Der kräftezehrende Alltag auf den Intensivstationen in und bei Bremen

Ein Flur in einem Krankenhaus indem hinten ein Pfleger langläuft. Vorne an der Tür steht "Intensivstation".

Vierte Welle: Pflegekräfte am Limit

Bild: Radio Bremen

Die vierte Pandemie-Welle spült wieder Covid-Patienten in die Kliniken. Ob geimpft oder nicht: Um jeden Beantmungspatienten kämpfen dort die Teams – und powern sich aus.

Noch ist auf der Intensivstation im Klinikum Bremen-Mitte alles wie immer. Fünf Corona-Patienten werden hier aktuell versorgt. Aber die Sorge wächst, dass es bald mehr werden. Sönke Caspers, Klinikpflegeleiter für Intensiv- und Notfallmedizin, rechnet schon bald mit Anrufen aus anderen Bundesländern, die fragen, ob hier in Bremen noch Platz für Covid-Patienten wäre.

Auch bei den letzten Wellen war dies wohl der Fall: Erst steigt die Inzidenz und fünf bis zehn Tage später dann auch die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Nicht nur für die Erkrankten selbst sei dies dann schlimm, auch sein Personal leide unter dem Mehraufwand, den jeder einzelne Covid-Patient mit sich bringt. Allein die Schutzmaßnahmen seien sehr aufwendig.

Wir müssen uns jedes Mal komplett anziehen. Mit Kittel, Mundschutz, Visier, doppelten Handschuhen. Und nur so können wir in die Patientenzimmer rein.

Karin Roy, Pflegekraft auf der Intensivstation einer großen Klinik nördlich von Bremen

Und nicht nur das: Eine zweite Kraft müssen immer vor dem Zimmer auf Zuruf stehen, um im Zweifel benötigtes Material zu beschaffen und zu helfen. Denn mit der Schutzkleidung könne man nicht einfach das Zimmer verlassen. "Und der Kollege fehlt mir dann auch komplett bei der Versorgung anderer Patienten in dem Moment."

Hinzu komme, dass die Patienten stark leiden: Sie bekommen schlecht Luft, haben Angst zu ersticken, aber auch die Beatmung mit einer Maske ist für die Patienten sehr unangenehm.

Die Pflegekräfte auf der Intensivstation sind ausgelaugt

Zwei Pflegekräfte beim arbeiten in der Intensivpflege.
Zwei Pflegekräfte auf der Intensivstation. Bild: Radio Bremen

Das Team von Sönke Caspers auf der Intensivstation im Klinikum Bremen-Mitte betreut seit eineinhalb Jahren durchgängig Covid-Patienten. In seinem Team habe das zu Überlastungen geführt, sagt er und das bestätigt auch seine Mitarbeiterin Magdalena Warnert. Die Kraft sei mittlerweile weg. Und es frustriere die Pflegekräfte auch, wenn herauskommt, dass die Patienten ungeimpft sind und man diese Fälle theoretisch hätte vermeiden können. Aktuell sei nur einer der aktuell betreuten Patienten geimpft.

Dazu kommt, dass im Team von Sönke Caspers im letzten Jahr fünf Pflegekräfte gekündigt haben. Damit es nicht noch mehr werden, hat er nun die Reißleine gezogen und den Pflegeschlüssel verbessert: Nur noch zwei Patienten pro Pflegekraft, lautet die neue Regel.

Damit unterscheidet er sich von anderen Kliniken und hofft, dass dieses neue Konzept nicht nur mehr Stabilität bringt, sondern auch eine Sogwirkung auf andere Pflegekräfte hat. Denn mehr Personal könnte er gut gebrauchen. Schon jetzt können nur 22 von 30 Betten betrieben werden, weil Pflegekräfte fehlen. Magdalena Warnert ist sich sicher, dass auch mehr Geld helfen würde. Die tägliche Verantwortung und der Aufwand stehen in keinem gesunden Verhältis zur Bezahlung aus ihrer Sicht. Auch nach bald zwei Jahren Corona nicht.

Ich glaube, wenn in der Pflege mehr Geld verdient würde, dann würden die Wertschätzung und das Ansehen in der Gesellschaft auch steigen.

Magdalena Warnert

Denn auch jetzt, wo in der Gesellschaft heiß diskutiert wird, wie mit Ungeimpften umgegangen werden soll, gibt Magdalena Warnert während ihrer Schicht immer alles – egal, ob der Mensch, der vor ihr liegt, geimpft ist oder nicht. Auch bei diesen Fällen würden Schicksale und trauernde Familien dahinterstecken. Aber nicht nur für die Patienten und Angehörigen sei es schwer, auch für die Pflegekräfte sei es eine Belastung, diese Fälle mitzuerleben und zu betreuen.

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Autorin

  • Katharina Mild Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 18. November 2021, 16:35 Uhr