Interview

Bremer Epidemiologin zu fehlenden Impfdaten: "Der Zug ist abgefahren"

Symbolfoto App CovPass auf Smartphone mit digitalem europäischen Impfzertifikat nach dritter erfolgter Booster-Impfung mit BioNTec gegen Covid-19, Sars-CoV-2,
Bremen belegt im Bundesvergleich einen Spitzenplatz bei der Impfquote. Trotzdem ist nicht genau zu ermitteln, wer die Geimpften sind. Bild: DPA | Weber/ Eibner-Pressefoto

Wer wurde wann und wie oft geimpft? Viele wichtige Daten wurden hierzulande nicht erfasst. Diese politische Entscheidung war ein Fehler, erklärt Ulrike Haug vom Leibniz-Institut.

Welche Daten zur Corona-Impfung haben wir für Deutschland? Was können wir daraus bisher schließen?
Es werden Daten erhoben, um die Impfquote zu ermitteln, allerdings ohne Details. Das heißt, selbst eine Beschreibung der Impfquote nach Alter geht nur recht grob. Daneben gibt es die Daten des sogenannten Spontanmeldesystems, in das Meldungen zum Beispiel von Ärzten oder von Geimpften zu möglichen Impfnebenwirkungen einfließen. In der Anfangsphase sind diese Daten wichtig, um eine Vorstellung zu bekommen, welche bisher unbekannten Nebenwirkungen es geben könnte. Man kann daraus aber nur Vermutungen anstellen, um den Verdachtsmomenten weiter nachzugehen, braucht es dann eine andere Datenbasis.
Welche Daten zur Impfung verglichen mit anderen Ländern fehlen?
In Deutschland fehlt die Datenbasis, die normalerweise bei neuen Arzneimittel häufig genutzt wird, um sie nach der Zulassung im realen Versorgungsgeschehen zu untersuchen, nämlich die Daten der Krankenkassen. Man könnte damit beispielsweise die Impfquote detailliert beschreiben, die Häufigkeit schwerer Verläufe in Abhängigkeit vom Impfstatus und Vorerkrankungen ermitteln, und vieles mehr.

Da die Corona-Impfung nicht über die Krankenkasse abgerechnet wird, fehlen Informationen in den Daten, die für das Pandemiemanagement wichtig wären.

Ulrike Haug, Epidemiologin vom Bremer Leipniz-Institut
Eine blone Frau schaut in die Kamera.
Ulrike Haug ist seit 2015 Leiterin der Abteilung für Klinische Epidemiologie am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Bild: Radio Bremen
Was haben Sie damals vorgeschlagen, um die Datenlage zu Corona in Deutschland zu verbessern?
Wir hatten in unserer Stellungnahme zum Entwurf der Corona-Impfverordnung im Jahr 2020 dringend angeraten, dass diese Datenbasis auch für die Corona-Impfungen geschaffen werden muss, trotz der anderen Abrechnungswege. Dazu wäre es notwendig gewesen, die Versichertennummer bei der Impfung einzulesen und eine rechtliche Grundlage zu schaffen, dass diese Nummer übermittelt und für eine Datenverknüpfung verwendet werden darf.
Wie hat das Gesundheitsministerium darauf reagiert?
Der Vorschlag wurde nicht umgesetzt. Eine offizielle Begründung oder Rückmeldung zu der Stellungnahme haben wir nicht erhalten. Auf unsere telefonische Nachfrage hin wurden Argumente angeführt, die vorgeschoben wirkten, wie beispielsweise, dass es an Kartenlesegeräten für die Impfzentren gefehlt hätte.
Was vermuten Sie, warum wurde Ihr Vorschlag damals abgetan?
Ich weiß es nicht, vielleicht waren es politische Gründe im Zusammenhang mit der Kostenverteilung. Welche Tragweite diese Entscheidung für das Pandemiemanagement und die Möglichkeit der Durchführung wichtiger Studien hat, wurde entweder nicht bedacht oder verdrängt.
Hätte es vielleicht auch datenschutzrechtliche Probleme gegeben, wenn der Vorschlag umgesetzt worden wäre?
Um den Datenschutz zu gewährleisten, hätte es Lösungen gegeben, die sich auch in anderen Bereichen vielfach bewährt haben. Wir hatten das in unserer Stellungnahme proaktiv angesprochen. Auch dass die Impfdaten mit den anderen Kassendaten verknüpft vorliegen, kann kein Problem sein, denn bei allen anderen Impfungen, die über die Kasse abgerechnet werden, ist das ohnehin der Fall.
Wieso wären deutsche Impfdaten so wichtig für die Pandemie-Bekämpfung? Reichen da nicht auch Daten und Studien aus dem Ausland?
Wir können tatsächlich froh sein, dass wir aus Ländern mit besserer Datenerfassung viel Wissen bezogen haben, vor allem zum Thema Impfsicherheit war das sehr hilfreich. Bei Fragen, die das Pandemiemanagement betreffen, lässt sich nicht alles auf Deutschland übertragen. Die Impfquoten sind oft nicht vergleichbar, die Impfschemata und Impfabstände unterscheiden sich und auch die Bevölkerungsstruktur variiert von Land zu Land. Abgesehen davon wären Daten aus Deutschland wegen der hohen Einwohnerzahl wichtig. Möchte man beispielsweise für Personen mit seltenen Vorerkrankungen belastbare Aussagen treffen, reichen in Ländern wie Dänemark oft die Fallzahlen nicht aus.
Denken Sie im Nachhinein, dass man manche Entscheidungen zu Corona anders getroffen hätte, wenn wir mehr und bessere Daten aus Deutschland gehabt hätten? 
Man hätte eine bessere Entscheidungsgrundlage gehabt, ob die Entscheidungen dann anders getroffen worden wären, weiß ich nicht. Beispielsweise hätte man sehr viel genauer abschätzen können, mit welcher Krankheitslast aufgrund der Impflücke und der Impfdurchbrüche zu rechnen ist und in welchen Regionen das die Krankenhäuser überfordern könnte. Auch hätte man besser abschätzen können, wie häufig schwere Verläufe trotz Impfung sind und wer besonders gefährdet ist, um dementsprechend die Booster-Impfungen zielgerichteter einsetzen zu können.
Wäre es jetzt immer noch sinnvoll, Lesegeräte für Krankenkassenkarten für Impfzentren anzuschaffen oder wäre das inzwischen zu spät?
Die alleinige Aufstellung von Lesegeräten würde nicht reichen, es müssten auch die rechtlichen Grundlagen für die notwendigen Datenflüsse geschaffen werden. Aber in gewisser Weise ist der Zug abgefahren. Würde man jetzt mit der Datenerfassung anfangen, fehlt die gesamte Impfhistorie. Das heißt, es ist nicht bekannt, ob es die erste, zweite, dritte oder vierte Impfung ist, womit vorher geimpft wurde, in welchen Abständen geimpft wurde etc.

Man könnte das natürlich alles nachträglich erheben, aber der Aufwand wäre enorm und die Qualität und Vollständigkeit der nachträglich erhobenen Daten vermutlich alles andere als optimal.

Ulrike Haug, Epidemiologin
Gibt es Daten, die wir erheben sollten, um möglicherweise auf zukünftige Pandemien besser vorbereitet zu sein?
Wir sollten in jedem Fall aus den Fehlern lernen. Das heißt, systematisch reflektieren, welche Daten für das Pandemiemanagement wichtig gewesen wären und wie diese Daten schnell erfasst und verwertet werden können. Darauf aufbauend sollten die rechtlichen und technischen Voraussetzungen für diese Datenerfassung jetzt schon geschaffen werden und nicht erst, wenn die nächste Pandemie beginnt.

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Bild: Radio Bremen

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