Bremer Wirtschaftsexperte: "Inflation für Menschen eine Katastrophe"

"Putins Angriffskrieg hat unmittelbare Auswirkungen für Bremen"

Bild: Radio Bremen

Steigen die Preise ins Unermessliche? Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel wagt einen Blick in die Zukunft.

Im vergangenen Sommer wagte der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel bereits einen Blick auf die kommenden Monate. Damals prognostizierte er genau wie viele andere Experten, dass es keine große Inflation geben werde. Eine Sache habe die Wissenschaft damals völlig unterschätzt, sagt er heute.

Herr Hickel, wie geht es weiter: Steigen die Preise ins Unermessliche?
Wenn die Frage so gestellt wird, könnte man meinen, es kommt zu einer Hyperinflation. Aber ich bin der Meinung, dass es dazu nicht kommt. Wir werden jetzt in diesem Jahr deutliche Preissteigerungen haben. Wir haben schon Preissteigerungen mitgenommen: Aus der Corona-Krise, dann sind vor allem durch die Lieferketten-Probleme die Preise noch einmal gestiegen – und es gab bestimmte Spekulationen auf den Rohstoffmärkten. Jetzt kommt der Einmarsch in der Ukraine dazu. Wir müssen uns darauf einstellen – auch politisch drauf einstellen – dass wir in diesem Jahr eine Inflationsrate haben. Die könnte so bis sechs Prozent gehen, was natürlich für die gesamte Wirtschaft und für viele Menschen eine Katastrophe ist.
Letzten Sommer waren Sie zum Gespräch hier und waren sich einig mit vielen anderen Experten: Sie haben gesagt, es wird nicht so schlimm. Diese Entwicklung war nicht so richtig absehbar, oder?
Die war nicht absehbar. Ich könnte jetzt stolz sein zu sagen: Die Europäische Zentralbank hat sich ähnlich geirrt wie ich, aber als Wissenschaftler darf ich mir das nicht erlauben. Was wir völlig unterschätzt haben, ist die Aggressivität der Preistreiberei im Energiemarkt über Gas, über Kohle, vor allem auch über Öl. Das haben wir völlig unterschätzt. Und es ist in gewisser Weise noch mal explodiert.

Was wir völlig unterschätzt haben, ist die Aggressivität der Preistreiberei im Energiemarkt.

Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler
Sie haben es eben schon kurz angesprochen. Aber noch mal konkret: Welche Rolle spielen der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland für die Inflation?
Dieser Angriffskrieg von Putin hat ganz große Auswirkungen. Wenn man auf die sympathische Ukraine schaut, da haben wir beispielsweise Keks-Lieferungen bei Mondelez. Oder wir haben auf der anderen Seite bestimmte kleinteilige Produkte wie Zulieferungen der Automobilindustrie. Man merkt übrigens, wie über die Jahre eine tolle internationale Zusammenarbeit entstanden ist, die wird über Nacht zerschlagen. Was aber entscheidend ist, ist natürlich der Zusammenbruch der Lieferbeziehungen mit Russland. Da gibt es eine Ausnahme, die ich noch mal betonen muss: Öl und Gas sind aus den Sanktionsmaßnahmen herausgenommen. Zweitens: Sie fallen nicht unter das SWIFT-Verbot, das heißt, sie können auch für Russland bezahlt werden. Damit stimmt der Satz: 'Wir sind derzeit dabei, mit dem Gasverbrauch aus Russland die Kriegskasse zu füllen.' Das muss man ganz klar so sehen.
Weil wir es eben auch brauchen im Moment.
Genau, es gibt keine Alternative.
Sie sprechen von einer Stagflation, die wir kriegen. Was ist denn das?
Wir haben einerseits die Inflation, die nach oben treiben kann – so bis fünf, sechs Prozent. Mit Zahlen bin ich vorsichtig aufgrund des Irrtums im letzten Sommer. Aber auf der anderen Seite müssen wir natürlich auch die Frage stellen: Was passiert mit der Wirtschaft wie der Produktion? Was passiert mit dem Wirtschaftswachstum? Und das sage ich jetzt schon voraus: Die Prognosen, die vorliegen, auch der Bundesregierung, 3,6 Prozent Wirtschaftswachstum, vier Prozent meistens durch die Institute, die werden nicht in Erfüllung gehen. Und ich weise darauf hin: Wir müssen aufpassen, dass wir uns wappnen gegen diesen Produktionseinbruch, der nämlich dann Unternehmen unverschuldet beispielsweise durch die Putin-Politik in Schwierigkeiten bringt. Deshalb spreche ich so ganz betont von Stagflation: Stagnation plus Inflation.

Wir müssen aufpassen, dass wir uns wappnen gegen diesen Produktionseinbruch.

Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler
Zum Schluss noch: Was muss passieren? Was sind die Maßnahmen, die jetzt helfen?
Wir schauen jetzt alle auf den Dienstag. Da trifft sich der EZB-Rat. Ich sage noch mal eindeutig: Dies ist keine klassische Nachfrage-Inflation. Die Inflation kommt nicht zustande, weil die Nachfrage zu groß ist. Dann müsste die Geldpolitik intervenieren. Die Inflation ist das Ergebnis von Preistreiberei von strategisch wichtigen Preisen, und die müssen wir anschauen: Wie soll eigentlich die Europäische Zentralbank, wenn sie praktisch die Geldmenge jetzt verkürzt und die Zinsen erhöht, wie soll sie denn damit den Ölpreis senken? Das geht nicht. Es muss anders beantwortet werden. Und im Übrigen, eines ist ganz wichtig für die, die jetzt so wild alle argumentieren: Jetzt muss die EZB die Zinswende machen, die Zinsen erhöhen. Das wäre eine Katastrophe, wir würden genau in der kritischsten Phase der bundesrepublikanischen Entwicklung weiter die Wirtschaft belasten, weil Zinsen steigen, die Unternehmen nehmen Kredite, eine Riesenbelastung, also ist es schlichtweg Unfug.

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Autorin

  • Kirsten Rademacher

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. März 2022, 19:30 Uhr