Interview

Bremer Forscher: Frauen wägen bei Klimafragen politische Faktoren ab

Klimademonstranten sitzen auf dem Boden
Eine Frau und ein Mann auf einer Klima-Demo: Gleiche Ziele, unterschiedliche Gewichtung? Bild: Imago | Sachelle Babbar

Die Uni Bremen hat Männer und Frauen zur Klimapolitik befragt. Deren Sicht unterscheidet sich teils deutlich. Doch nicht nur das Geschlecht beeinflusst die Beurteilung.

330 Befragte aus Bremen und Bremerhaven haben an der Umfrage "Zukunftsperspektive Energiewende" teilgenommen. Durchgeführt wurde sie vom Bremer Sozialwissenschaftler Uwe Engel. Welche Schlussfolgerungen sich aus den Gesprächen ziehen lassen, verrät er im Interview.

Herr Engel, gibt es eine weibliche und eine männliche Energiewende?
Nein. Es gibt zwischen den Geschlechtern schon viele Gemeinsamkeiten. Aber es gibt auch Unterschiede. Die Frage ist dabei immer, wie Männer und Frauen Abhängigkeiten in der Klimapolitik beurteilen.
Welche Abhängigkeiten haben Sie bei der Befragung denn thematisiert?
Eine schnelle Energiewende, wie sie die Enquetekommission in Bremen bis 2038 plant, bedeutet ja zum Beispiel Abhängigkeiten von Rohstoffen oder auch von autokratisch geführten Ländern, die dann in Kauf genommen werden müssen. Es müssen Batterien und Solarmodule gebaut werden. Dafür muss Bergbau betrieben und Rohstoffe veredelt werden. Und das passiert derzeit vor allem in Ländern außerhalb Europas und auch in autoritär geführten Staaten.
Wie beurteilen die befragten Frauen dieses Dilemma?
Frauen sind oft deutlich stärker geneigt, Kompromisslösungen zu suchen. Klimaschutz, Umweltschutz und die Achtung von Menschenrechten – also zum Beispiel Kinderarbeit in den Kobaltminen im Kongo – sind für sie wichtige Kriterien. Diese Dinge ordnen sie einer schnellen Energiewende nicht um jeden Preis unter. Was ich ebenfalls interessant finde, ist, dass Frauen sehr viel stärker als Männer fordern, die Ausbeutung und Veredelung von Rohstoffen nach Europa zu verlagern. Damit ginge weniger Abhängigkeit von problematischen Ländern und bessere Kontrolle bei der Einhaltung von Naturschutz und Menschenrechten einher.
Und Männer wägen da anders ab?
Männer sind kompromissloser, wenn es um die – wie in Bremen geplant – schnellere Umsetzung der Energiewende als höheres Ziel geht. Diese Kompromisslosigkeit zeigt sich auch darin, dass Männer den Klimaschutz im Alter als deutlich übergeordnete Aufgabe sehen. Im Grunde heißt das: Hilft nichts, da müssen wir durch. Auch wenn Bergbau in anderen Ländern nicht nach unseren Standards funktioniert – zum Beispiel beim Abbau von Lithium für E-Autos in Chile.
Spielt das Alter also ebenso eine Rolle bei der Beurteilung von Klimapolitik wie das Geschlecht?
Schaut man sich die Altersverteilung innerhalb der beiden Gruppen der Frauen und Männer an, dann ergibt sich selten ein Trend. Das heißt, die Prozentsätze bei den meisten Fragen steigen oder fallen nicht kontinuierlich nach Altersgruppen. Es ist eher so, dass die Zustimmung oder Ablehnung zu Aussagen zwischen den Altersgruppen springt. Das deutet darauf hin, dass das Alter doch eher von sekundärer Bedeutung ist.
Bei einigen Aussagen sticht die Altersverteilung aber schon hervor. Eine schnelle Umsetzung der Energiewende halten beispielsweise nur 18,6 Prozent der 18 bis 30-jährigen Männer für alternativlos. Bei den 60- bis 70-jährigen Männern sind es hingegen 43,8 Prozent.
Ja, das hat mich auch überrascht. Ich hatte eher damit gerechnet, dass die Jüngeren die Energiewende stärker einfordern als die Älteren.
Wie erklären Sie sich das?
Das könnte auch damit zusammenhängen, wie der Klimaschutz als Aufgabe definiert wird. Fast die Hälfte der 60- bis 70-jährigen Männer definieren den Klimaschutz als globale Aufgabe. Bei den Jüngeren sind es nur rund 15 Prozent.

Möglicherweise nehmen ältere Menschen die Medienberichterstattung auch intensiver zur Kenntnis. Und sie kommen dann zu dem Schluss, wenn wir die Welt retten wollen, dann ist schneller Klimaschutz eine globale Aufgabe, die eben mit Nachteilen verbunden ist.
Am Ende gibt es doch sicher mehr Faktoren als Geschlecht oder Alter, die eine Weltsicht prägen, oder nicht?
Ja. Zumal wir bei vielen Punkten diesbezüglich auch keine großen Unterschiede feststellen. Einiges deutet darauf hin, dass zum Beispiel die aktuelle Verkehrsmittelnutzung der Befragten einen großen Einfluss hat. Denn wenn man einfach nur nach emissionsfreier Mobilität fragt, finden dass im Grunde alle gut. Sobald aber das Auto ins Spiel kommt, entscheiden sich die Leute je nachdem, ob sie selbst mit dem Auto unterwegs sind oder nicht. Und da sind die unterschiedlichen Ansichten von Autofahrern im Vergleich zu Fahrradfahrern sehr deutlich.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Mai 2022, 19:30 Uhr