Kommentar

"Liebe Impfskeptiker: Ihr überspannt den individualistischen Bogen"

Audio vom 23. November 2021
Eine Mitarbeiterin der Malteser nimmt sich fertige Spritzen mit Impfstoff von Biontech
Bild: DPA | Jan Woitas
Bild: DPA | Jan Woitas

Die Corona-Lage eskaliert. Da hilft auch kein 2G-Plus mehr – das sei eh nicht zu kontrollieren, meint Redakteur Martin Busch. Aber die Impfpflicht wäre ein Ausweg.

"Geimpfte stecken sich doch auch an!" Diesen Satz hört man seit einiger Zeit immer wieder. Ja, das ist richtig. Sie landen aber in der Regel nicht auf den Intensivstationen und nehmen Krebs-Patienten den Operationstermin weg. Meine Freiheit endet spätestens dort, wo sie die Freiheit eines anderen beschneidet.

Impfskeptiker verstärken die Spaltung der Gesellschaft

Noch nie hatte der Einzelne so viele Handlungsoptionen wie heute und das ist im Prinzip auch gut. Aber liebe Impfskeptiker – und ich sage bewusst nicht Impfverweigerer: Ihr überspannt den individualistischen Bogen. Der Kampf gegen dieses Virus geht uns alle gleichermaßen an. Wir leben zusammen in einem Staat, einem Gemeinwesen. Jens Spahn (CDU) hat völlig Recht: Es ist eine nationale Notlage. Und da kommt es darauf an, dass alle 83 Millionen an einem Strang ziehen und ihre Partikularinteressen mal kurz beiseiteschieben. Gemeinschaft demonstrieren.

Wenn Ihr das nämlich nicht tut, liebe Impfskeptiker, dann werdet Ihr diese Pandemie unnötig in die Länge ziehen. Was bringt es, wenn wir Geimpften uns boostern lassen, Ihr aber keinen einzigen Piks gegen Corona bekommen habt? Ihr werdet die gesellschaftliche Spaltung, die Ihr selbst beklagt, verstärken. Ich zum Beispiel werde mit Sicherheit Wut verspüren, wenn meine Kinder Euretwegen nochmals Homeschooling machen müssen oder erneut wochenlang nicht zum Fußball dürfen. Ach ja, weil Sachlichkeit in der Debatte oft zu kurz kommt: Das Risiko einer schwerwiegenden Nebenwirkung der zugelassenen Vakzine liegt bei 0,02 Prozent, betrifft also statistisch eine von 5.000 Personen. Aber jeder Zehnte, der sich ungeimpft mit Sars-Cov-2 infiziert, muss mit einem schweren Krankheitsverlauf rechnen.

3G-Regel am Arbeitsplatz reicht nicht aus

Und was die verschärften Regeln betrifft: 3G am Arbeitsplatz wird den einen oder die andere sicher wurmen. Will man vielleicht doch nicht, dass der Chef erfährt, dass man zur Gruppe der Ungeimpften gehört. Am Ende meint er, man sei Querdenker. Im öffentlichen Leben jedoch, dort, wo viele Menschen an einem Ort zusammentreffen, vor allem drinnen, ist diese Maßnahme nicht ausreichend. Da braucht es angesichts der eskalierten Infektionslage wohl 2G plus: geimpft, genesen und ein aktueller Test, um sicher zu gehen. Das Problem ist: Deutschland kriegt das mit dem flächendeckenden Kontrollieren ja nicht hin. Personalmangel. Getrickst und betrogen wird zudem.

Und diese suboptimalen Rahmenbedingungen verhindern eine effektive Ausgrenzung, sprich, dass der Leidensdruck von Euch Ungeimpften so groß wird, dass möglichst viele den Schalter im Kopf umlegen. Deshalb fürchte ich, werden wir nicht drumherum kommen. Ich habe schon einige Jahre vor der Pandemie geschrieben, dass die Solidarität in Deutschland ein Überbrückungskabel benötigt. In der aktuellen Situation weiß ich sogar, welche Erscheinungsform dieses Überbrückungskabel haben muss und Verfassungsrechtler halten es auch für möglich: die einer allgemeinen Impfpflicht gegen Corona.

Neues zentrales Impfzentrum entsteht am Brill in Bremen

Video vom 19. November 2021
Die Sparkasse am Brill.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Martin Busch Nachrichtenredakteur

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 22. November 2021, 8:47 Uhr