Interview

Studentin aus Bremerhaven warnt alle Bremerinnen vor Herzinfarkten

So warnen Bremerhavenerinnen andere Frauen vor Herzinfarkten

Bild: Pheline Hanke

"Herzbeben" heißt die Kampagne, mit der eine Bremerhavener Studentin auf Frauen-Herzinfarkte aufmerksam machen will. Mit einer Bremer Ärztin erklärt sie, warum das wichtig ist.

Wer an einen Herzinfarkt denkt, denkt an typische Symptome wie Schmerzen im linken Arm oder Engegefühl in der Brust. Die wenigsten Menschen wissen jedoch, dass diese Symptome vor allem Vorboten eines männlichen Herzinfarkts sind. Bei Frauen kündigt sich der Infarkt oft anders an, ist schwieriger zu erkennen. Die Bremerhavener Studentin Pheline Hanke will darüber mit der von ihr geplanten Kampagne "Herzbeben" aufklären. Gemeinsam mit der Bremer Kardiologin Tina Retzlaff erklärt sie buten un binnen, warum das wichtig ist, warum Frauen im Schnitt eine Stunde später den Notruf wählen und wie ein neuer Blick auf die Medizin diese Probleme lösen könnte.

Frau Hanke, was war der Anlass für Ihre geplante Kampagne?
Hanke: Das war ein Uniprojekt. Unsere Professorin hat uns die Aufgabe gestellt, eine crossmediale Kampagne zu einem Thema zu entwickeln. Ob es jetzt Gesundheit ist oder zum Beispiel Rassismus, das durften wir uns aussuchen.
Sie haben sich für ein Thema entschieden, dass Ihnen und Ihrer Familie nahe liegt.
Hanke: Genau. Ich wollte mich gerne der Gendermedizin widmen, weil ich weiß, dass es da ein paar Probleme gibt und wir in der Familie auch so einen Herzfehler haben. Es war insofern sehr einfach, schon einmal mit einer Kampagnenteilnehmerin zu testen – meiner Schwester.
Sie war mit 17 wegen eines nicht erkannten Herzleidens zusammengebrochen.
Hanke: Ja. Es war aber wohl kein Herzinfarkt. Wir wissen leider nicht genau, was es war. Wir sind auch alle immer noch in Behandlung, weil es bis heute nicht klar ist. Es wurde zunächst das Long-QT-Syndrom vermutet …
…eine genetisch bedingte Krankheit, die bei Menschen mit eigentlich gesundem Herz zum plötzlichen Herztod führen kann.
Hanke: Ja. Das wurde jetzt aber widerrufen, und es wurde ein zweiter Fehler gefunden. Es könnte etwas mit dem Wachstum des Herzens zu tun haben. So etwas hat meine Oma. Und jetzt werden wir noch mal alle darauf überprüft.
Geht es Ihrer Schwester wieder gut?
Hanke: Sie nimmt noch ihre Betablocker. Sie hat auch psychisch darunter gelitten, weil es bei ihr Panikattacken ausgelöst hat. Es ist eben schwierig, wenn man 17 Jahre alt ist und es heißt: Du kannst jederzeit umkippen, aber wir wissen es nicht so richtig, aber ein bisschen.
Frau Retzlaff, erinnert Sie das an Ihre Patienten?
Retzlaff: Ja, diese Herzangst kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Angst zu sterben haben wir bei unseren Herzinfarkt-Patienten, aber auch bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen sehr oft. Das ist ja auch etwas anderes, als wenn man sich das Bein bricht. Da denkt man, ja schade drum, das ist doof gelaufen. Es besteht aber nicht diese Existenzangst, die wir bei unseren Herzpatienten sehen. Und gerade mit 17 hat man andere Ideen vom Leben, als sich um sein Herz Gedanken zu machen. Da hat jemand vielleicht Liebeskummer und ein gebrochenes Herz, aber will sich nicht um Herzrhythmusstörungen Gedanken machen.
Ihre Kampagne trägt den Titel "Herzbeben willste nicht erleben". Wie kam es dazu?
Hanke: Ich brauchte einen "catching name". Er sollte im Gedächtnis bleiben und verschiedene Generationen ansprechen. Deswegen war Englisch raus. Und dann habe ich an Helene Fischer gedacht, die singt ja auch über Herzbeben. Und meine Schwester und meine Oma würden zusammen zu einem Helene-Fischer-Konzert gehen, weil es irgendwie generationsübergreifend ist.

Retzlaff: Ich glaube, in dem Wort "Herzbeben" finden sich auch viele meiner Patientinnen wieder. Ich finde den Titel perfekt gewählt. Er hat mich als Helene-Fischer-Fan gecatcht. Er stigmatisiert nicht im Hinblick darauf, ob es sich nun um einen Herzinfarkt oder eine Herzrhythmusstörung handelt. Und er macht deutlich, dass es jedes Geschlecht und Alter betrifft – nicht nur alte Männer mit 70 Jahren haben Herzinfarkte. Wir haben in den vergangenen Jahren zunehmend Patienten, die unter 45 sind.
Wieso unterscheiden sich eigentlich Herzinfarkte von Frauen und Männern?
Retzlaff: Eine Ursache liegt in der Entstehung. Bei beiden Geschlechtern wird ja so ein Herzinfarkt durch eine Blockade an den Herzkranzgefäßen, die den Herzmuskel durchbluten, ausgelöst. Der Herzmuskel wird dann nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Bei den Männern ist die häufigste Ursache Arteriosklerose. Da hat sich dann, wir nennen das in der Kardiologie Plaque, gebildet …
… also Ablagerungen von Fetten, Blutgerinnseln oder Kalk an der Gefäßwand.
Ja. Und die reißt dann plötzlich ein und verschließt das Herzkranzgefäß. Bei Frauen ist es eher anders. Da ist die häufigere Ursache ein Koronarspasmus. Das bedeutet, dass sich ein Blutgefäß krampfartig verengt und dann Beschwerden macht. In der Diagnostik würde man bei Männern dann eben richtig eine Engstelle sehen, bei Frauen ist diese akute Engstellung des Gefäßes hingegen oft schon wieder aufgehoben.
Eine ältere Frau mit Kopfschmerzen und Schwindel stützt sich an einer Wand ab
Die Herzinfarkt-Symptome unterscheiden sich deutlich von jenen der Männer. Auch Übelkeit zählt dazu. Bild: DPA | Christin Klose
Wie kommt es zu solchen Krämpfen?
Retzlaff: Frauen haben zum Beispiel häufiger ein so genanntes "Broken-Heart-Syndrom". Dabei löst psychischer und emotionaler Stress über Stressrezeptoren eine akute Herzschwäche aus, wodurch so ein Koronarspasmus bedingt sein kann.
Und was unterschiedet die Symptome?
Retzlaff: Der Mann hat den klassischen Brustschmerz mit Ausstrahlung in den Kiefer und in den Arm. Die Frau nimmt das ganz anders war. Sie empfindet eher Übelkeit und Oberbauchschmerzen. Ihr Allgemeinzustand fühlt sich nicht gut an, auch Rückenschmerzen können die Folge sein. Ich sehe das auch im Klinikalltag, dass Frauen länger warten, bis sie den Notruf wählen.

Hanke: Es gibt auch Zahlen dazu. Demnach rufen Männer im Schnitt dreieinhalb Stunden später den Notruf, Frauen hingegen erst nach viereinhalb Stunden. Genau dieses Einordnen der Symptome und das Handeln dauert bei Frauen im Schnitt tatsächlich eine Stunde länger. Und das ist bei einem Herzinfarkt lebensbedrohlich.
Was macht das im Ernstfall aus?
Retzlaff: Der Herzmuskel wird dann eine Stunde lang unterversorgt. Stellen Sie sich eine Blume vor, die nicht gegossen wird. Wenn das Herz nicht durchblutet ist, dann bedingt jede Herzmuskelzelle, die zugrunde geht, eine Herzschwäche. Und das verschlechtert die Wahrscheinlichkeit, zu überleben.

Stellen Sie sich eine Blume vor, die nicht gegossen wird.

Tina Retzlaff, Kardiologin am Klinikum Links der Weser
Ist es denn so, dass Frauen und Männer ungefähr in gleicher Häufigkeit Herzinfarkte erleiden?
Retzlaff: Ich würde schätzen, es sind ungefähr zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Je älter die Menschen werden, desto mehr gleicht sich das an. Denn in jungen Jahren sind Frauen auch durch ihre Östrogene vor Herzinfarkten geschützt.
Und wie stehen die Überlebenschancen für Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben?
Retzlaff: Die Rate der Sterblichkeit ist der Deutschen Herzstiftung zufolge zuletzt deutlich gesunken. Bei den Männern von 89 Prozent im Jahr 2011 auf 65 Prozent im Jahr 2019. Bei den Frauen ging die Sterblichkeitsquote im gleichen Zeitraum von 45 Prozent auf 31 Prozent zurück. Ich finde, das ist schon eine gute Erfolgsquote. Auch wenn wir nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer ist, also bei wie vielen Frauen wir gar nicht festgestellt haben, dass sie an einem Herzinfarkt gestorben sind.
Deshalb sind wir auch bemüht, mit Klischees aufzuräumen. Zum Beispiel, dass der klassische Herzinfarkt nur den männlichen Raucher mit Mitte 60 trifft. Wir machen das im Klinikum Links der Weser auch mit unserer Stiftung Bremer Herzen. Da informieren wir über Risikofaktoren, geben Kurse oder zeigen, wie Herzdruckmassagen funktionieren. Da kommen dann auch richtige Erste-Hilfe-Dummys zum Einsatz.

Hanke: Kommen da auch weibliche Dummys zum Einsatz?

Retzlaff (lacht): Nein, tatsächlich sind das alles männliche Dummys ohne Brüste.

Hanke: Daher ist es auch gut, dass die Gendermedizin jetzt Thema im Medizinstudium sein soll. So steht es jedenfalls im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung.

Retzlaff: Ja, genau. Das ist richtig so. Denn manche Medikamente wirken ja bei Frauen auch ganz anders. Darüber hinaus sind Frauen bei klinischen Studien oft unterrepräsentiert, weil viele daran nicht so gerne teilnehmen wollen. Wir sehen das auch bei der Abschlussheilbehandlung nach einem Herzinfarkt. Da ist es häufig so, dass die Männer sich ganz gut drei Wochen rausnehmen und irgendwo hinfahren können, um Reha zu machen. Und die Frau wählt dann doch eher die ambulante Reha, weil sie sagt, ich muss ja zu Hause sein, ich muss mich ja kümmern. Das Kümmern um sich selbst steht dann leider nicht so im Vordergrund.
Frau Hanke, wieviele Teilnehmerinnen haben sich schon für Ihre Kampagne gemeldet?
Hanke: Ich habe bislang sieben Frauen gefunden. Ich hoffe aber, dass es noch mehr werden.
Und wie alt sind diese Frauen?
Hanke: Von denjenigen, die einen Herzinfarkt hatten, ist die Älteste 70 und die Jüngste 34 Jahre alt.

Bremer Arzt über Herzinfarkte: "Frauen haben unspezifische Symptome"

Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Januar 2021, 19:30 Uhr