Interview

Bremer Pflegeleiter: Intensivbetten sind vorhanden – Personal nicht

Bild: Imago | Rainer Weisflog

Angesichts erneut steigender Corona-Neuinfektionen sind Beschäftigte auf den Intensivstationen besorgt. Pflegeleiter Caspers hat jüngst fünf Intensivkräfte verloren – Ersatz gibt es nicht.

Der Fachkräftemangel hat auch in der Intensivpflege Folgen. Laut Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sind bundesweit bereits 20 Prozent der Betten, in denen Patienten künstlich beatmet werden könnten, gesperrt. 35 Prozent der restlichen Betten in deutschen Intensivabteilungen können ebenfalls nicht benutzt werden. Als Hauptgrund dafür wird das fehlende Personal genannt.

Auch in Bremen ist der Fachkräftemangel zu spüren, wie Mediziner bestätigen. Welche Ursachen stecken dahinter? Und wie kann das Problem gelöst werden? Sönke Caspers, Pflegeleiter im Klinikum Bremen-Mitte, spricht über die aktuelle Lage im Interview mit buten un binnen.

Herr Caspers, die DIVI hat Alarm geschlagen: Jedes dritte Krankenhausbett in den deutschen Intensivabteilungen soll wegen Fachkräftemangels bereits gesperrt sein. Wie sieht die Lage momentan auf Ihrer Intensivstation aus?
Ich habe in diesem Jahr mehr als fünf Vollzeit-Arbeitskräfte verloren. Einige Stellen konnten neu besetzt werden, fünf sind aber noch vakant. Das bezieht sich jetzt auf die Intensivstation 1 im Klinikum Bremen-Mitte. Von 30 Betten, die uns zur Verfügung stehen, betreiben wir momentan 22. Für die restlichen fehlt mir nach wie vor das Personal. Die Versorgung der Patienten ist selbstverständlich gewährleistet. Um die Intensivstation im Vollbetrieb zu halten, benötigten wir aber insgesamt zehn zusätzliche Vollzeit-Arbeitskräfte.
Es gibt also auch in der Intensivpflege einen Fachkräftemangel, das erleben Sie in Ihrem Alltag. Woran liegt das?
Ja, der Fachkräftemangel ist da, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber nicht nur in der Intensivpflege: Es gibt einfach im Allgemeinen einen Mangel an Pflegekräften. Die Intensivpflege ist nicht mal so schwer davon betroffen wie andere Bereiche. Das Problem auf den Intensivstationen ist, dass dieser ein sogenannter Spezialbereich ist, in dem eine hohe Expertise erforderlich ist. Es ist ein sehr komplexer Einsatzort für Pflegekräfte, medizinisch-technisch betrachtet. Das macht eine deutlich längere Einarbeitung erforderlich.

Einerseits gibt es Kollegen, denen der Einsatz zu anspruchsvoll und zu erschöpfend ist – sie verlassen den Beruf oder die Intensivstation. Andererseits brauchen die neuen eine fundierte Einarbeitung und das benötigt Zeit, vor allem, wenn sie frisch aus der Ausbildung kommen. Die brauchen dann auch drei bis sechs Monate Einarbeitungszeit. So ergibt sich ein Fachkräftemangel.

Corona ist für mich wie eine Lupe. Dieses Thema, der Fachkräftemangel, hatte sich vor Corona schon angebahnt. Die Corona-Pandemie hat es noch mal ganz, ganz deutlich gezeigt.

Sönke Caspers, Pflegeleiter im Klinikum Bremen-Mitte
Welche Rolle hat dabei Corona gespielt?
Corona ist für mich wie eine Lupe. Dieses Thema, der Fachkräftemangel, hatte sich vor Corona schon angebahnt. Die Corona-Pandemie hat es noch mal ganz, ganz deutlich gezeigt. Die Pflegekräfte fehlten schon davor – und jetzt unter Corona besonders. Zwischen den Wellen 2 und 3 hatten wir eine ruhige Phase, mit kaum Corona-Patienten auf den Stationen. Da hat man es schon gemerkt: Es war wie ein kollektives Aufatmen.

Denn die Arbeit unter Corona-Bedingungen ist körperlich und emotional anspruchsvoll. Wir hatten aber schon vor Corona kaum krisenfeste Strukturen. Und dann kommt so eine Krise ungeahnten Ausmaßes: Sie hat uns deutlich gezeigt, wo die Probleme sind.
Über Fachkräftemangel in den Intensivabteilungen diskutiert man in der Tat schon seit einigen Jahren. Haben Sie den Eindruck – mal von der Corona-Pandemie abgesehen – dass sich die Lage verschlimmert oder eher verbessert hat?
Der Fachkräftemangel hat zugenommen. Mehr Leute fehlen, es stehen immer weniger Pflegekräfte zur Verfügung.
Sehen Sie eine Lösung für diese Situation?
In unserem Klinikum erweitern wir die Ausbildungsplätze und akquirieren auch über Social Media neue Fachkräfte. Gleichzeitig stärken wir intern, so weit wie möglich, die Zufriedenheit in den Teams. Verlässliche Ausfallkonzepte, verlässliche Dienstpläne. Damit die, die da sind, auch bleiben und neue dazukommen. Auf der Intensivstation betreut eine Fachkraft im Durchschnitt zwei Patienten, das entspricht der gesetzlichen Personaluntergrenze. Meine Meinung ist, dass Pflege grundsätzlich ein toller Beruf ist, für den es mittlerweile gar nicht mal so wenig Geld gibt. Das, was die Kollegen mürbe macht, sind oft Strukturen und Prozesse, die nicht klar geregelt sind. Und unverlässliche Dienstpläne.

Diese Unzufriedenheit entlädt sich oft in Demonstrationen, die aber eine katastrophale Auswirkung auf den Nachwuchs haben. Bei den Auszubildenden könnte dann das Bild der "armen Pflegekräfte" ankommen und sie sagen eventuell: "So einen Beruf wähle ich nicht." Das verschlimmert dann das Problem. Ein gesundes Selbstbewusstsein wäre wichtig. Denn der Beruf ist wirklich toll – und ohne Pflege geht es nicht.

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Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. November 2021, 19:30 Uhr