Interview

Bremer Historiker: Mit Angriff halst sich Putin mehr Probleme auf

Ein Kind sitzt auf einer Schaukel vor einem zerstörten Wohnhaus in Kiew
Bild: Reuters | Umit Bektas

Professor Wolfgang Eichwede hat die Forschungsstelle Osteuropa an der Uni Bremen gegründet. Er glaubt, dass Putins Politik früher oder später scheitern wird.

Es ist immer noch kaum zu fassen: Ein europäischer Staat greift einen anderen Staat in Europa an, um mehr Einfluss zu bekommen. So etwas kannten viele Bremerinnen und Bremer bisher wohl nur aus dem Geschichtsunterricht. Historiker Wolfgang Eichwede erklärt die Lage im Interview.

Russland greift die Ukraine an: Was sind Putins Motive hinter dem Angriff?
Es ist schwer, in den Kopf von Putin zu schauen. Ich habe ihn in den Nuller-Jahren einmal persönlich getroffen und hatte damals den Eindruck, dass er ein kalter, auch schlauer Politiker ist. Aktuell sehe ich einen Politiker, der offenbar vollkommen verschlossen in seiner Welt denkt und lebt. Er nimmt andere Positionen nicht mehr zur Kenntnis, seine Auftritte tragen in meinen Augen autistische Züge oder Züge von Wahnsinn. Weder Scholz noch Macron konnten letztlich zu ihm durchdringen.

Putin ist offenbar überzeugt, dass Russland ein Recht auf die Ukraine hat. Er glaubt, dass Russland nur bestehen und sich entwickeln kann, wenn es seine unmittelbaren Nachbarn kontrolliert. Deshalb kam es zum Kaukasus-Krieg, deshalb wollte Putin nicht, dass osteuropäische Staaten der Nato beitreten. Deshalb wurde die Krim annektiert und der Krieg im Donbas begonnen. All das zeugt von Putins Auffassung, dass sein Land nur als imperiale Macht bestehen kann.
Wie bewerten Sie Putins Machtstreben?
Russland nimmt mit dem imperialen Anspruch eine Bürde auf sich, die von seinen inneren Problemen ablenkt. Durch seine Politik des Krieges verschwendet er die Kräfte, die Russland für die eigene Entwicklung bräuchte, und verschwendet Chancen, die er mit guten Beziehungen nach Europa hätte. Europa und Russland könnten sich wirtschaftlich und kulturell ergänzen. Russland gehört ja zu Europa.

Mit der aktuellen Politik zerstört der gegenwärtige Präsident die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten seines Landes.

Wolfgang Eichwede, Historiker und Gründungsdirektor der Forschungsstelle Osteuropa an der Uni Bremen
Es gibt ja immer noch viele, die auch hier in Deutschland Putins Aktionen rechtfertigen, wo kommt das her?
Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Zunächst existiert ein großes Unwissen. Sodann haben wir in Deutschland eine eigenartige, verhängnisvolle Mischung von zwei historischen Denkmustern. Das eine reicht zurück ins 18. Jahrhundert: Preußen hatte auf staatlicher Ebene zumeist gute Beziehungen zu Russland. Nach den Teilungen Polens gab es eine gemeinsame Grenze.

Das andere Denkmuster gründet in unserer Verantwortung für den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. So haben wir einen Mix aus Großmachterinnerung und (absolut notwendigem) Schuldgefühl.

Was wir immer wieder aus dem Blick verlieren: Wenn vom Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion die Rede ist, wird nur an Russland und die russischen Opfer gedacht. Dass Belarussinnen und Belarussen, Ukrainerinnen und Ukrainer genauso stark unter dem deutschen Vernichtungskrieg gelitten haben, wird allzu oft vergessen. Doch lassen Sie mich hinzufügen: Der Überfall auf die Ukraine scheint nicht wenigen „Putin-Verstehern“ bei uns die Augen geöffnet zu haben.
Welche Rolle spielt die Staats-Propaganda und welche falschen Tatsachen werden da behauptet?
Propaganda spielt eine zentrale Rolle. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sie in Russland gar nicht mehr so stark verfängt wie noch vor einiger Zeit. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt den Krieg gegen die Ukraine ab, wie Umfragen zeigen. Eine russische Kollegin hat mir die Stimmung so geschildert: "Da sterben wegen eines Krieges, für den es keinerlei Rechtfertigung gibt, eigene und ukrainische Soldaten, viele sind gar miteinander verwandt."

Putin glaubt, dass er den Rückgang seiner Popularität durch militärische Erfolge aufhalten kann. Mit einem Sieg hofft er, als großer Herrscher und Neubegründer russischer Weltmacht in die Geschichte einzugehen. Während die eigene Größe und Vergangenheit vergoldet wird, zeichnet die staatliche Propaganda vom Westen ein völlig verzerrtes Bild: gottlos, sexuell enthemmt, pervers und drogenabhängig – Putin lebt von Feindbildern.

Aber nochmals: Der Krieg gegen die Ukraine ist nicht populär. Täglich höre ich von Protesten oder Unverständnis in der russischen Bevölkerung, lese ich Briefe oder Erklärungen auch namhafter Wissenschaftler und Intellektueller, die ihre Empörung oder "Bitterkeit" zum Ausdruck bringen: Der Krieg, so schreiben hunderte, sei „ein Schritt ins Nirgendwo“. Viele Zeichen deuten darauf hin, dass sich Putin mit seiner Aggression in der eigenen Gesellschaft verschätzt hat.
Um den Krieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen hat Putin mehrere Argumente ins Feld geführt, unter anderem: Die Ukraine sei durch Lenin entstanden. Wie kommt er darauf?
Tatsächlich bildete sich die Ukraine im Zuge der Revolution von 1917 neu und wurde dann als Sowjetrepublik in die UdSSR eingegliedert. Von einer Entstehung durch Lenin kann nicht gesprochen werden. Das vorherige Zarenreich war in Gouvernements und nicht in ethnische Zugehörigkeiten – von Russen und Ukrainern – geordnet.

Aber die Geschichte der Ukraine beginnt nicht damit. Das Kiewer Reich gilt im 9. Jahrhundert als Geburtsstunde der ukrainischen und russischen Geschichte. In den folgenden Jahrhunderten kam es immer wieder zu Eroberungen und Teilungen durch fremde Mächte. Eine ukrainische Kultur bildete sich dennoch im Bogen von Galizien bis zu den Hetmanaten der Kosaken, um nur zwei Aspekte zu nennen. Die Gründungsschritte von 1917 hatten also ihre historische Grundlage.
Außerdem behauptet Putin, in der Ukraine seien Faschisten an der Macht. Wie bewerten Sie die Aussage?
Das ist einfach eine ebenso falsche wie bösartige Verleumdung. Radikalnationalistische Kräfte in der Ukraine haben in Wahlen nur wenige Prozent errungen. Sie spielen im politischen Leben der Ukraine keine maßgebliche Rolle und sind schwächer als die AfD in Deutschland. Putin spricht vom Kampf gegen Faschisten, weil er sich in die Tradition des Großen Vaterländischen Krieges stellen will. Das ist purer Unsinn und eine absurde Instrumentalisierung der Geschichte.

Im Zuge der Maidan-Proteste gab es vereinzelte kleine rechte Splittergruppen, die sich aber nicht durchsetzen konnten. Die Ukraine hat zwar ein riesen Probleme mit demokratischen Strukturen und dem Einfluss von Geld und Oligarchie insgesamt, aber das sind alles keine faschistischen Strömungen.
Haben Sie irgendwie Hoffnung, dass die Ukraine in Zukunft doch ein demokratischer, souveräner Staat bleibt?
Ich bin Historiker und deshalb bei geschichtlichen Themen besser als in Zukunftsprognosen. Aber für die absehbare Zukunft bin ich eher pessimistisch. Solange das Putin-Regime in Russland herrscht, wird wohl der Versuch weitergehen, die Ukraine mit Waffengewalt in Abhängigkeit des undemokratischen Russlands zu zwingen.
Auf der anderen Seite könnte Putin genau das zum Verhängnis werden: Er löst nicht die ökonomischen Probleme bei sich zu Hause. Je mehr militärische Lasten er sich aufhalst, umso größer werden die Engpässe in Russland. Putin steuert sein Land in einen riesigen Widerspruch: Russland soll militärisch eine Weltmacht sein und ist ökonomisch bestenfalls eine Mittelmacht im unteren Bereich.

Putin steuert sein Land in einen riesigen Widerspruch: Russland soll militärisch eine Weltmacht sein und ist ökonomisch bestenfalls eine Mittelmacht im unteren Bereich.

Wolfgang Eichwede, Historiker und Gründungsdirektor der Forschungsstelle Osteuropa an der Uni Bremen

Also: Auf der einen Seite müssen wir für die Ukraine in den nächsten Jahren mit einer schweren, ja dunklen Zeit rechnen. Aber ich sehe auch für das russische Imperium, das Putin so brutal aufbaut, keine gute Zukunft. Ukrainische Kolleginnen gehen davon aus, die Ukraine bekomme ihre Unabhängigkeit zurück, weil Russland zerbrechen werde.

Tatsächlich wächst der Widerstandswille in Kiew und vielen weiteren Orten. Die russische Armee wird einen hohen Preis zahlen müssen. Noch verheerender aber werden für den Kreml die politischen Kosten sein. Russland hat ein Volk, das es einst als Brudervolk verstand, für immer verloren.

Nach dem Angriff gab es auch Bilder von Demonstrationen aus Russland gegen den Krieg zu sehen. Wie gefährlich können solche Demonstrationen Putin werden?
Wir sprachen schon kurz darüber. Gegenwärtig scheint Putin die Demonstrationen noch unterdrücken und viele der Teilnehmer verhaften zu können. Auch die Proteste nach Navalnys Verurteilung und der "Liquidierung" der Menschenrechtsorganisation Memorial konnte er zerschlagen. Er verfügt über einen gewaltigen Repressionsapparat. Aber die "Scham" über diesen Krieg, und auch die innere Empörung in großen Teilen der Gesellschaft, die bislang noch nicht auf die Straße gehen, ist groß. So groß wie bei keinem Ereignis zuvor in Putins Regentschaft.

Immer wieder wurden wir in der Vergangenheit durch Entwicklungen überrascht, die wir nicht voraussehen konnten. Als Beispiel nenne ich die Protestbewegung der belarussischen Frauen gegen Lukaschenko vor weniger als zwei Jahren. Ich gehe – bei aller Vorsicht – nicht davon aus, dass der verbrecherische Angriff auf die Ukraine zur Stabilisierung der Alleinherrschaft Putins in Russland beitragen wird.
US-Präsident Joe Biden hat vor Putins Imperialismus gewarnt und gesagt, er würde sich nicht mit der Ukraine zufrieden geben: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Putin irgendwann auch ein Nato-Land angreifen könnte?
Im Augenblick kann ich mir das nicht vorstellen. Es war klug, in den 1990er Jahren dem Wunsch der Völker Mitteleuropas zu folgen und sie in die NATO aufzunehmen. Es war nicht der "Westen", der nach Osten in böser Absicht expandiert ist – es war die freie Entscheidung der Nationen dort, in den Schutz des Bündnisses zu kommen.

Meine Hoffnung ist, dass Putin einen Angriff auf Nato-Länder mit dem Rest des politischen Verstandes, den er noch besitzt, nicht wagt.

Bremer Osteuropa-Experte: "Militärisch ist Russland überlegen"

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 26. Februar 2022, 15:12 Uhr