Interview

Mehr Normalität: Erleben Bremer jetzt den Frühling der Freundschaft?

Bild: Imago | Shotshop

Julia Hahmann forscht zum Thema Freundschaft an der Uni Vechta. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was die Pandemie mit uns und unseren Freundinnen und Freunden macht.

Frau Hahmann, was sind die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Freundschaft?
Es gibt ein paar Studien zum Thema Freundschaft und Covid, die in den UK entstanden sind. Da geht es um die Relevanz von Freundschaft und die Nähe und Intensität von freundschaftlichen Beziehungen. In diesen Studien wird thematisiert, dass Freundschaft sehr wichtig ist, aber dass die Personen das Gefühl haben, den Kontakt zu ihren Freundinnen und Freunden verloren zu haben über die Pandemie-Zeit.
Das heißt, was hat die Pandemie mit unseren Freundschaften gemacht?
Ich würde sagen, das wissen wir noch nicht. Dazu haben wir noch keine Daten. Was jetzt abgefragt wird in solchen Studien, ist, wie die Personen gerade über bestimmte Themen denken. Mit den ganzen Kontaktbeschränkungen ist das eine realistische Einschätzung zu sagen: Freundschaften haben unter der Pandemie gelitten – genauso wie andere Beziehungsformen. Und ob das die Konsequenz hat, dass die Freundschaften dadurch weniger eng werden oder dass es mehr Konflikte gibt oder dass sich Personen einsamer fühlen, das werden wir erst in den nächsten Jahren herausfinden. In den Daten, die bisher erhoben wurden, sehe ich noch nicht, dass sich Freundschaft als Beziehungsform dramatisch verändert hat durch die Pandemie.
Was kann man aus den Daten herauslesen?
Ich denke, das ist im Moment ganz grundlegend: Corona hat was mit Freundschaften gemacht. Das kann sein, dass Freundschaften als weniger eng empfunden werden, wenn sie nicht in körperlicher Co-Präsenz stattfinden können. Also so etwas wie: "Ich bin echt traurig, dass ich meine Freundinnen nicht sehen konnte, wenn wir sonst eine Woche Urlaub zusammen machen." Oder: "Ich konnte nicht mit meinen Bekanntschaften im Fußball-Stadion stehen."
Das heißt, es ist unklar, ob die Pandemie wirklich etwas mit den Freundschaften gemacht hat oder die Menschen schlicht gemeinsame Erlebnisse vermissen?
Ja, zum Beispiel. Ich glaube, wir können uns alle vorstellen, dass es bestimmte Beziehungen gibt, die sind hinten rüber gefallen, gerade während der Kontaktbeschränkungen. Wir hatten vielleicht die Idee: Jetzt dürfen wir eh so wenig Leute sehen, dann möchte ich meine Geschwister sehen oder meine Enkelkinder oder meine beste Freundin – und eben nicht die vielen anderen Personen, die wir sonst ganz regelmäßig in unseren Alltag integrieren. Die zum Beispiel in die gleiche Yogaklasse gehen oder im Chor mitsingen oder in der Kneipe jeden Freitag an der Theke stehen. All diese Kontakte sind ja weggefallen. Dass Menschen diese Kontakte vermissen – und damit auch Normalität und Alltag vermissen – beruhigt mich eher, als dass es mich ängstigt.
Was braucht es, damit eine Freundschaft hält?
Das, was es vielleicht immer braucht, um Beziehungen aufrecht zu erhalten. Nämlich bestimmte Formen der Aushandlungsprozesse, also zu sagen: Was brauche ich von dir? Was wünsche ich mir von dir? Was kann ich dir geben? Dieses Thema kennen wir von Partnerschaften sehr gut – und das gilt in abgeschwächter Form auch bei Freundschaften.
Brauchen Menschen unbedingt Freunde?
Ich würde sagen: Personen brauchen Kontakte. Freundschaften haben bestimmte Vorteile gegenüber Familienmitgliedern – und die sollte man ruhig nutzen. Aber ob man die Person, die man dazu holt, als Freundschaft bezeichnet oder nicht, ist nicht wichtig. Alltagsweltlich ist Freundschaft sehr frei definiert. Das, was ich als Freundschaft bezeichne, kann für die Person, die ich so bezeichne, eine Bekanntschaft sein. Das ist so unterschiedlich, dass es sicherlich Personen gibt, die sagen: "Ich habe gar keine Freundschaften." Aber wenn ich mir anhöre, was sie erzählen, welche Bedeutung andere Menschen für sie haben, was sie mit ihnen teilen, dann würde ich von außen sagen: "Also, für mich hört sich das nach Freundschaft an."

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Wir haben in den sozialen Netzwerken unsere Nutzerinnen und Nutzer gefragt, was die Pandemie mit ihren Freundschaften gemacht hat. Einige haben uns auch berichtet, dass sie froh sind, dass manche Kontakte weggefallen sind. Was halten Sie davon?
Ich glaube, man darf nicht unterschätzen, dass es Konflikte gibt wegen der Einschätzung der Corona-Politiken. Wir wissen noch nicht, was diese Radikalisierung mit unseren Freundschaften macht. Das bleibt noch zu erforschen. Dieses aufs Wesentliche konzentrieren ist ja auch eine typische Krisenreaktion. Sich zurückzuziehen auf das, was ganz sicher ist und was bekannt ist. Da findet wenig Innovation und wenig Kreativität statt in solchen Situationen. Ich kann mir vorstellen, dass sich das wieder ändert. Wenn wir wieder einen Alltag haben, der sich vergleichen lässt mit der Zeit davor, kommt vielleicht diese Beziehung wieder zurück in unser Leben – oder eine ähnliche.
Im März sollen nach und nach die Pandemie-Beschränkungen fallen. Kommt jetzt der Frühling der Freundschaft?
Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich glaube, dass Freundschaften sehr wichtig waren für die Zeit der Kontaktbeschränkungen, weil sie gewissermaßen der Arm nach außen waren. Aber ich glaube auch, dass diese Situation, viele Menschen gleichzeitig sehen zu können, ein wirklich neues Lebensgefühl sein wird.
Freuen Sie sich drauf?
Ja, sehr!

Autorin

  • Sarah Kumpf Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Februar 2022, 19:30 Uhr