Interview

Hitzeaktionsplan: Bremen will ihn, Mannheim hat ihn schon

Während der Hitze suchen Menschen wie hier in Mannheim Abkühlung.
Während der Hitze suchen Menschen in Mannheim Abkühlung. Bild: DPA | Daniel Kubirski

Bremen arbeitet am Hitzeaktionsplan, andere Großstädte sind schon weiter. Wie Mannheim das Projekt trotz Pandemie umgesetzt hat, verrät die verantwortliche Koordinatorin.

Bremen will bis 2023 einen Hitzeaktionsplan entwickeln. Mannheim ist da schon weiter. Die im Oberrheingraben gelegene Großstadt hat im Zuge des Forschungsprojekts "SMARTilience" zur Klimafolgenanpassung einen Hitzeaktionsplan erstellt, der seit diesem Jahr umgesetzt wird. Alexandra Idler koordiniert das Projekt für die Stadt Mannheim.

Frau Idler, ist es realistisch, einen Hitzeaktionsplan für eine Großstadt innerhalb eines Jahres zu erstellen?
Es kommt darauf an, wie umfangreich er sein soll, was Bedarf und Ziel sind. Auch wir hatten wenig Zeit – ein gutes Jahr. Und wir haben einen sehr umfangreichen Hitzeaktionsplan erstellt. Wobei wir noch die Herausforderung hatten, dass es im Grunde keine Referenzen gab. Es gibt zwar international einige Aktionspläne, aber auf nationaler Ebene fehlen sie noch.
Alexandra Idler
Alexandra Idler koordiniert für die Stadt Mannheim die Entwicklung und Umsetzung eines Hitzeaktionsplans im Zuge des vom Bund finanzierten Forschungsprojekt "SMARTilience". Bild: Alexander Kästel
Wie haben Sie den Plan entwickelt?
Wir haben uns in Mannheim mit allen an einen Tisch gesetzt und die Maßnahmen gemeinsam erarbeitet. Dass alle, die eine wichtige Rolle in der Umsetzung haben, von vornherein mit ihrer Expertise einbezogen werden, halte ich für wichtig. Dazu muss man aber Zeit einplanen.
Wäre es nicht schneller gegangen, erst ein Konzept zu erstellen und dann mit den Beteiligten in die Detailarbeit zu gehen?
Ja. Ich habe auch schon gehört, dass andere Kommunen das anders machen. Ich weiß allerdings nicht, was jetzt besser oder schlechter ist. Auch wir haben das Rad nicht neu erfunden. Wir haben nun Maßnahmen drin, die zum Teil schon heute bei Hitze in verschiedenen Einrichtungen wie zum Beispiel Pflegeheimen und Kitas umgesetzt werden. Wir haben dann geschaut, wo es Bedarf gibt und wo wir schon was machen. Da geht es um Trinkprotokolle, um Verschattung an Hitzetagen und so weiter.
Sie unterscheiden gefährdete und hilflose Gruppen. Warum?
Hitzevulnerabel, also gefährdet, sind wir letztlich alle. Egal, ob mit oder ohne Vorerkrankung, mit oder ohne Behinderung, niemand kann 50 Grad im Schatten aushalten. Uns war es aber wichtig, vor allem die Hilflosigkeit zu thematisieren. Also diejenigen, die sich bei einer Hitzewelle nicht selbst helfen können, die nicht entscheiden können, ob sie jetzt ein Glas Wasser mehr trinken oder im Schatten bleiben wollen.
Ein Mann schiebt eine Person in einem Rollstuhl über einen Flur.
Hilflose Menschen stehen im Mannheimer Hitzeaktionsplan im Mittelpunkt. Bild: DPA | Monika Skolimowska
Sie haben darüber hinaus viele Untergruppen identifiziert: zum Beispiel Ältere, Pflegebedürftige, Säuglinge, geistig behinderte Menschen oder Wohnungslose. Wie wichtig ist diese präzise Einteilung?
Das hat uns beim Aufbau des Aktionsplans sehr geholfen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht bei einer weiteren Überarbeitung des Plans noch weitere Gruppen mit reinnehmen: zum Beispiel im Freien arbeitende Menschen oder Sportlerinnen.
So genannte Multiplikatoren spielen in Ihrem Plan ebenfalls eine wichtige Rolle. Seien es Streetworkerinnen, Pfleger, Stadtwerke, Einzelhandelsverbände und viele mehr. War es schwierig, sie an einen Tisch zu bekommen?
Dazu muss man sagen, dass wir unseren Plan während der Corona-Pandemie erstellt haben. Das war herausfordernd. Denn viele der Personen, die wir in dem Prozess gebraucht haben – aus der Pflege, aus dem Gesundheitswesen, aus der Verwaltung – waren durch die Pandemie besonders eingebunden. Dennoch haben wir für unsere Workshops, die wir alle online gemacht haben, immer alle einladen können, die wir gebraucht haben, auch wenn es dann mal eine Vertretung war.

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie uns gerade die Türen eingerannt werden.

Alexandra Idler, Projektkoordinatorin für den Mannheimer Hitzeaktionsplan
Wie haben Sie die Maßnahmen ausgewählt, die es in den Plan geschafft haben?
Wir haben eine BürgerInnen-Befragung gemacht, wir haben Umfragen gestartet, wir haben durch die Interviews nochmal Impulse bekommen. Das ist alles zusammengeflossen und wurde dann in den Workshops mit den Beteiligten diskutiert und ausformuliert. Danach haben wir gemeinsam entschieden, welche Maßnahmen mit aufgenommen werden.
Dazu zählen beispielsweise Duschmöglichkeiten für Obdachlose, barrierefreie Toiletten und Infobroschüren in Arztpraxen. Gibt es besonders wichtige Maßnahmen?
Alle Maßnahmen, die wir aufgenommen haben, sind aus unserer Sicht wichtig. Da priorisieren wir nicht. Man kann aber sicher nochmal zwischen den übergreifenden Maßnahmen unterscheiden und jenen, die nur für bestimmte Gruppen bedeutend sind. Mit ersteren sprechen wir ja alle Menschen gleichermaßen an. Das ist zum Beispiel die Zusammenstellung von kühlen Orten oder die Hitze-Homepage.
Jacken von Kindern hängen an Kleiderhaken in einem Kindergarten.
Auch für Kleinkinder sind im Mannheimer Hitzeaktionsplan Maßnahmen entwickelt worden. Bild: Imago | Biky
In Bremen gibt es zwar noch keinen Hitzeaktionsplan, Informationsangebote und Trinkbrunnen existieren aber schon heute. War das in Mannheim auch so?
Viele Sofortmaßnahmen im Gesundheits- und Pflegebereich wurden schon vorher umgesetzt. Auch bei Maßnahmen wie Trinkbrunnen gab es schon vor der Erstellung des Hitzeaktionsplans Anfragen und Pläne. Wir haben alle diese Maßnahmen jetzt aber nochmal zusammengefasst.
Wie läuft die Umsetzung?
Wir sind seit Februar in der Umsetzung. Das heißt, wir gehen jetzt in unseren ersten Sommer. Und wir haben nicht die Kapazität, in dieser kurzen Zeit sofort alle Maßnahmen zu beginnen, die geplant sind. Eine erste Einschätzung, wie es läuft, können wir wohl erst in ein oder zwei Sommern geben.
Haben Sie dennoch das Gefühl, dass der Plan schon etwas bewirkt hat?
Ja. Das merken wir auf jeden Fall an der Resonanz. Die Reichweite ist groß. Das spiegelt sich zum Beispiel in den Anfragen von anderen Kommunen wider. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie uns gerade die Türen eingerannt werden. Der Bedarf ist offenbar sehr groß. Und wir freuen uns über jede Anfrage. Das gilt übrigens auch bei den Beteiligten vor Ort. Die Nachfrage nach unseren Broschüren, die wir in Museen, Bibliotheken, Arztpraxen oder Supermärkten auslegen wollen, ist schon jetzt doppelt so hoch wie die bislang für die kommenden zwei Jahre geplante Auflage.

Bremer SPD fordert Erstellung eines Hitzeaktionsplans

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Juli 2022, 19:30 Uhr