzeuge. Noch zweimal soll Jalda A. nach dem Tod ihres ersten Mannes geheiratet haben.

Jelda A. will Syrien 2017 verlassen

Unterdessen wird der IS zurückgedrängt. Viele Dschihadisten kommen um, viele fliehen. Als Jalda A. Ende 2017 Syrien nach dreieinhalb Jahren verlassen will, wird sie aufgegriffen und verbringt die kommenden rund vier Jahre in kurdischen Gefangenenlagern in Nordsyrien. In dieser Zeit interviewt sie ein Reporter der Bild.

Irgendwelche Schmuggler hätten sie nach Syrien gebracht, sagt die Bremerin in die Kamera, ohne dass sie gewusst habe, wo Syrien ist. Jalda A. gibt sich unschuldig.

Deutlich konkreter wird die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg, die als erstes in dem Fall ermittelt.

Der Ehemann der Beschuldigten tötete im Rahmen seiner Kampfeinsätze für den IS eine unbestimmte Anzahl von Menschen, darunter auch Kinder. Die Vereinigung zahlte ihm dafür ein Entgelt von 1.000 US-Dollar pro Kampfeinsatz. Mit diesem Betrag bestritt die Familie ihren Lebensunterhalt.

Generalstaatsanwaltschaft Hamburg

Seit Oktober 2021 sitzt Jelda A. in Haft

Deutschland hat sehr lange die Wiedereinreisen von ehemaligen IS-Angehörigen verschleppt. Am 6. Oktober 2021 landet Jalda A. gemeinsam mit anderen Frauen auf dem Flughafen in Frankfurt – und wird sofort festgenommen. Ihre beiden Kinder kommen in Obhut des Frankfurter Jugendamtes. Sie selbst sitzt seitdem in Haft. Und jetzt in Hamburg auf der Anklagebank.

Ihr Mann und ihr Bruder sind tot. René S. Halbschwester kommt mit ihren Kindern Ende März nach Deutschland zurück. René S. wird 2016 aus der Haft entlassen. Der ehemalige "Emir von Gröpelingen" versucht noch einmal, in der unterdessen verbotenen KuF-Gemeine Fuß zu fassen. Die Gruppe ist allerdings sehr zerstritten und zerfällt. René S. soll der salafistischen Szene den Rücken zugekehrt haben.

Rückblick: Harry S. berichtet über Zeit beim IS

Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Mai 2022, 19:30 Uhr