Interview

Ein Bremer Neurologe erklärt: Kommt eine Impfung gegen MS?

Bild: DPA | Andreas Gebert

Die Behandlung von Multipler Sklerose hat sich weiter entwickelt. Jetzt sorgt ein Befund für Aufsehen: Ein Virus soll MS auslösen. Der Neurologe Thomas Duning erklärt, was dran ist.

Herr Professor Duning, Multiple Sklerose steht am Welt-MS-Tag wieder in besonderem Fokus. Was ist das für eine Erkrankung?
Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des Gehirns, eine Auto-Immun-Erkrankung. Das heißt, das eigene Immunsystem greift körpereigenes Gewebe an, weil es fehlgeleitet ist. Da gibt es wahrscheinlich eine Veranlagung und einige Trigger, also Auslöser, die man noch nicht genau kennt.

Und bei der MS ist es typischerweise so, dass bestimmte Bereiche im Gehirn angegriffen werden, die sogenannten Myelinscheiden an den Nervenfasern. Die entzünden sich, dadurch entsteht Narbengewebe und diese Bereiche funktionieren dann nicht mehr.
Porträt von Prof. Dr. med. Thomas Duning
Thomas Duning ist Professor für Neurologie und Chefarzt der Neurologie am Klinikum Bremen-Ost. Bild: Klinikum Bremen Ost
Und das äußert sich dann durch verschiedene Symptome?
Genau. Das ist ja immer so, wenn Nerven oder Nervenzellen untergehen am Gehirn, die wachsen nicht wieder, oder stellen sich beim Wiederwachsen sehr zickig an. Und deshalb ist es ungünstig, wenn sich Nervenzellen entzünden und degenerieren.
Wie behandeln Sie Multiple Sklerose?
Die akute Entzündung muss unterdrückt werden, damit sich die Teile des Gehirns erholen – oder die Läsionen, die Schädigungen am Gehirn so klein bleiben, dass der Rest des Gehirns das kompensieren kann. Wenn die Entzündung aber nicht behandelt wird, dann gehen die Nervenzellen oder Neurone zugrunde. Und dann wachsen die in der Regel nicht wieder. Bei der Akut-Therapie geben wir deshalb in der Regel hochdosiert Cortison, aber man muss auch eine dauerhafte Immuntherapie machen, damit nicht immer wieder Entzündungen entstehen, die Krankheit ist ja chronisch und deshalb kommt es wieder zu MS-Schüben.
Wie sieht eine Immuntherapie aus? Was hat sich da in den letzten Jahren getan?
Da hat sich viel entwickelt innerhalb der letzten zehn Jahre und innerhalb der letzten fünf Jahre ist das noch einmal galoppierend mehr geworden. Früher hat man das Immunsystem grob unterdrückt. Dann ist der Patient aber auch anfälliger für Infektionen und das Immunsystem kann schlechter maligne Zellen finden und bekämpfen. So kann es häufiger zu Tumor-Erkrankungen kommen.

Aber mittlerweile hat sich in der Forschung so viel getan, gerade in den Neurowissenschaften, dass eine Vielzahl von Medikamenten zugelassen ist, die sehr effektiv sind, und das Immunsystem sehr speziell und sehr spezifisch unterdrücken. Und vor allem das Immunsystem, das im Gehirn wirksam ist.

Es gibt keine Erkrankung, bei der sich die Therapie dynamischer entwickelt hat in der Neurologie, als bei der Multiplen Sklerose. Und dadurch, dass wir so viele Therapeutika zur Auswahl haben, kann man sich bei den Patientinnen und Patienten die Läsionslast anschauen – wie viele Schädigungen haben sie – wie alt ist er oder sie, will sie noch schwanger werden? Da können wir uns dann gezielt ein passendes Präparat aussuchen.
Die Ursachen waren immer unklar, ist man da weiter?
Es gibt epidemiologische Studien, man schaut sich also große Mengen an Patienten an und prüft, welche Besonderheiten sie haben. Man weiß inzwischen, dass die MS um den Äquator herum seltener auftritt als in skandinavischen Ländern oder Ländern auf der Südhalb-Kugel. Es muss also etwas mit der Sonneneinstrahlung zu tun haben, mit dem Vitamin-D-Haushalt, bei dem die Sonne einen großen Einfluss hat. Und eine Veranlagung muss vorliegen.

Und man hat jetzt untersucht – und das sind sehr gute Daten, weil man Millionen Datensätze analysiert hat – ob es Infektionen gibt, die diese Krankheit triggern, also auslösen. Vorausgesetzt, dass man eine bestimmte Veranlagung hat. Und hier scheint das Epstein-Barr-Virus eine große Rolle zu spielen. Das hatte man schon lange vermutet, aber die Auswertung dieser Datensätze hat das bestätigt.

Das Epstein-Barr-Virus ist als Pfeiffersches Drüsenfieber bekannt, 95 Prozent der Erwachsenen tragen es in sich. Und bei einigen löst es offensichtlich aus, dass das Immunsystem sich nicht nur gegen das Epstein-Barr-Virus, sondern auch gegen körpereigenes Gewebe richtet und dann kann es zu einer Multiplen Sklerose kommen. Und die Forscher haben herausgefunden, das niemand, der das Virus nicht hatte, MS bekommen hat.
Durch die Corona-Pandemie wissen mehr über Viren. Und gegen Viren kann man sich impfen lassen.
Noch nicht gegen das Epstein-Barr-Virus, aber diese Impfstoffe werden gerade entwickelt.
Ist das nicht genau das, was das Ergebnis dieser Studie mit Millionen Daten nahelegt und auch das, was die MS-Forschung erreichen will?
Ja, genau. Das kennt man auch von anderen Erkrankungen wie Demenz. Da weiß man auch, wenn man alltagsrelevante kognitive Einschränkungen hat, dann ist es eigentlich zu spät für eine Therapie, da sind schon viele Neurone, Nervenzellen, untergegangen. Aber wenn man vorhersehen kann, dass eine Person ein hohes Risiko hat, daran zu erkranken, dann könnten wir eine Prävention betreiben, damit sie keine Defizite bekommt. Und bei der MS ist es ähnlich. Wenn die Krankheit da ist und erste Läsionen hinterlassen hat, dann kann man das nicht zurückholen. Und gleichzeitig ist die Krankheit chronifiziert, das heißt, das Risiko bleibt erhalten, immer wieder Schübe zu bekommen. Aber wenn man dafür sorgen kann, dass der Trigger wegfällt, dann wäre das sehr effektiv.
Wie weit ist man denn genau mit einer Impfung, wann steht die zur Verfügung?
Es gibt Studien zur Epstein-Barr-Impfung, Impfstoffe werden getestet. Aber etabliert ist das noch nicht. Dazu ist die Datenlage noch zu dünn. Die Forschung verspricht sich allerdings schon davon, die Menschen einmal konsequent gegen das Epstein-Barr-Virus zu impfen. Und dann muss man schauen, wie sich die Inzidenz, also die Zahl der Neuerkrankungen bei Multiper Sklerose entwickelt, ob sie wirklich sinkt.

Eine Prognose, wann das sein wird, ist nicht möglich. Es kann ja gut sein, dass die Impfstoffe, die zurzeit getestet werden, nicht effektiv sind. Aber es wird schon lange daran gearbeitet. Das Epstein-Barr-Virus ist ja eine Infektion, die sehr wahrscheinlich auch zu Krebserkrankungen führt, vor allem zu Leukämien, beziehungsweise zu Erkrankungen des blutbildenden Systems. Und deshalb hat man schon lange versucht, einen Impfstoff zu entwickeln, vor 20 Jahren hat man damit begonnen. Mitte dieses Jahres sollen auch wieder aktuelle Daten vorgestellt werden. Aber es liegt noch ein langer Weg vor uns.
Sie nutzen die Medikamente, die Ergebnis von Forschung sind, vielleicht einmal auch einen Impfstoff. Welche MS-Forschung betreiben Sie in Bremen?
Wir haben ein Studienzentrum hier am Klinikum Bremen-Ost geschaffen und bieten selbst Studien an. Wir haben ja vergleichsweise viele MS-Patienten hier, die auch Immuntherapien machen. Das machen wir in Kooperation mit den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen in Bremen, die auch in Schwerpunkt-Praxen arbeiten.

Ab dem 1. Juni haben wir dann in unserem Studienzentrum bessere personelle Voraussetzungen, weshalb wir weitere Studien anbieten. Das sind zum Teil sogenannte interventionelle Studien, in denen wir neue Medikamente ausprobieren. Und wir betreiben Studien mit Apps, um zu untersuchen, wie Patientinnen und Patienten mithilfe digitaler Parameter ihre Krankheit besser bewältigen können. Dann müssen sie sich nicht so oft und langwierig beim Arzt vorstellen und zum Teil nicht so oft neue MRTs machen. Die Apps wollen kontrollieren, wie die Symptome verlaufen; die Daten spüren so eventuell Erkrankungsaktivität auf. Diese Tools werden geprüft, und an diesen Studien sind wir beteiligt.

Welt-MS-Tag: So lebt eine 22-Jährige mit Multipler Sklerose

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Mai 2022, 19:30 Uhr